Zugespräche-Tinder nicht Kinder

Finally im Zug nach Hamburg. Zwei gepflegte Damen etwa Mitte sechzig.

“ Ach ich weiss gar nicht ob ich noch mal einen will. Vierzig Jahre Ehe. „

Meine Kinder sagen immer ich soll zu Tinder gehen?

Zu was?

Tinder nicht Kinder.

Ich war auch Mal in so einer Vermittlung.

Und ?

Ach zwei Mal hab ich einen getroffen
Aber das war irgendwie nichts. Ganz anders als auf dem Foto. Der eine war zu klein, der andere roch so komisch.

„Im nächsten Leben suche ich mir einen Stinkreichen.“

Später geht es um füllige ältere Frauen die von jungen Afrikanern ausgenommen werden.

“ Ach aber Männer sind auch doof. Die fallen auf Russinnen herein.“

Der Mittvierziger der den Beiden gegenübersitzt bleibt am Laptop arbeitend unbeeindruckt.

Später als der Gesprächsstoff offensichtlich dem Ende zugeht beginnt eine zu lesen.

“ Gott schützt die Liebenden“ steht auf dem Einband.

Erfrischend in der Lebendigkeit. So habe ich die letzte Zugetappe empfunden. Seit sieben Stunden unterwegs

“ Sich blind zu stellen, das gehört ab jetzt zu seinem Leben dazu.

Nur als Blinder kann er leichten Schrittes an der Seite seiner neuen , schönen, jungen Begleiterin gehen „

Zerrsichtigkeit:

Zerrsichtig war sie bestimmt. Und jetzt ist ihr alles durcheinandergeraten, die ganze Welt verseucht, von Unrat überhäuft.

Am besten man wirft die Brille weg, lässt sie ins Waschbecken fallen, verlegt sie, damit man nicht sieht, was passiert.

Aber man sieht ja doch.“

Ingeborg Bachmann und Max Frisch von Ingeborg Gleichauf

Dienstag mit Malina v. Ingeborg Bachmann und dünner Luft – eventuell temporär

Wage zu behaupten, das intensivste Buch der letzten Jahre gelesen zu haben.

Es ist jetzt unter der Haut.

In den frühen Morgenstunden lese ich den letzten Satz:

Es war Mord.

Und sonst?:

Man kann das Haus wieder verlassen. Die Hitze legte sich. Der stetige Feueralarm verstummte. Potsdam bevor es an die Ostsee zurückgeht.

Ich denke: wir haben keinen Ort mehr. Jedenfalls ist keiner für mich vorstellbar. Das verschiebt die Ebenen.

Alexander Carmele: hast du eine Idee, welches Buch auf Malina folgen könnte?

Ich habe es ganz nach oben gehoben. Dort wo die Luft dünn wird. Jetzt kann es nicht mehr atmen.

“ Was hast du in den Jahren danach erreicht?(legato) Nichts. Zuerst nichts.

Dann habe ich angefangen, die Jahre abzutragen. Das war das schwerste, weil in mir diese Zerfahrenheit war, ich habe nicht mehr die Kraft gehabt, auch nur die Akzidentien meines Unglücks wegzuräumen. Weil ich an das Unglück nicht herangekommen bin , war so viel Nebensächliches zu beseitigen, Flugplätze, Straßen,Lokale, Geschäfte, bestimmte Gerichte und Weine, sehr viele Leute, alles mögliche Gerede und Geschwätz.

In der Hauptsache aber eine Fälschung. Ich war ganz verfälscht.“

„Malina“ v. Ingeborg Bachmann

Montag mit Krokodil

„…öffnet manchmal ein wenig die Augen. Es sieht aus, als läge es nur träge da, als wartete es auf nichts…‘

“ Das Krokodil öffnet manchmal schmachtend den großen Rachen, es hängen die Fetzen, Fleischfetzen von den anderen Frauen darin, und mir fallen die Namen aller Frauen ein, die es zerissen hat, es schwimmt altes Blut auf dem Wasser, aber auch frisches Blut.“

„Ins Schwarze Meer sind aber drei Blutstropfen von mir, meine letzten, gemündet.“

Ingeborg Bachmann Malina

Sonntag – jetzt sucht er die Geschichte dazu

…hat eine kleine Lawine ins Rollen gebracht, damit ich erschrecke und diesen Wunsch nicht mehr äußere..

Nur täuschen wollte er mich, er löst eine zweite Lawine aus, ich verstehe langsam den Schnee, denn es soll mich der Schnee begraben, es soll mich keiner mehr finden.

Auf die Bäume zulaufend, wo Rettung und Halt ist , versuche ich feige zu schreien, ich wolle nichts mehr, es ist Lawinengefahr, man muß rudern mit den Armen, man muß schwimmen im Schnee, um oben zu bleiben, man muß treiben über dem Schnee.

.Aber…tritt auf ein Schneebrett und löst eine dritte Lawine aus, sie reißt unsere ganzen Wälder nieder, die ältesten Bäume, die stärksten, die fällt nun ihre unheimliche Kraft, ich kann meine Pflicht nicht mehr tun, ich bin einverstanden, das der Kampf ein Ende hat. “

„Malina“ v. Ingeborg Bachmann

“ Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu.“

“ Gantenbein“ v. Max Frisch