Sonntag mit Angelika Klüssendorf „Jahre später“, Fahrt ohne Ziel und Iva Bittova

Jemand war auf der Suche nach dem Buch auf meinem Blog gelangt.

Hier eine Besprechung des Buches „Jahre später“ in der FAZ : „Lebenslädiert in die Liebesfalle“

Inspiriert (stimmt Klüssendorf ist genial jetzt) , begann ich ebenfalls zu suchen. Es war schon nach Zehn und ich geisterte auf Zehenspitzen im Haus herum.

Seit ich in Karlas Zimmer gezogen bin, gibt es keinen Platz mehr für meine Bücher. Auch die Bücher haben ihren festen Standort verlassen. Sie erproben neue Standorte in Koffern, Schubläden, Abseiten.

„Jahre später“ von Klüssendorf wohnt in der Bettschublade. Das Buch war mir immer nah.

Angelika Klüssendorf verarbeitet in diesem Roman ihre Ehe mit dem Journalisten und Mitherausgeber der FAZ Frank Schirmmacher.

Klüssendorf ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Eine Prägung die auch meine Prägung ist. Schlage es auf und: lese mich selbst.

Die Zeit als die Kinder klein waren. Diese bodenlose Einsamkeit. Diese alles überlagernde Erschöpfung. Neben unseren drei Kindern lebte auch ein Pippi Langstrumpf Kind in unserem Haushalt. Eine Energie wie ein Orkan. Naturgewalt, Urkraft ungezähmt.

Nie Rückzug, nie Ruhe, nie Schlaf. Morgens zur Arbeit, da war Karla erst drei Monate alt. Ein Haus will bezahlt werden.

Und doch ist da auch: diese Liebe zu unseren Kindern. Die mich umhaute, auf die ich nicht vorbereitet war. Eine unglaubliche Intensität des Mutterglücks.

Der Schatten ist die alles verschlingende Erschöpfung.

Was damals nicht gelingt, gelingt jetzt.

Sich verpuppen, in die Dunkelheit des Zimmers entschwinden. Dem Sonnenlicht den Zutritt verwehren. Es ist meine kinderfreie Woche. Ich muss gar nichts. Ich verpuppe mich. Ruhe, Stille, Dunkelheit. Einmal gehe ich dann doch los. Um mich zu zwingen in Bewegung zu kommen. „Eingewintert“ nennt Deborah Levy diesen Zustand.

Ich lasse mich treiben.

Fahrrad fahren geht nicht, spazieren gehen geht auch nicht, kaufe ein Bustickett für einen Bus der immer leer ist. Es ist egal wohin er fährt. Eine weitläufige Sitznachbarin beginnt mir ihr Leben zu erzählen. Unter der Maske. Ich bin aufmerksam. Manchmal frage ich nach: „Bitte Das habe ich jetzt nicht verstanden, sagen sie es bitte noch einmal.

Sie ist etwa so alt wie ich, wirkt lebendig.

Kiel zieht an mir vorbei. Sie erzählt wie es ist, für einen Stundenlohn von zehn Euro zu arbeiten, das die Kinder nun mit der Schule fertig sind. Das es schwer war als der Leistungssport für die Kinder einfach wegfiel, dann der 18. Geburtstag, dann die Abifeier, der Mann seinen Nebenjob verlor. Als der Leuchtturm von Friedrichsort auftaucht sagt sie: aber wir spielen jetzt jeden Abend wieder Gesellschaftsspiele. Das haben wir früher auch gemacht, als die Kinder noch klein waren und nun aus der Mottenkiste wieder rausgeholt. Und wir haben uns einen Punschkocher gekauft. Dann hören wir auf dem Balkon Schlager und trinken Glühwein.

„Das nennt man Resilienz“, sage ich und lächle ihr unter der Maske zu.

Ich habe eine Busticket gekauft, es ist eines für den ganzen Tag. Ich weiß noch nicht wohin es mich führt. Aber etwas von früher muss wieder aufgetaucht sein. Ein Stück Sichtbarkeit. Das mir Menschen ihr Leben erzählen, dass ist mir früher ab und an passiert, dann zwei Jahrzehnte nie wieder.

Ich kehre in das Familienhaus zurück und habe die erste erzählte Geschichte in meinem Netz.

Ein Wunsch der auftaucht und sich festsetzt: Ein Gesangsworkshop bei Iva Bittova in den USA. Ich wäre auch nach Jedlova gefahren, aber diese Art Workshops werden dort nicht mehr angeboten.

Freitag mit roten Strumpfhosen in Nordkorea

Fahnenappell. Graue Uniformen,graue Gesichter, trostlose Kühle. Nur Kim strahlt.

Ich trage dicke wollene rote Strumpfhosen, solche die ich als Kind gehasst habe, und falle schon allein deshalb auf. Mein Nachbar warnt mich mit Blicken und stößt mich am Ellbogen an. „Nicht aus der Reihe tanzen.“ Die Strumpfhosen leuchten im Einheitsgrau. Keine Chance nicht aufzufallen.

Letzter Morgen im Försterhaus. Ich grüsse die neunzig Jahre alten Dackel bevor ich Kaminholz hole. Heute kein Feuer entscheide ich dann, sonst fällt der Abschied zu schwer.

Die Kohlmeise holt sich die gelbe Wolle.

Meine Woche mit den Kindern beginnt. Ich richte mich in Karlas ehemaligen Zimmer ein. Es ist winzig. Wo reduziere ich?

Bin froh nach dieser arbeitsreichen und schönen Woche ins Wochenende zu starten.

Donnerstag mit Moritz und Wolf

Fast ist diese Woche geschafft
Ich bin jeden Morgen gegen 6.00 Uhr in eisiger Kälte aufgewacht, habe völlig übermüdet Feuerholz geholt, den Kamin entzündet. Erst dann gab es den Kaffee. Anderes Haus andere Rituale

Im Garten finde ich zwei Grabsteine, Beide beziffern ein Datum in den dreissigern. Moritz würde nur 6 Jahre alt, bei Wolf lässt es sich nicht mehr entziffern.

Eine Zeit stehe ich fragend davor.

‚ Die Dackel vom Förster damals“, sagt M.

Die Geschichte dieses Hauses wüsste ich gern.

Ich muss nun Sachen packen.

Mittwoch mit inaktiven Mandelkern

Geschlafen. Alles steht und fällt mit dieser Statusmeldung.

Wir haben eine Wohnsitzlösung gefunden. Danke an die die geholfen haben. Und danke als Wort ist hier wenig aussagekräftig für das was ich empfinde, ohne die Möglichkeit zeitweise außerhalb des Hauses zu wohnen, würde alles wohl sehr viel schwieriger sein.

Der Mandelkern im Gehirn scheint auf stumm geschaltet zu sein. Ein Gefühl von Kraft und Kälte, seltsam

Ein Rotkehlchen badet in der Vogeltränke. Ich nehme mir vor dem Rotkehlchen im ehemaligen zu Hause auch eine Tränke zu bauen.

Was mir zu Gute kommt: dass mein Herz nicht an materiellen Geschichten hängt. Zum Glück war und ist das weitgehend unbedeutend für mich. Selbst Bücher haben ihren Reiz verloren. Überlege entweder Auto oder E-Bike abzuschaffen.

Dienstag mit Nachtigallg

Gegen 3.00 Uhr begann die Nachtigall zu singen

Nachgedacht, nicht geschlafen.

Auch über die Zeit in der ich Karla in Hamburg begleitete.

X. war praktisch zwei Jahre alleinerziehend gewesen, mit Anna und Julius. Da hat er den Rücken freigehalten.. Auch bei anderen Sachen.

Ich täte trotzdem gut daran, zu einem anderen Zeitpunkt nachzudenken. Ohne Schlaf wird es langsam mühsam. So jetzt Feuer machen. Und Kaffee, Gott sei gedankt für den Kaffee

Montagmorgen

Das Feuer in Gang zu bekommen ist die erste Aufgabe des Tages. Soll es gegen 7.00 Uhr warm sein, muss ich loslegen. Das Holzscheit ist zu gross, ich Versuche es wieder und wieder. Wildgänse ziehen.

5.59. übermüdet. Warum ich seit Tagen nicht schlafen kann, entzieht sich meinem Verständnis. Ich gehe hinaus in die morgendliche Kühle Feuerholz zu holen. Die Wetter App zeigt ein Grad. Die Vögel singen trotzdem
Das Haus noch in Winterstarre beginnt sich zu rekeln. Eine arbeitsreiche Woche die da vor mir liegt. Im Garten streunt eine fremde Katze Ein neuer Tag

Freitag

Die Menschen die am Haus vorbeigehen halten oft einen Coffee to Go in der Hand. Wahrscheinlich holen sie sich links vom Haus den Kaffee um nach rechts zur Arbeit zur gehen.

Eine Kohlmeise baut sich ihr Nest aus bunter Wolle.

Nachdem es gestern bis in die Nacht dauerte bis ein gemeinsamer vorläufiger Plan stand, schlief ich ein. Endlich.

Tief, traumlos.

Der neue Morgen: Es gibt keine Dusche, aber warmes Wasser. Kein Survivaltraining, nur die Wärme ist ein Problem und das fehlende W-Lan Netzwerk zu dem ich keinen Zugang bekomme.

Doppelresidenz. Ich werde mich raffen müssen heute, das Nichtstun hat ein Ende. Nur noch einen Kaffee , bevor ich ins Homeoffice wechsle. Homeoffice ohne Home und W Lan, dafür mit Stille . Vermutlich wird word vorerst ausreichend sein müssen.

Nach dem Tauchgang

Für Magda

“ Windstille. Sonnenschein. Ich schwamm unter Wasser. Und als ich zwanzig Jahre später wieder auftauchte, stellte ich fest, dass ein Unwetter ausgebrochen war, ein brodelnder Aufruhr, und ein wütender Sturm peitschte Wellen über mir auf.

Das Leben bricht auseinander. Wir versuchen es in die Hand zu nehmen, versuchen es zusammenzuhalten.

Wenn die Liebe Sprünge bekommt, dringt die Nacht ein. Und die dauert endlos. Sie ist voller zorniger Gedanken und Vorwürfe, und die quälenden Selbstgespräche verstummen auch nicht, wenn es hell wird. Das ist für mich eigentlich das Schlimmste: das meine Gedanken quasi beschlagnahmt werden.“

Ich dachte klar und fokussiert. Mit fünfzig, in einem Alter, in dem angeblich die Knochen ihre Robustheit verlieren, wurde ich körperlich stark. Ich hatte Energie, weil mir nichts anderes übrig blieb.“

Aus : Was das Leben kostet von Deborah Levy

Samstag mit Dicksein-das kriegt man nicht mehr weg-Embrace

Es bereitet mir Kopfzerbrechen, wann ich das letzte Mal einen Seitenhieb auf meine Figur einstecken musste. Es ist Jahre her.

Heute ist es passiert. Die Veranlagung zum Dicksein, die würde man nicht mehr rausbekommen, Seitenblick zu mir. Das würde bleiben. Man hätte einfach immer Hunger. Lina und ich waren spazieren.

Kann sein , dass ich dieses Gespräch aus dem Zusammenhang reiße. Fast hätte ich gesagt: „Der eine isst, der andere raucht. “ Vielleicht interpretierte ich aber auch irgendwas rein, also liess ich es lieber. Eigentlich ging es um Kinder im Lockdown und der Bewegungslosigkeit.

Sag mal Lina, hattest du auch das Gefühl, dass das ein Seitenhieb auf meine Körperfülle war. „Ja“, sagt Lina „war leider unüberhörbar.“

Zu Hause erzähle ich von dem Erlebten. Anna sagt belustigt: „Ich werde nie verstehen, warum man Leute so einsortieren muss. Wer dick ist ist dick, wer Sport machen will macht Sport, gut ist. Wer warn das?

„Kennst du nicht sage ich. Jedenfalls studiert, spirituell geschult, künstlerisch, ein besserer Mensch und eben nicht dick.

Anna schüttelt den Kopf. Ich wiege 84 kg bei 169 cm. Und ich frage mich, wie sich wohl Menschen fühlen die so etwas öfter ausgesetzt sind. Dieser Arroganz, der Verurteilung, fast Verachtung. Ich mache was ich meistens mache wenn ich mich ärgere . Ich fahre ans Meer.

Lese: Caroline Emcke: Journal und Embrace