Montag mit eventuell temporär

Beim Archivieren, ich digitalisiere handgeschriebenes einen Beitrag gefunden, der mich sehr erwischte.

Er betrifft den Zeitraum, indem das Orphelin zum endgültigen Orphelin wurde. Beschrieben sind der Schmerz, die Leere, die Depression, das Erstarren in Wortlosigkeit. Ich konnte der Pflegetochter nicht mehr gerecht werden. Eine Schuld die ich mit mir trage.

2004 Tagebucheintrag.

„Das Orphelin ist gegangen. Ich merke und spüre Depression. Dort wo Fremdheit auftaucht.

Ist das der Preis dafür alles gewollt zu haben? Maßlose Leere. Irre im Labyrinth umher, suche nach einem Ausweg.

Verlaufen. Ich habe mich verlaufen.“

Achtzehn Jahre später erschrecke ich über die Tatsachen, die ich hier nicht aufführe, die im Tagebuch aber glasklar benannt sind. Sehenden Auges.

Diese unfassbar heftige Liebe zu den Dreien.

Und sonst?: Mit dem Orphelin telefoniert. Ihr vorgelesen. Ich habe versagt damals, das tut mir unendlich leid. Du wurdest geliebt. Sehr und das tue ich auch heute noch. Wir weinen beide. Nach zwanzig Jahren die Worte: Hör mir zu kleiner Taifun. Du wurdest geliebt.

Die Sonne schien. Und manchmal finde ich Amseln richtig blöd.

Anna, Julius und Freunde haben das Dachzelt auf den Bulli gepackt. In wenigen Minuten geht es in die Welt. Griechenland, Italien, Frankreich.

Sonntag Erinnerungen

Archivieren alter Tagebücher, Reise mit ihnen durch die Zeit, während ich unter der Markise im Garten sitze und Janas Hunderudel um mich herum wuselt.

2002

Gerade ist Anna geboren. Ich schreibe ùber das Glück. Und die Sorge.

„In den Nachrichten kam, dass die Menge an vorhandener Pockenimpfung aufgestockt wird. In was für eine Zeit bist du geboren? Seit dem 11. September vor einem Jahr hat der Terror eine andere Dimension.

Seit du da bist habe ich Angst. Du bist so zart, so klein, so schutzbedürftig. Meine Liebe zu dir ist grenzenlos.“

Brief an Anna 2002

Für Alexander Carmele

“ Ich schraube fünf Garderobenhaken an, damit man endlich die Mantel aufhängen kann, und es ist eigentlich schon schade.

Alle anderen Wände sind weiss und leer. Braucht man denn wirklich ein Telefon?

Eigentlich froh um die langen Lieferfristen.

Noch vorgestern sagten wir: Ich gehe jetzt in die Wohnung. Heute sagen wir: Ich gehe jetzt nach Hause. Eigentlich wohnen wir schon. Allerlei Pappschachteln benehmen sich wie Möbel, als stünden sie an ihrem Platz. Bestellt ist, was man für notwendig zu halten gewohnt ist

Büchergestell, eine Couch, ein alter Schrank, später kommt ein bequemer Sessel und irgendwann, wenn wir es finden ein Sofa und so fort und so weiter, ein kleiner Staubsauger ist schon gekommen.“

Max Frisch “ Aus dem Berliner Journal“

Samstag mit gelandet

Das neue Leben:

Zum ersten Mal seit zwei Wochen tief und traumlos geschlafen.

Möwen Gelächter weckt mich.

Die Wohnung bietet Raum. Max Frisch schrieb es irgendwo die ersten Tage in denen man sich noch völlig befreit fühlt,

sich noch nicht eingerichtet hat. Ein Gefühl von Ruhe. Areal zu sein.

Karla hat nach 26 Stunden ihr Ziel erreicht. Die erste Nachricht des heutigen Tages Sie liest “ The great Gatsby“, ich Malina.

Anna und Julius bereiten sich auf ihren Roadtrip vor.

Ich werde meinen ersten Kaffee trinken.

Danke an die, die das möglich gemacht haben. Was für ein Ort um neu zu beginnen.

Donnerstag Tag 1-Mittagessen mit Joe

Hat jemand einen Wunsch? Ich würde heute gern kochen.

Seitenbraten sagt Julius, das wäre wirklich cool.

Möhren, es fehlen Möhren. Klar hab ich welche. Jana gibt mir etwas in Geschenkpapier eingepacktes.

Das ist für dein neues Leben, und das ist für euer letztes gemeinsames Mittagessen im Haus. Radieschenknospen.

Man ist die schön, sage ich damit werde ich im Park sitzen und den Fontänen zuschauen. Ich nehme die alte ukrainische Hündin an die Leine.

Komm sage ich, heute dürft ihr zwei Herdenschützer das Grundstück bewachen.

Ich schneide Karotten in kleine Stückchen während ich Dire Straits Sultan of King höre.

Bei Scorpions treiben mir die Zwiebeln die Tränen in die Augen

Selleriestückchen versinken in Rotwein während Joe Cocker Father’s son singt.

Wasn das für ne Musikrichtung die du da hörst? Anna ist von ihrem letzten Arbeitstag heimgekehrt. Schau Mal was ich zum Abschied bekommen habe- ein Survivalkit für den Roadtrip. Hach der Job hat wirklich richtig Spaß gemacht.

Klöße treiben an die Oberfläche. Tina Turner singt We don’t need another hero

„Zu Tod erschöpft, ja erschöpft.“

„Nein, ich glaube nicht, gerade habe ich

Ich habe mich hingelegt, ich bin einfach

Endlich einmal, einmal werde ich ausschlafen

Ich werde heute ganz früh schlafen gehen und die
Ich bin schon am Einschlafen, aber heute Abend
So geh doch einmal früher schlafen

Wie eine tote Fliege, kann ich dir gar nicht beschreiben.

Du musst aber die Müdigkeit ausschlafen.“

Ingeborg Bachmann Malina