„Denn ich habe zu lange nicht gelebt“

“ In dieser animierten Welt einer Halbwilden lebe ich,

zum ersten Mal von den Urteilen und den Vorurteilen meiner Umwelt befreit, zu keinem Urteil mehr über die Welt bereit, nur zu einer augenblicklichen Antwort, zu Geheul und Jammer, zu Glück und Freude, Hunger und Durst, denn ich habe zu lange nicht gelebt.“

Ingeborg Bachmann “ Malina“

Immer noch Mittwoch mit Abschied

Auf dem Fahrrad, ich muss zur Instandhalterin. Der Weg führt an der Schule vorbei.

Überall stehen Kinder mit Blumen in der Hand.

Klara im Waldtierkostüm rief: Xenia!

Hej, wie schön euch noch Mal zu sehen. Was für ein schönes Kostüm. Eine Hauptrolle wie toll!

Die Direktorin würde verabschiedet werden. Sie hat diese Schule sehr geprägt mit all den Musicals und musikalischen Aufführungen. Auch Anna, Karla und Julius sind hier sehr gern zur Schule gegangen.

Jetzt stehen Klara, Fina und Michel mit Blumen in der Hand vor der Schule. Michel beschliesst noch schnell ein paar Gänseblümchen zu pflücken. Michel !Komm jetzt endlich !Der Tag beginnt mit leuchtenden Kinderaugen, einer fröhlichen , aufgeregten Atmosphäre.

Tag 2 des final Countdown und ich denke, dass dieser Tag gut beginnt.

Mittwoch: ausgesetzte Bücher

Nur noch eine Handvoll Bücher sind übrig. Die anderen fahren ICE, Paternoster, lassen sich im städtischen Krankenhaus restaurieren. Dostojewski ist im coolsten Cafe der Stadt ausgesetzt worden.

Das Zimmer wirkt merklich leerer.

Woran erinnert dich das?

An Großhennersdorf 89. Damals wusste nur niemand etwas.

Ich hatte alles verschenkt, nach und nach. Vorsichtig dosiert, damit niemand was bemerkte. Die Spinne war überall.

Das Bedürfnis einen leeren Raum zu hinterlassen.

Und dann?

Zug nach Berlin. Die Dokumente zu Jan gebracht. Wir saßen am Tresen einer Bar. Ich gab ihn den Umschlag.

Mit der Bitte: schick es mir bitte nach sobald ich ein neues Zuhause habe.

Ich war 19.

Niemand wusste von dem Vorhaben? Nein es hätte alles gefährdet.

Wie ging es weiter?

Zug nach Budapest.

Botschaft in Budapest. Überfüllt. „Sie kommen aus Deutschland? Ja.

Aus Ostdeutschland?

Ja.

Wollen sie dorthin zurück ?

Nein.

Taxi zum Zugligetlager.

Die ARD bat mich den Weg zum Eingangstor noch Mal zu gehen. Wegen der Kameraeinstellung.

Wanderrucksack auf dem Rücken. Mein Vater würde mich abends in der Tagesschau sehen.

Beweisbar?

Ja.

Sechs Wochen Streifzüge durch Budapest, zum ersten Mal mit D- Mark. Ich kaufte mir Sachen die vorher nicht erschwinglich waren. Kaffee, Langos, Eis

Der Unterschied zu heute?

Ich wäre in diesem Fall gern bis 2025 geblieben. Was zu mir gehört : die Kinder. Erst wenn sie das Nest verlassen haben, wollte ich gehen.

Abgesehen davon: Besitz beschwert mich, selbst Bücher. Das ist irritierend.

Welche Bücher bleiben?

Proust, Joyce.

Sünje Lewejohann, Frida Isberg, Wolfgang Schiffer, Marco Organo, Maxi Wander, Brigitte Reimann, Werner Bräunig.

Ich habe mich gegen Max Frisch entschieden. Ihn kann ich mir aus der Bibliothek holen.

Montag mit Rathaus

Einen riesigen Dank an die Beiden Mitarbeiterinnen, die Karla’s Anliegen bearbeiteten.

Was ist die sandinistische Befreiungsfront? Irgendwas mit Sozialismus und

Nicaragua.

Was ist magischer Realismus?

Welches Anliegen haben sie? Ausweis? Ja das klappt.

Karla und ich lesen auf roten Stufen. Sie Giaconda Belli, ich Ingeborg Bachmann.

Entschuldigung, sagt Karla, darf ich ein Foto machen? Ein biometrisches?

Wahnsinn sagt sie, was hier für Menschen arbeiten. Die Warterei könnte relativ unerträglich sein, aber der der für die Zuordnung der Anliegen zuständig ist hat tatsächlich eine besondere Art des Auftretens, freundlich, gut gelaunt, souverän, auf Augenhöhe.

Kundenorientiert sagt Karla, supercool wie er seinen Job macht. Das verändert die ganze Atmosphäre.

Ich spiele in Wien Schach mit Ivan und Karla bewirbt sich in Managua in einem Architekt*innenbüro, während wir auf roten Stufen lesen.

Stranden in Zagreb

Nachtrag zum Beitrag Flügge

Warum Zagreb?

Wir waren mit einer inklusive Gruppe in Kroatien im Urlaub. Ich betreute.

Dort war kein Krieg

Im Anschluss hatte ich ein Bewerbungsgespräch in einer anthroposophischen Einrichtung in Deva/Rumänien. Ich hatte damals noch diese Träume mit im Ausland arbeiten. Sekem in Ägypten oder Deva in Rumänien.

Ich fuhr mit dem Zug, aber die Verbindung war schlecht. Ich landete gegen Mitternacht in Zagreb auf dem Bahnhof. Ich hätte vier Stunden auf diesem menschenleeren Bahnhof warten müssen.

Es ist nichts passiert. Ich hatte einfach nur Angst. Fand ein Hotelzimmer mit megaschweren Türen. Blieb dort vier Stunden bis der nächste Zug kam.

Also nichts dramatisches. Die Stimmung in Zagreb war gedrückt. Am nächsten Morgen fuhr ich weiter.

Samstag mit Sommer- Tag 6- und Malina von Ingeborg Bachmann

Holunder ist im Verblühen.

Ligusterhecken verströmen ihren Duft, die Wiesen sind gemäht. Der Kuckuck ruft nicht mehr. Im Vorgarten blüht Fenchel, reifen Erdbeeren.

Noch einmal kann ich die Küche, die ich seit Monaten nicht mehr nutzte, bewohnen. In die Essecke stelle ich Rosen und Farn . Ich bereite Lasagne und Salat, Schmorgurken gefüllt. Die Borretschblüten verleihen dem sommerlichen Gerichten eine eigene Note .

Am Tisch unterhalten wir uns über Lou Andreas Salome und ob es möglich ist, dass Frauen und Männer befreundet sein können.

Diese Frage warfen die Mädchen in die Runde und baten Julius um seine Meinung.

Intensive Tage

Literatur: Tellkamp: es gibt nicht mehr viel zu sagen. Das Buch zerfällt in einen großartigen Teil, der stilistisch nahtlos am Turm anknüpft und den ich sehr gern gelesen habe, der andere Part bereitete mir Mühe, war oft sehr vereinfacht, kein Lesegenuss, eigentlich überall dort wo das Buch Ereignisse ab 2015 benennt – fällt es ab. Oder ich mag den Stil einfach nicht. In meinen Augen, hätte es dem Buch gut getan , sich in zwei Bücher aufzuteilen.

Malina; ich habe jetzt mit Malina von Ingeborg Bachmann begonnen.

Und sonst: dritte Woche Krankschreibung, seit gestern geht es bergauf.

Bekannte Materie – Tellkamp lesen – der Schlaf in den Uhren

Sprachgebrauch: nicht Gummibärchen oder Harribo sondern Gummitier.

Amiga Jazzplatten mit dem orangefarbene J. auf der in Schwarzweiß gehaltenen Plattenhülle.

Traumzauberbaum / Kinderliederplatte Lakomy

Samuel Marschak; das Tierhäuschen

( mein Gott hab ich das geliebt als Kind)

Plastik der drei Affen, nichts hören, nichts sehen, nichts sagen

Paul und Paula / Film

Zeitschrift : Filmspiegel

Jugendbrigade Adolf Hennecke

Der Fall Eschloraque alias operativer Vorgang Marmor

“ Unsere Sonne ging auf über dem Bitterfelder Weg und Leuna und Petrolchemischen Kombination, über dem berüchtigten 11. Plenum, und sie ging unter, wenn “ Unser Sandmännchen“ über die Bildschirme der Neubaugebiete flimmerte..“

Der schwarze Kanal- Sudel-Ede

Karl Eduard von Schnitzler

Dienstag mit stillgelegt

Die Feder in die Mitte des Sturms halten

Logbuch eines Umbruchs. Abgestoßen, aber noch nicht angekommen.

Hier greifen noch die Gewohnheiten die wir uns im letzten Jahr schufen.

Ich bin noch einmal ins Haus gezogen um die Nachmittage und Abende abzudecken.

Karla spielte gestern lange Klavier. Ich hielt es für Bach, aber es war ein Stück eines Rappers.

Nachts schickte Anna diese Nachricht. Ihr Fahrrad war auf der Kieler Woche gestohlen worden.

Wer macht sowas? Fahrräder.

Menschen die Fahrräder stehlen haben keine Moral. Das antworte ich.

Es gibt Menschen, denen fehlt das Areal für Moral und Empathie. Es interagiert einfach nicht, wie stillgelegte Straßen.

Keine schöne Erkenntnis, aber so ist es: leider.

Ich quäle mich mit Tellkamp herum. Das liegt nicht an dem Buch, sondern an der Schwierigkeit sich in diesen Tagen konzentrieren zu können.

Malina von Ingeborg Bachmann wartet bereits