Montag mit: in zehn Tagen werde ich gegangen sein

„Kann mich mal bitte jemand vorwarnen. Man will ja den Dresscode einhalten.“

„Hab ich euch nicht beigebracht, keine Fremden ins Haus zu lassen? „

„Is nur der Schornsteinfeger Mama.“

„Na gut“, sage ich, „sie bringen Glück das ist okay.“

Der Schornsteinfeger erklärt mir den Ofen, aber der Ofen wird mir nicht mehr gehören. Das sage ich nicht, aber es fühlt sich merkwürdig an. „Ein guter Kachelofen“, sagt er, „20-30 000 müssten sie für den heute hinlegen.“

Und dann reden wir über Schamott für den Ofen der in zehn Tagen nicht mehr meiner ist. „Ich geb es weiter, sage ich und hoffe, dass ganz viel Schornsteinfegerglück auf mich übergewandert ist.

Später am Vormittag

Ein Lächeln in den Augen der weißhaarigen Schamanin als sie ein Rezept unterschrieb. Ein Blick voller Leben. Man sieht es selten. So eine Leuchtkraft und Intensität. Sie hat mir den Hintern gerettet in diesem Jahr.

Beruf aus Berufung.

Sonntagabend/Rückblick

Nachts war Julius zu später Stunde von der Kieler Woche heimgekehrt. Ich hatte auf ihn gewartet-im Halbschlaf-wollte sicher gehen, wie immer. Wir verstrickten uns in ein Gespräch über Frontallappen, Aufmerksamkeit, mediale Dezentrierung.

Pflöcke schlagen in die eigene Innenwelt.

Chronik der letzten Vororttage

Immer noch Donnerstag mit Plöck in Heidelberg

Sasa Stanisics teilt auf seinem Instagaccount : howtowaitforalongetime

Erinnerungen an Heidelberg

Und es setzt sofort eigene Erinnerungen frei. 89 September . Sechs Wochen Zugligetlager in Budapest lagen hinter mir und ein Tag Passau. In Passau hatte der junge Soldat mir erschrocken eine Leberkäsesemmel gebracht, als er hörte dass ich allein unterwegs war. Welche Stadt soll es werden? hatte er gefragt und ich hatte mit den Schultern gezuckt.

Gehen sie nach Heidelberg, dort ist es schön , viele Studenten.

Nachts landete ich in der Plöck. Ich war 19. Und warum auch immer, kletterte ich durch das Fenster des Übersiedlerlagers. Ein magisches Jahr begann, und zugleich ein surreales. Von der Plattenbaustadt in ein Postkartenidyll. Ich holte mir Pizza bei Ginos, wurde Tagesmutter für ein paar Wochen , begann ein Praktikum im Krankenhaus, ging oft den Philosophen Weg entlang. Im Kino sah ich zum ersten Mal Bilder vom Prager Frühling in “ Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ . Martin was sind das für Bilder? Hast du noch nie etwas vom Prager Frühling gehört? Aß mein erstes Buttermilkfresh, jobbte für umsonst im Dritte Welt Laden, tauchte nachts im Jazzkeller ab und lebte den größten Teil des Jahres in einem winzigen Zimmer, Klo halbe Treppe, keine Dusche, keine Kochplatte, aber Mensaessen in der Uni in der ich nicht studierte .

Donnerstag mit Abientlassung

Wie hoch ist der Wert?

Bei 8, das Ferritin. Es bestätigt das, was ich im Spiegel sehe.

Annas Abientlassung. Niemand hatte mir damals gesagt mit welcher Wucht die Mutterliebe zuschlagen würde.

Stundenlang habe ich an ihrem Bett gesessen und ihr zugesehen wie sie schlief.

Annas erstes Lächeln, als sie das erste Mal Apfelsaft sagte, diese riesigen blauen Augen unter damals noch dunklen Babyhaar.

Der italienische Arzt an ihrem Bett. Ich erschrak als ich aufwachte. “ Entschuldigung, aber sie ist so schön.“

Anna mein trotzendes zorniges Kleinkind, Anna Harfe spielend, Anna auf Survivaltour, Anna mit ihrem schwarzen Humor. Sie ist jetzt endgültig flügge.

Mittwoch mit Handschriftlich

„Wichtige Bücher, etwa Solschenizyn s “ Archipel Gulag“ oder Koestlers “ Sonnenfinsternis,“ wurden, weil es keine Kopiergeräte gab oder an wenigen auch die Staatssicherheit mitlas, per Hand abgeschrieben und 7ber Wartelisten verteilt.“ Uwe Tellkamp “ Der Schlaf in den Uhren“

Ein gutes Beispiel, das denke ich, während noch immer der Regen auf das Wohnwagendach pladdert und der Kuckuck ruft.

Diese Bücher, diese Schallplatten, diese Theaterstücke, diese Zusammentreffen entfalteten eine ungeheure Kraft.

Etwas was unsagbar geworden war, sagbar machen. Zwischen den Zeilen lesen.

Ich erinnere mich an die Bücherpäckchen des Westberliner Germanistikstudenten. Meine Reiseberichte über Rumänien, alles passierte die Grenze. Der Umbruch war bereits ins Rollen gekommen. Langsam aber spürbar. Sommer 1988.

Und sonst?: Äußerst arbeitsintensive Zeit, wie immer zu dieser Zeit im Jahr.

Was wirklich ins Gewicht fällt: Ein Gang zum Rathaus beinhaltet Aufstehen in den sehr frühen Morgenstunden um eine Nummer abzubekommen. Erst dann kann die Zeit des Anstehens beginnen.

Dienstag mit Bücheraussetzen

In diesem Haus habe ich gelebt. Einhunderzwanzig Quadratmeter. Ich verlasse es.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: den Schreibtisch den mir Julius zu Weihnachten gebaut hat und eine Lampe die er in der Lampenwerkstatt seiner Patentante fertigte.

Die Bücher können nicht mit. Es ist einfach nicht genug Platz vorhanden. Und so verteile ich sie in der Stadt. Morgen werden Beowulf von Tolkien,

Sachkundenachweis für Hundehalter,

Der merkwürdige Fall von DR. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson

Metropol von Eugen Ruge

und

Herztier von Herta Müller ausgesetzt. Nicht ohne ihnen eine gute Reise und neue Behausungen zu wünschen.