Erster Mittwoch im April mit „Oggio Oggio“ und dem Gehalt der Kassierer*innen

„Oggio, Oggio“, antworte ich dem Gatten. Ich hatte ihn gefragt was er von meiner Verschwörungstheorie zum Mundschutz halten würde. Ich war stolz eine eigene Verschwörungstheorie entwickelt zu haben. Wissen sie, der Gatte mag es nicht besonders, wenn ich aus meinem Zimmer heraus zu ihm in die Küche hinüber brülle. Er gibt dann immer vor nicht zu verstehen, die Kaffeemaschine sei zu laut, die „Kieler Nachrichten“ zu spannend. Also ruft er genervt: „Ich kaaaann dich nicht veeerstehen!“

„Oggio, oggio“, murmele ich. Seltsamerweise will er nun wissen was das bedeuten solle. Sie sehen schon, das mit dem social distancing nehmen wir hier sehr genau. Der Gatte sagt, ich solle lieber nicht über ihn schreiben und die Verschwörungstheorie sei so gut , die solle ich lieber nicht ins Netz stellen. „Das nimmt sonst noch jemand ernst“, sagt er.

Seit heute morgen 8. 00 Uhr sind wir wieder Besitzer von einer Packung Klopapier. Man durfte nur mit Einkaufswagen in den Markt, aber das kennen sie ja wahrscheinlich alles.

Das mit dem Mundschutz finde ich okay, man muss die Kassierer*innen schützen, die für einen jämmerlichen Monatslohn von 1900 Euro Vollzeit an der Kasse sitzen. Sie sind Heldinnen des Alltags, was ihnen trotzdem nichts nützt, weil die anstehende Lohnerhöhung von dreißig Euro monatlich aufgeschoben werden soll. Man will den Einzelhandel später mit dem Angesparten helfen. Löblich. Jede*r müsse dafür ihre Frau stehen oder seinen Mann. Ich finde, der Wirtschaftsweise, der sich einen Spaß daraus machte über den Lohn der der Kassierin zu frotzeln: „Zum Sterben zu wenig , zum Leben zuviel“, der könnte doch jetzt ein bisschen abspecken. Ich hab das alles in der Süddeutschen gelesen, heute morgen.

Ich schreibe mit Blick auf Garten und Vogelhaus. Die Kohlmeisen sind die

aggressiv progressivsten im Kampf um die Ressourcen. Es klingelt. Der Postbote bringt ein Paket von Adi…. „Spinnt ihr?“ rufe ich die Treppe hoch. „Ihr lasst für Einen der seine Miete nicht zahlt, und damit meine ich Adi…und nicht den Postboten, den Paketboten kommen. (Update: In der Zeit lese ich gerade, dass Adidas Ende 2019 zwei Milliarden flüssige Mittel in der Bilanz hatte , aber auch Kosten von 22 Millionen Kosten im Jahr. Das reicht ohne Umsatz nicht lange aus, um die Kosten zu decken. Adidas kann nur noch in drei Ländern seine Waren verkaufen.“ Zeit vom 2.4.2020)

Zurück zum Postboten

Man hörte, dass in der letzten Woche in einem der gediegenen Vororte drei Postboten gebissen wurden. Meiner tut nichts“, sage ich „der will nur fressen.“ Der Postbote lächelt. Ich frag ihn lieber nicht was er verdient.

Was ich noch erzählen wollte: Gestern bin ich durch Zufall in eine Wohnzimmerlesung auf Instagram geplatzt. Stanišić las „Oggio, Oggio“, eine Geschichte aus einem Kinderbuch, welches er mit seinem Sohn zusammen schreibt. ich bin bekennender Saša Stanišić Fan, So verbrachte ich den gestrigen Abend an der Elbe mit einem verrückten Taxifahrer, der nur der Worte Oggio, Oggio fähig war, einem Piratenschiff und vielen anderen Wunderlichkeiten. Made my day.

Haben sie einen schönen Tag, achten sie auf ihre Hunde, auf ihren Postboten und auf die Kassiererinnen und Kassierer.

https://instagram.com/howtowaitforalongtime?igshid=j1eue6xesur5

Falls der Link oben nicht funktioniert.

12 Antworten auf „Erster Mittwoch im April mit „Oggio Oggio“ und dem Gehalt der Kassierer*innen

  1. Köstlich geschrieben – wenn ich das mal so formulieren darf.

    Das mit dem Gatten und dem Rufen rüber in oder auch aus anderen Räumlichkeiten, kommt mir irgendwie ziemlich vertraut vor. Bei uns beruht es allerdings auf Gegenseitigkeit. Mal ist es mein Mann, der mich nicht versteht und manchmal bin ich es, die nichts versteht, wenn mein Mann versucht, mir etwas rüberzubrüllen.
    Die Küchenmaschinen – oder bei uns auch die Waschmaschine in der Abseite – machen aber auch wirklich ganz schönen Krach. Man sollte mal kontrollieren, ob das für die Ohren auf Dauer erträglich ist.

    Das mit dem Mundschutz will sich mit meinem Freiheitsdrang auch nicht vereinbaren. Ich musste mal in einem Krankenhaus, wo ich zu Besuch war, einen tragen. Ich hatte nach nur wenigen Minuten das Gefühl, ich würde keine Luft mehr bekommen – und, was ich noch erleben durfte: meine Brille beschlug ständig, so dass ich überhaupt nichts mehr sehen konnte. Das würde im Supermarkt zu einem echten Problem werden – ohne Brille sehe ich nämlich auch nichts mehr.

    Für heute wünsche ich einen zauberhaften Tag.

    Herzlichst,
    das Licht

  2. In diesem Beitrag ist alles das drin was gesagt werden muss, klasse! Herkunft beschreibt das Fremdsein sehr gut. Sehr gefühlvoll. Wer dieses Buch liest, wird verstehen was die Grenze bedeutet. Jetzt hat uns dieser Virus Grenzen gesetzt. Wir können nicht mehr selbstverständlich Großeltern, Tanten, Eltern und Freunde besuchen. Bleib gesund und schreibe weiter, Maria

  3. Gestern hatte ich ein laaanges Telefonat mit meinem mittleren Sohn, in welchem wir auch so verschiedene, zum Teil recht skurile, Szenarien und Theorien austauschten, wobei wir manchmal herzlich gelacht haben. Mit meinem Mann mache ich das eigentlich täglich, weil wir ständig über etliche Nachrichten stolpern, die zusammen einen seltsamen Hall erzeugen. Da kommt ganz schön was zusammen. Aber auch wir halten diese unter uns, um eben niemanden auf Gedanken zu bringen.
    Gestern amüsierten wir uns unter anderem über die Tatsache, dass vermehrt von Personen über den 20. April als gesellschaftlichem Neustart sprechen, wohingegen politisch dieses Datum vermieden und lieber vom 19. April gesprochen wird.

  4. Schade, die Verschwörungstheorie hätte ich gern gelesen 🙂
    (Bin grade ein wenig unschlüssig, ob es hilfreich wäre, das Netz mit vielen, VIELEN Verschwörungstheorien der absurderen Sorte zu fluten in der Hoffnung, dass dann die wirklich üblen nicht mehr so viel Schaden anrichten. Oder eher nicht hilfreich?)

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