Sonntag-Erster Advent mit Vereinbarkeit -Wochenheim Rückblick

Rückblick:

Wenn ich es benenne-so war Block 635 ein Zuhause. Dann schlug das fünfte Jahr zu.

Gemeinschaftliche Unterbringung in einem Wochenheim. Ein Staat erzieht die Kinder- ohnehin unbelasteter als ein Elternhaus gewöhnlicherweise vermag. So die Meinung führender Politiker.

Ich sehe mich-fünf Jahre alt-an der Fensterscheibe des Wochenheimes stehen. Ich sah auf den Block 635, der nun nicht mehr mein Zuhause war. Manchmal hoffte ich, meinen Vater die Straße entlang laufen zu sehen. Ich sah ihn nie. Mama war in Berlin-studieren. Von der Näherin zur Sozialpädagogin, das hatte ihr der Staat ermöglicht.

Heute morgen las ich Simone de Beauvoir im Interview mit Alice Schwarzer. Ihre radikalen Ansichten schockierten mich. Keine Familie-weil Joch. Wer so was schreibt, dachte ich, kann keine eigenen Kinder gehabt haben. Denn, für mich jedenfalls war es kein Joch. Es müsste nur anders gehen. Damals, als die Kinder noch klein waren, hätte ich mir gewünscht:

dass jemand mir beispielsweise einem Elternteil ermöglicht zu Hause zu bleiben. Drei Jahre. Bei Anna hatte ich ein ganzes Jahr. Bei den jüngeren Kindern, war ich gezwungen nach drei Monaten wieder mit arbeiten zu beginnen. Und ja, ich konnte nicht stillen weil es schlichtweg nicht möglich war. Ich stand morgens irgendwann vor sechs in der eisigen Kälte und dachte, dass es nicht richtig sein könne. Ich ging arbeiten um Kinder zu betreuen, zu fördern zu erziehen, zu bilden, während mein Kinder von einer Tagesmutter betreut wurden. Ein Jahr übernahm X, sonst teilten wir uns in den Tag. Klinke in die Hand. Aber er war ein wunderbarer Vater gewesen.

Geld war immer knapp. Geld war die Schlinge die sich um den Hals zog. Es gab keine Möglichkeit etwas schön herzurichten, weil der Kredit gerade mal für den Abtrag reichte. Vielleicht auch, weil wir damals anders gewichteten.

Musikinstrumente, Ballettunterricht, Reiten.

Und sonst? : Juna fragt mich, ob ich mit zum Thaiboxen komme. Ich hatte ihr unlängst erzählt, dass ich in einem Kellerraum einen Boxsack gefunden hatte und welchen Spaß das machte.

Weiß nicht Juna, zum Boxen gehört Bein Arbeit. Und ich kann nichts regelmässig machen wegen des Schichtdienstes.

Adventskaffeetrinken in einem wunderschönen Haus mit Bullaugen.

Der Urlaub neigt sich dem Ende. Eremitisch war er geprägt. Ich habe gelesen, gelesen, gelesen. Danke Julius für die wunderbaren Fahrten nach Flensburg und Hamburg und den Nachhilfeunterricht zur Weimarer Republik. Die kleine Wohnung in der kleinen Straße ist ein heller, lichter Ort. Und dennoch:….

t.

Freitag mit Sartre

Sartre’s große Frage Mitte der vierziger Jahre lautete: Wenn wir davon ausgehen, dass wir frei sind, wie können wir unsere Freiheit in einer so herausfordernden Zeit konstruktiv ausüben?

….forderte er seine Leser auf zu wählen, in was für einer Welt sie leben wollen, und sich dafür engagieren.

Von nun an, schrieb er, müssten wir uns stets vor Augen halten, dass wir über die Mittel zu unserer Selbstvernichtung, ja vielleicht zur Auslöschung des gesamten Lebens auf unserem Planeten verfügen. Wir selbst seien die Herren unseres Schicksals. Wenn wir weiterleben wollen, so Sartre müssen wir uns bewusst für das Weiterleben entscheiden. Das war Philosophie für eine menschliche Spezies, die sich selbst das Fürchten gelehrt hatte,….“

„Café der Existenzialisten“ von Sarah Bakewell

Donnerstag mit Grace O Malley

Immer noch im zwölften Kapitel (Ulysses- James Joyce)

werden am Stammtisch nun revolutionäre Reden geschwungen, durchaus polemisch.

Spannend wird es mit Grace O Malley: „irische Stammesführerin, die besonders als Kapitänin und Piratin berühmt wurde. Und in dem Ruf stand, alle Rebellionen der Provinz zu unterstützen. „

Mittwoch mit: im Herzchakra Sankt Paulis

Kleines Café, Bässe, Joyce ergeht sich noch immer im Karrikieren von irischen Heldenmythen.

Ermüdend.

„Also, soll ich dir das zeigen?“, fragt jemand am Nebentisch. Ein Mittvierziger-Typ gediegen.

Der andere auch- Mittvierziger-ebenfalls gediegen. Er zeigt alle Chakren von Kopf bis Fuß. Benennt sie: Herzchakra.

‚Jetzt reisen wir durch die Chakren und sagen immer ein und denselben Satz. „

Das mit Ulysses wird hier nichts.

Packe meine Sachen, vorbei am Dom. In den Bunker.

Hamburg hat was. Der Bunker auch.

Irgendwie Ähnlichkeit mit dem Goetheanum.

Dienstagstelefonat-Hund in der Pfanne

Bild oben „Saskias Werk-Telefonkritzelei“

Kurz vor Mitternacht. Saskia und ich telefonieren seit drei Stunden.

Georgia O Keefe hatte einen Chow Chow.“

Weiß nicht Saskia, die sind mit Vorsicht zu genießen.

Luise hat mir mal einen Mops empfohlen. Gut zum Lesen, hängt nur ab.

„Oh nee, keinen Mops!“

Aussies sind cool, wollen aber viel Input.

Warte mal, ich hatte einen Westhighlandterrier. Der war Klasse.

Hatte ich mir von der Schweiz eingeschleust. Mit eurythmischen Namen. Von der Größe her kein Hund, eher so ein Mittelding zwischen Katze und Hund. Super frech und dickköpfig.

„Ich mag ja eher so Irische Wolfshunde.“ Aber in ner Stadtwohnung. Als ich früher noch in einer WG gewohnt habe, hatte mal jemand ne Dogge mit. Wir saßen praktisch um die Dogge drum rum, auf dem Boden und immer wenn sie mal aufgestanden ist um sich zu drehen, fiel etwas um.“

Pudel?

„Nee.“

Immer noch Dienstag mit Gesang der Löwin

“ Du kannst meinen Fluss nicht bändigen.

Du willst mich auslöschen, ich aber werde nicht weichen von dieser Stätte.

Ich werde weiter tanzen, so lange ich mich halten kann.

Meine Stimme wird zu hören sein, so lange ich lebe, in Wut, Getöse und Erhebung.

Du kannst meinen Fluss nicht bändigen.“

Aus die Löwin des Iran- Simin Behbahani

Dienstag mit Gladiolus Cruentus

Klirrende Kälte. Öffne das Fenster zur Straße. Schnee auf Autodächern.

Das zwölfte Kapitel im Ulysses mit seinen Parolen und antisemitischen Ausfällen, fällt mir schwer. Joyce gibt den Sound der Zeit wieder. Kneipenszene.

Folge ich den Verweisen akribisch, lande ich plötzlich bei den Römern und Etruskern. Einer Gladiole wegen.

Egal wo ich beginne, Nahostkonflikt, Ästhetik des Widerstands, Joyce- überall zeigt sich, dass ich nicht viel weiß. Zusammenhänge erschließen sich nicht. Wenn sie das sollen muss ich nacharbeiten, mir Geschichtswissen aneignen. Der Besuch der Uni als Gaststudentin- nicht möglich. Der Schichtdienst steht der Kontinuität entgegen.

Gespräch mit S., auf einer langen Autofahrt, über die Weimarer Republik. Erklärs mir noch einmal, sage ich an manchen Stellen.

Mein Vater hat die Schule nur bis zur sechsten Klasse besucht. Ich weiß nicht, wie es ihm gelang, sich solch ein umfassendes Wissen in Geschichte, Politik, Philosophie, Literatur und Musik anzueignen. Er war Handwerker. Schrieb seiner Gattin mal für die Uni eine Hausarbeit in Philosophie. Der Dozent beglückwünschte meine Mutter zu dieser außerordentlichen Leistung. Bitte widerholen sie das.

Und sonst?

Diesen Film gesehen.

Sonntag mit: Schnee in der kleinen Straße

Für mich gibt es nur Sonn- oder Montage. Von wem ist das Zitat?

Es trifft. Eine Woche Sonntag. Der Geruch von Bienenwachs und Orangen. Kleine Schneeflocken schweben am Fenster entlang. Lese etwas von Sayyid Qutb über Kapitalismus, Sozialismus und Werte.

Ich bin noch nicht weit. Zu Beginn die Frage: was macht den Menschen zum Menschen.

Eine Woche voller Sonntage. Abtauchen, eintauchen, lesen. Allein sein wollen, allein sein müssen um wieder Luft zu bekommen nach einem Monat Dauermontag.

. Nur die Drei haben Zugriffsrechte:) immer.

Der Bücherstapel; Natalie Amiri: Zwischen den Welten, Ulrich Kienzle Tödlicher Naher Osten

James Joyce Ulysses

Peter Weiss

Wochenrückblick:

Ich will verstehen.

Gesehen diesen Film: https://www.teherantabu-film.de/

Gehört:Luise Amtsberg zum Iran.

Gelesen: Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss.

Gegessen: nichts bemerkenswertes