Montag – Quarantänetag4

Der Wert des Tagebuchschreibens könnte sich jetzt zeigen,hatte ich das Geschriebene nicht im letzten Sommer verbrannt. Ein Befreiungsakt, ein Bärendienst, denn nun sehe ich meine Unfähigkeit Zeitabläufe in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Der Text sperrt sich. Die Akten der Bstu wären eine Hilfe, aber seit der Beantragung im August ist nichts mehr passiert.

Vergiss es , hatte er gesagt, geschreddert schon längst. Ich habe es trotzdem versucht.

Quarantäne Tag 4. Der Versuch etwas aufzuschreiben, etwa 10 Seiten . Und ich habe zehn Wochen.

Wenn ich die Zeit der Isolation nutze, könnte das Gerüst am Ende der Woche stehen.Es ist eine Hausaufgabe, nichts wovon etwas abhängt.

Es liesse sich gut in diese Zeitzeugengeschichte einbauen.

Sonne und Wind. Ich sehe es vom Badfenster aus. Jemand legt mir ein Paket vor die Tür. Es ist Der Ursprung von Ayn Rand. Der Bücherstapel darf nicht höher werden

Dr. Faustus/ Thomas Mann

Imre Kertesz Letzte Einkehr

Schalamow über Prosa

Ayn Rand

H.G Wells wartet auch

Sonntag mit Sonntag

„Am Fluss“ schreibt Karla, wir sollen ein Gedicht in englisch schreiben. Brauchte etwas Stille.“

Auszug:

The demand of indepency,

the desire to rely on me,

the boldness of reaching after

knowledge so far,

but belonging to people so singular

Und sonst:

Typischer Wintertag in diesen Breiten, ein Wetter zum Erbarmen.

Adrian Leverkühn hat sich in der Nähe von Leipzig eine Bleibe auf dem Land gesucht. Die Hausgemeinschaft ist speziell. Man taucht ein wie in die Salonabende bei Proust. Nur die Gesellschaftszugehörigkeit ist eine andere. (Thomas Mann Dr. Faustus)

Es fällt mir ungeheuer schwer hier einzutauchen. Es erschließt sich nicht von selbst. Ohne Kommentare geht es nicht.

Und sonst? : Man fühlt das Virus förmlich durch den Körper wandern. Es schein nun Bronchien und Lunge erreicht zu haben.

Habt einen schönen Sonntag

Übung 4 Nachtrag-der Vater

Papa

Der babbelt mit niemande mehr.

Merkwürdig überdimensioniert wirkt der Nachbar auf seinem metallenen Krankenhausbett.

Geruch nach Desinfektion. Stickig. Schwer. Wo ist die Mandelblüte?

Ich lege meine Hand auf deinen Handrücken. Bleich und wächsern, kühl wie ein gebrochener Flügel. Du warst immer voller Kraft.

Geschlossene Lider.

Kind

Du ringst nach Luft.

Gäbe se ihm Sauerstoff mit de Schlauch, sagt die Krankenschwester. Vielleicht könne se ihn füttern. Du würdest nicht mehr zu dir nehmen, sagt sie und bringt eine Frikadelle. Du würdest eigentlich auch nicht mehr sprechen. Er will nimmer, sagt sie.

Können sie die pürieren? Er hat keine Zähne im Mund.

Eis!

Nach dem Essen okay?

Du sagst etwas. Ich verstehe es nicht. Ohne Zähne, ohne Luft.

Frau R.? Sie ist tot.

Du schüttelst den Kopf. Sag noch mal.

Frau R. wartet da oben auf dich? Mit Bratpfanne? Kriegst du auf den Kopf?

Ja vielleicht, sage ich. Hast mich halt immer zu spät abgeholt. Und zur Strafe gibt es süßsauer eingelegten Kürbis wirst sehen.

Du isst.

Der bettnachbar zeigt sich beeindruckt.

Wir haben uns Jahre nicht gesehen.

Frau R. betreute mich. Ich zeigte mich zu schwächlich für die sozialistische U3 Gemeinschaftserziehung. Und auch später im mutterlosen Jahr. Die Betreuung. Eine skurrile alte Dame in Dederonschürze die mit ihrer Mutter zusammenlebte in einer winzigen Plattenbauwohnung. Andere Geschichte.

Wo kommense denn her? Der Bettnachbar fragt. Ich muss Eis holen, sage ich entschuldigend.

Im Gang der junge Arzt der mich an M. erinnert. Wie lange noch?

Nicht mehr lange, aber eine Prognose kann ich nicht geben.

In den Fluren auf dem Weg zur Eistruhe dieser pfälzische Dialekt.

Ich war nie im Pfälzer Wald

Übung 5- der Vater

Empfindest du Schuld, wenn dich ein Arzt oder eine Ärztin, jung wie dieser, behandelt.

Ich empfinde Schuld. Alles in mir ruft Taterkind- das ist die Schere. Deine Schuld, die zu meiner wird und meine Liebe zu dir. Und ich sehe wie dieser junge Arzt mir zuschaut vom Flur aus, während ich dich füttere.

Hast du dir angesehen wo sie die Jahre verbrachten, die sie bessern sollten? Heilen sollten vom falschen Gedankengut? Genesen sollten von Wünschen nach einem freien Leben. Ich habe es gesehen.

In der Nacht träumte ich das du in meinen Armen starbst, weil ich es gewagt hatte dich an die Öffentlichkeit zu ziehen. Du

Du sprachst von Verrat. Eine Absurdität