Samstag mit : die Stadt tönt- Ulysses lesen Kapitel 11

Aufgewacht mit diesem Gesang:

Nachtigall oder Lerche?

Der Morgen bricht an. Fünfte Stunde.

Mit dem Lesen des Ulysses verändert sich meine Aufmerksamkeit. Je nachdem worauf sich das Kapitel fokussiert.

Im 11. Kapitel Sirenengesang. Das wilde Getön am Beginn – die Ouvertüre.

“ Ein Segel! Ein Schleier wehend auf den Wogen- Bombardende Akkorde – im Kommentar steht: verweist auf die Eröffnungsszene von Verdis Othello

Othello hörend öffne ich das Fenster zur kleinen Straße. Polyphonie des Alltags.

Bei Anke Gröner lese ich nach, wie sie den Ulysses las.

Kapitel für Kapitel.

Ich scheiterte am Kapitel lesen. Beschloss es so langsam wie irgend möglich zu lesen, jeden Verweis folgen.

Othello am Morgen und darüber legt sich der Lärm der Stadt, das Rauschen der Heizung, das Türklappen im Flur.

Freitag mit Sirenen hinter Bar, Alles ist verloren und alles ist Musik.

Das elfte Kapitel im Ulysses. Wage es ohne Musik-theoretische Kenntnisse. Sirenen.

Bronze und Gold, Bardamen hinter der Bar. Fuge.

Vielleicht Dur und Moll.

Ein fast tauber Kellner bedient im angrenzenden Restaurant. Wachs in den Uhren. Alles ist Musik.

Bloom sitzt bei Leber. Es ist sechzehn Uhr. Boylan und Molli vollziehen den Ehebruch.

Alles ist verloren von Bellini erklingt.

Der Strom verlangsamt sich.

Und sonst: ruhige Nacht. Kein Käuzchen rief.

Noch einmal durchs Haus. Alles schläft.

Einsam wacht:

Rauchend auf der Bank im Laternenlicht. Kalte nebelschwere Novemberluft.

Lieblingsmonat.

11.000 Schritte ließen mich schlafen.

Später.Bricht der Morgen an. Zur fünften Stunde.

Quirlig, lachend, gut gelaunt.

Später zu Hause : Nachrichten auf Twitter zur Situation im Iran. Schwere.

Mittwoch mit . Gerade halten

Herbst in der Stadt- So anders. Auf dem Fensterbrett des Schlafzimmers hält sich ein winziges Ahornblatt auf der Spitze. Es zittert wie Espenlaub, aber es hält sich gerade.

Gerade halten.

„Du decodierst den Text?, fragt M.

Ja. Mit Hilfe derer, die ihn bereits decodiert haben. Ein völlig anderes Leseerlebnis. Eine Stunde meines Tages verbringe ich in Dublin. Zitronenseife in der Tasche, durch die Stadt schlendernd. Während Boylan sich an die kleine Verkäuferin heranmacht, mit Nelke im Mund, sie Schnuckelchen nennend. Eigentlich ist er ja auf dem Weg zu Molly. Boylan unterläuft. Alles.

Dedalus Geschwister sitzen derweil vor einem Topf gespendeter Erbsensuppe. Tiefe Armut. Vater unser der du nicht bist im Himmel.

Und sonst?: Herbst in der Stadt.

Montag mit: doch immer imgrunde uns selbst

„Jedes Leben besteht aus vielen Tagen, immer einem nach dem andern.

Wir schreiten durch uns selbst dahin, Räubern begegnend, Geistern, Riesen, alten Männern, jungen Männern, Weibern, Witwen, warmen Brüdern.

Doch immer imgrunde uns selbst.“

Dedalus 9. Kapitel S.318 / Ulysses /James Joyce

Sonntag mit: am richtigen Platz

Eine halbe Stunde vor Mitternacht auf dem nach Hause. Die Bergstraße tobt. Ende Oktober. Laute Musik, flackernde Lichter, Halloweendresscode. Ich kehre von der Arbeit zurück.

Auch hier wurde gefeiert. Was für eine Party.

Krass mit was für einen Ethos manche Menschen leben, denke ich.

Eine Frage der Haltung.

Eine Haltung zur Aufgabe: Eine klare Einstellung zum Miteinanderleben auf Augenhöhe mit allen Verschiedenheiten. Ideale. Der Versuch in die Wirklichkeit zu bringen. Glanz im Blick. Freude. Leben.

Gedanke: Ich sah heute Menschen, die auf dem Platz an dem sie sind, richtig sind.

Schönheit und Wert sind für mich genau dort.

Linie des geglückten Tages.