Montag mit Orpheus von Cocteau und Alltag

Mein Gott denke ich. Man kann verstehen dass Camus sich damals in Maria Casares verliebte.

Was für eine Ausstrahlung. Was für eine Schönheit.

Ich lese in gewohnter Manier, ich folge den Links. Patricia Highsmith notiert alle Lektüren die sie liest und das sind viele. Alle Filme die sie sie sieht, alle Opernaufführungen die sie hört und sieht.

Am Wegweiser entscheiden ob man folgt oder nicht. Ich folge Orpheus und der Prinzessin in die Unterwelt. Welch ein Vormittag. Jetzt bin ich aufgetaucht und völlig erschlagen. Der Film endet mit der Rückkehr zum Gewöhnlichen, Unbewussten, Alltäglichen. Der Chauffeur bezeichnet es als Sumpf.

Und sonst? Lese bis spät in die Nacht die Tagebücher von Highsmith weiter. Warum schien damals eine Tiefe möglich, die heute fast unerreichbar scheint.

Julius baut für mich einen Schreibtisch aus Eichenholz. Ein kompliziertes Konstrukt zum Aufklappen (mein Zimmer ist zu klein für eine permanente Lösung) mit integriertem Bücherregal. Er sagt ich solle mir ein Bild überlegen für die Rückseite.

Im Schneeregen zum Wohnwagen gegangen um Emcke und Frisch aus der Kälte zu holen. Noch immer krank, aber auf dem Weg der Besserung. Ich vermisse die Arbeit durchaus, genieße aber lesen zu können ohne mir die winzigen Zeitschnipsel einteilen zu müssen. Lesen geht nur mit Zeit, wenn die Beanspruchung im Alltag zu übermächtig ist kann man es vergessen. Ich denke über Stundenreduzierung nach.

Von der Kindlichkeit-Lestagebuch Tagebücher Patricia Highsmith

„Dass die Kindlichkeit nie verlorengeht, sondern das Erwachsensein nur wie eine Fassade davor gebaut wird.

Im Innern denken wir wie Kinder, reagieren wie Kinder und haben die gleichen Begierden. Das Benehmen nach außen hin ist nur eine absurd aufgeblasene Blendwolke.“

“ Es heißt immer, es sei die Liebe, nach der wir ein Leben lang suchen oder es sei Ruhm. Aber es ist keins von beiden. Was wir suchen ist Verständnis.“

Zitat aus: Tagebücher von Patricia Highsmith

Sonntag mit Den Tagebüchern von Patricia Highsmith

Fieber, Schmerzen, die Entzündungswerte im Blut waren offenbar keine Eintagesgeschichte.

Den Morgen, fast war es noch Nacht, mit den Tagebüchern von Max Frisch begonnen. Sehr berührend wie er über Brecht schreibt. Hernach übergewechselt zu Patricia Highsmith. Ich habe Hoffnung, dass ich dieses Buch von Beginn bis Ende lesen werde. Das Dauerliegen macht es möglich. In diesen Tagen in denen der Alltag unversehens sein Dauerrauschen einstellt, Tag und Nachtrhythmus sich verschieben.

Die Käuzchen rufen wie jedes Jahr um diese Zeit ihr heiseres Huhuu in die Dunkelheit. Balzzeit bzw. Scheinbalzzeit.

Patricia Highsmith macht sich Gedanken darum, warum der Mensch um jeden Preis geliebt werden möchte. (Bei dem Käuzchen ist es klar, das biologische Programm läuft immer gleich.)

„Menschen legen solchen Wert darauf geliebt zu werden, mehr noch als selbst zu lieben. Es ist ihnen so wichtig, geliebt zu werden, dass sie sich, sobald jemand Interesse zeigt, unbewusst völlig abmühen um sich beliebt zu machen „

Sie ist beim Verfassen dieser Einträge erst zwanzig Jahre alt, ihre Unbedingtheit dem Leben gegenüber ist faszinierend. Scharfsichtig, distanziert, präzise und erbarmungslos in der Bewertung.

Samstag mit „Balkanschriftsteller“

Das Eulengedicht, welches Karla im Alter von knapp sieben Jahren, in Anlehnung an dieses Gedicht von Arne Rautenberg, schrieb, suchte ich.

Wie so oft, fand ich es nicht. Dafür aber diesen Beitrag von 2018. Es muss die Zeit gewesen sein, als in Hamburg das Bildnis Saša Stanišić überall zu sehen war. Offenbar hatte es sich zu meinem Unterbewusstsein Zurtitt verschafft. Den Roman „Herkunft“ kaufte ich dann auch und hab ihn sehr gern gelesen. (hier ein Eindruck von der Lesung im Literaturhaus)

Traum:

Wandelhalle Hamburg Hauptbahnhof

Hab unten an der Rolltreppe gesessen.

Alle fuhren nach oben. Ich nicht.

Behäbig auf einem Stuhl sitzend, einen Stapel Bücher neben mir. Zu müde und unkonzentriert um zu lesen.

Bis Stanišić behend auf die Rolltreppe sprang und mir lachend zurief:

„Balkanschriftsteller! Was für ein Blödsinn! Entweder ist man Schriftsteller oder man ist keiner!“

Ich erwiderte, meiner Meinung nach würde Herkunft prägen, die Bilder, die Sprache.

„Mich nicht“, sprach er, „ich bin ganz neu.“

Noch immer hatte ich Einwände. Neu zu sein, als Lebensqualität erscheine mir als ein schwieriges Unterfangen.

Deutete dann dann auf die Menschen, die mit grauen Gesichtern und leeren Blick durch die Wandelhalle zogen.

“ Ich bin neu, immer, jeden Tag!“

„Hej, warte, rief ich ihm hinterher. „Versprich, dass du eine neue Geschichte schreiben wirst!“

„Mal sehen“, sagte er und rief noch mal:

„Balkanschriftsteller! Was für ein Blödsinn!“

Ich fand mich beim Aufwachen neben Stapeln angelesener Bücher wieder.

Müde und zu unkonzentriert um zu lesen.

Freitag mit Maxi Wander

Lese Maxi Wander.

putze Zähne am offenen Badfenster. Um diese Zeit im Jahr ist der Blick frei auf die spiegelglatte silberne Oberfläche des Sees.

In der Küche ein Hauch Spekulatius. Janne bäckt fantastisches Kürbisbrot. Kaum ist es im Familienchat geteilt, stürzen sich die Drei auf die fluffige Masse.

Nasskälte. Das Ticken des Weckers. Heldenansprache geschickt bekommen. Die Impfunwilligen als Ritter*innen ( yeah ich kann es)

des wahren und schönen. Einst vom Hohen Rat berufen im Kampf gegen die dunklen Mächte. Auch das teile ich im Familienchat.

Julius antwortet lakonisch: Ist von Tolkien abgeschrieben.

Feuchte kalte Novemberschwaden. Ich schließel das Fenster.

Dienstag- Achte vertikale Poesie- Roberto Juarroz

 Ich habe einen schwarzen Vogel,
damit er nachts fliegt.
Und damit er am Tag fliegt,
habe ich einen leeren Vogel.

Aber ich habe entdeckt,
dass sich beide geeinigt haben,
um dasselbe Nest zu besetzen,
dieselbe Einsamkeit.

Deshalb nehme ich ihnen
manchmal dieses Nest weg,
um zu sehen, was sie tun,
wenn ihnen die Rückkehr fehlt.

Und so habe ich
ein unglaubliches Bild erlernt:
den bedingungslosen Flug
im völlig Offenen.

OCTAVA POESÍA VERTICAL – ACHTE VERTIKALE POESIE

Roberto Juarroz

Montag mit Stille

Vielleicht ist dies der erste wirklich ruhige Moment seit Tagen.

Noch bin ich im Försterhaus, eine Kerze brennt, der Gärtner wirbelt energetisch das trockene Eichenlaub auf, eine Waschmaschine läuft, ein Vogel sendet Warnrufe in die Dämmerung. Vielleicht gelten sie der Katze die jeden Morgen und jeden Abend ihren Dämmerungsspaziergang geht. Immer wartet sie auf den Schutz der Dunkelheit. So wie ich den Schutz der Stille für eine Zeit suche.

Das Gefühl innehalten zu wollen. Bleibt.

Stille, schreiben, lesen so würde ich gern über den Jahreswechsel kommen.

Einmal war ich abgetaucht in einem Haus in den Vogesen. Wenn ich Wasser wollte, musste ich die Pumpe am Hang in Gang setzen.

Und so denke ich an die Vogesen und an das meerumtoste Haus in Rackwick auf Orkney, an all die einsamen stillen Plätze auf den Kykladen, an Venedig im März, wenn nur die Katzen an den Kanälen in der Dämmerung umherstreifen

Sonntag mit Festhalten und Loslassen

Käuzchenruf. Ein erster Kaffee.

Dunkelheit. Gedanken an den vergangenen Tag.

Meine Hände hielten fest. Fast nicht wahrnehmbar, aber Una sagte, so würde das nichts. „Du hältst fest, wenn du festhältst will ich nicht.“

Mir sind die Hände gebunden.

Ich ließ sie los. “ Aber du musst mitmachen.“

„Gar nichts muss ich“ erwidert sie und lächelt. Ihre Hände liegen nun wieder auf meinen. Idealerweise würde sie mir mit ihren Bewegungen folgen. Aber kaum setze ich mich in Bewegung, lässt sie los.

“ Du darfst mein Gesicht berühren. „

Mit zwei Fingern streiche ich kurz neben ihren Augen entlang. Nehme ihren Handrücken streiche mit meiner Handkante einmal hin und her.

Jetzt ist sie aufmerksam.

Meine Finger formen ein Glas, berühren ihren Mund.

Sie nickt. Nimmt meine Hände, legt sie auf ihre und übernimmt die Führung.

“ Habe verstanden. Ich darf die Nutella auch ohne Brot essen, mit Löffel.“

Wir gebärden taktil. Still ist es Raum. Händepaare fliegen, seit Stunden schon.

Taubblindenzentrum- ein Seminar

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