Wilde aus dem Zuchthaus in einem offenen Brief an seinen Freund: „De Profundis“

„Wahrhaftig Robbie, das Leben im Gefängnis läßt einen Dinge und Menschen sehn, wie sie sie wirklich sind. Deshalb verwandelt es einen in Stein. Die Menschen draußen in der Welt, die lassen sich von den Trugbildern eines Lebens täuschen, das ständig in Bewegung ist. Sie drehn sich mit dem Leben um und tragen zu seiner Unwirklichkeit bei .“

Oscar Wilde „De profundis“

De Profundis ist ein offener Brief, den der irische Schriftsteller Oscar Wilde zwischen 1895 und 1897, während seiner Inhaftierung in verschiedenen englischen Zuchthäusern an seinen früheren Freund und Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas schrieb. Der Name der Schrift, die etwa 50.000 Wörter umfasst, ist dem Psalm 130 entnommen: „De profundis clamavi ad te Domine.“ – „Aus der Tiefe rief ich, Herr, zu Dir“.

Zitat Wikipedia

Oscar Wilde wurde wegen homosexueller Handlungen zu einer Zuchthausstrafe verurteilt.

Mittwoch mit Umkehrung und ‚De Profundis“ von Oscar Wilde

Das Faszinierende am derzeitigen Input von Literatur und Film, ist die Umkehrung.

“ Erzähle mir von der Welt der Schatten, die ich so geliebt habe“, schreibt Oscar Wilde aus seiner Zelle im Zuchthaus ( The profundis)

Auch in Orpheus stellt Cocteau das Leben als Schattendasein dar. Erst in der Unterwelt trennt sich Wichtiges von Unwichtigen, wird die Form sichtbar.

„Riders to the sea“ von Millington in Verfilmung gesehen.Sofort von der Sehnsucht nach Rackwick auf Hoy überfallen worden. Manchmal spreche ich mit John.

Ich verlasse das Haus selten.

Differentialdiagnostik im Januar. Ich bin mir sicher: man wird finden wo der Hund begraben liegt.

Weitere Zitate: “ Freilich von einem Gesichtspunkt aus weiß ich, daß ich am Tage meiner Entlassung lediglich von einem Gefängnis ins andere gehe, und zu Zeiten scheint mir die ganze Welt nicht größer als meine Zelle und ebenso voller Schrecken für mich.“

“ Frauen sind am verlässlichsten, weil sie kein Gedächtnis für das Wichtige haben.“

Oscar Wilde “ Der Profundis“

Dienstag mit Glaubensbekenntnis

Ehre sei Gott in der Höhe. Versprochen ist versprochen.

“ Das Testament des Orpheus“ von Jean Cocteau gesehen.

So den Morgen zu beginnen…

Nach Cocteau Highsmith zu lesen geht kaum. Sie holt einen gnadenlos in die Wirklichkeit zurück.

Das Fieber kommt stets erst am Nachmittag. Dafür aber verlässlich.

Anna las mir eine Gedichtsanalyse . Das mit den weissen Stiefmütterchen von Sarah Kirsch kannte ich noch nicht, mag es sehr.

PCR Test.

Zur Coronarunde: Ich erneuere mein Glaubensbekenntnis. Kryptisch.

Montag mit Orpheus von Cocteau und Alltag

Mein Gott denke ich. Man kann verstehen dass Camus sich damals in Maria Casares verliebte.

Was für eine Ausstrahlung. Was für eine Schönheit.

Ich lese in gewohnter Manier, ich folge den Links. Patricia Highsmith notiert alle Lektüren die sie liest und das sind viele. Alle Filme die sie sie sieht, alle Opernaufführungen die sie hört und sieht.

Am Wegweiser entscheiden ob man folgt oder nicht. Ich folge Orpheus und der Prinzessin in die Unterwelt. Welch ein Vormittag. Jetzt bin ich aufgetaucht und völlig erschlagen. Der Film endet mit der Rückkehr zum Gewöhnlichen, Unbewussten, Alltäglichen. Der Chauffeur bezeichnet es als Sumpf.

Und sonst? Lese bis spät in die Nacht die Tagebücher von Highsmith weiter. Warum schien damals eine Tiefe möglich, die heute fast unerreichbar scheint.

Julius baut für mich einen Schreibtisch aus Eichenholz. Ein kompliziertes Konstrukt zum Aufklappen (mein Zimmer ist zu klein für eine permanente Lösung) mit integriertem Bücherregal. Er sagt ich solle mir ein Bild überlegen für die Rückseite.

Im Schneeregen zum Wohnwagen gegangen um Emcke und Frisch aus der Kälte zu holen. Noch immer krank, aber auf dem Weg der Besserung. Ich vermisse die Arbeit durchaus, genieße aber lesen zu können ohne mir die winzigen Zeitschnipsel einteilen zu müssen. Lesen geht nur mit Zeit, wenn die Beanspruchung im Alltag zu übermächtig ist kann man es vergessen. Ich denke über Stundenreduzierung nach.

Von der Kindlichkeit-Lestagebuch Tagebücher Patricia Highsmith

„Dass die Kindlichkeit nie verlorengeht, sondern das Erwachsensein nur wie eine Fassade davor gebaut wird.

Im Innern denken wir wie Kinder, reagieren wie Kinder und haben die gleichen Begierden. Das Benehmen nach außen hin ist nur eine absurd aufgeblasene Blendwolke.“

“ Es heißt immer, es sei die Liebe, nach der wir ein Leben lang suchen oder es sei Ruhm. Aber es ist keins von beiden. Was wir suchen ist Verständnis.“

Zitat aus: Tagebücher von Patricia Highsmith

Sonntag mit Den Tagebüchern von Patricia Highsmith

Fieber, Schmerzen, die Entzündungswerte im Blut waren offenbar keine Eintagesgeschichte.

Den Morgen, fast war es noch Nacht, mit den Tagebüchern von Max Frisch begonnen. Sehr berührend wie er über Brecht schreibt. Hernach übergewechselt zu Patricia Highsmith. Ich habe Hoffnung, dass ich dieses Buch von Beginn bis Ende lesen werde. Das Dauerliegen macht es möglich. In diesen Tagen in denen der Alltag unversehens sein Dauerrauschen einstellt, Tag und Nachtrhythmus sich verschieben.

Die Käuzchen rufen wie jedes Jahr um diese Zeit ihr heiseres Huhuu in die Dunkelheit. Balzzeit bzw. Scheinbalzzeit.

Patricia Highsmith macht sich Gedanken darum, warum der Mensch um jeden Preis geliebt werden möchte. (Bei dem Käuzchen ist es klar, das biologische Programm läuft immer gleich.)

„Menschen legen solchen Wert darauf geliebt zu werden, mehr noch als selbst zu lieben. Es ist ihnen so wichtig, geliebt zu werden, dass sie sich, sobald jemand Interesse zeigt, unbewusst völlig abmühen um sich beliebt zu machen „

Sie ist beim Verfassen dieser Einträge erst zwanzig Jahre alt, ihre Unbedingtheit dem Leben gegenüber ist faszinierend. Scharfsichtig, distanziert, präzise und erbarmungslos in der Bewertung.

Samstag mit „Balkanschriftsteller“

Das Eulengedicht, welches Karla im Alter von knapp sieben Jahren, in Anlehnung an dieses Gedicht von Arne Rautenberg, schrieb, suchte ich.

Wie so oft, fand ich es nicht. Dafür aber diesen Beitrag von 2018. Es muss die Zeit gewesen sein, als in Hamburg das Bildnis Saša Stanišić überall zu sehen war. Offenbar hatte es sich zu meinem Unterbewusstsein Zurtitt verschafft. Den Roman „Herkunft“ kaufte ich dann auch und hab ihn sehr gern gelesen. (hier ein Eindruck von der Lesung im Literaturhaus)

Traum:

Wandelhalle Hamburg Hauptbahnhof

Hab unten an der Rolltreppe gesessen.

Alle fuhren nach oben. Ich nicht.

Behäbig auf einem Stuhl sitzend, einen Stapel Bücher neben mir. Zu müde und unkonzentriert um zu lesen.

Bis Stanišić behend auf die Rolltreppe sprang und mir lachend zurief:

„Balkanschriftsteller! Was für ein Blödsinn! Entweder ist man Schriftsteller oder man ist keiner!“

Ich erwiderte, meiner Meinung nach würde Herkunft prägen, die Bilder, die Sprache.

„Mich nicht“, sprach er, „ich bin ganz neu.“

Noch immer hatte ich Einwände. Neu zu sein, als Lebensqualität erscheine mir als ein schwieriges Unterfangen.

Deutete dann dann auf die Menschen, die mit grauen Gesichtern und leeren Blick durch die Wandelhalle zogen.

“ Ich bin neu, immer, jeden Tag!“

„Hej, warte, rief ich ihm hinterher. „Versprich, dass du eine neue Geschichte schreiben wirst!“

„Mal sehen“, sagte er und rief noch mal:

„Balkanschriftsteller! Was für ein Blödsinn!“

Ich fand mich beim Aufwachen neben Stapeln angelesener Bücher wieder.

Müde und zu unkonzentriert um zu lesen.

Freitag mit Maxi Wander

Lese Maxi Wander.

putze Zähne am offenen Badfenster. Um diese Zeit im Jahr ist der Blick frei auf die spiegelglatte silberne Oberfläche des Sees.

In der Küche ein Hauch Spekulatius. Janne bäckt fantastisches Kürbisbrot. Kaum ist es im Familienchat geteilt, stürzen sich die Drei auf die fluffige Masse.

Nasskälte. Das Ticken des Weckers. Heldenansprache geschickt bekommen. Die Impfunwilligen als Ritter*innen ( yeah ich kann es)

des wahren und schönen. Einst vom Hohen Rat berufen im Kampf gegen die dunklen Mächte. Auch das teile ich im Familienchat.

Julius antwortet lakonisch: Ist von Tolkien abgeschrieben.

Feuchte kalte Novemberschwaden. Ich schließel das Fenster.

Dienstag- Achte vertikale Poesie- Roberto Juarroz

 Ich habe einen schwarzen Vogel,
damit er nachts fliegt.
Und damit er am Tag fliegt,
habe ich einen leeren Vogel.

Aber ich habe entdeckt,
dass sich beide geeinigt haben,
um dasselbe Nest zu besetzen,
dieselbe Einsamkeit.

Deshalb nehme ich ihnen
manchmal dieses Nest weg,
um zu sehen, was sie tun,
wenn ihnen die Rückkehr fehlt.

Und so habe ich
ein unglaubliches Bild erlernt:
den bedingungslosen Flug
im völlig Offenen.

OCTAVA POESÍA VERTICAL – ACHTE VERTIKALE POESIE

Roberto Juarroz