Donnerstag mit Impfung und Doppelbegabung- Proust lesen- die Gefangene

Charlus spricht davon , die Doppelbegabung Morels fördern zu wollen.

„…in der sich das Talent eines Musikers mit dem eines Schriftstellers vereint“

Laut Fussnote ist diese Passage an Reynolds Hahn angelehnt.

Weiterhin geht es um Spielarten der Liebe. Proust ist in dieser Durchwanderung der Schichten der Seele unschlagbar.

Und sonst? : Gestern bekamen unsere Drei die Zweitimpfung.

Ich kann nicht sagen, dass ich voll dahinter gestanden habe. Ich habe schlichtweg die Entscheidung akzeptiert, auch wenn ich mir ob des doch noch jungen Alters nicht sicher war, ob eventuelle Nebenwirkungen der Impfungen nicht höher sind als als eine eventuell durchgestandene

Infektion .

Proust: ich finde kaum Zeit für die Recherche. Ein Gradmesser für Fehlplanung. Neu justieren .

Langhantelkurs belegt. Genial, aber der folgende Muskelkater macht nahezu bewegungsunfähig.

Samstag mit Abschied von Dresden und Proust lesen- Die Gefangene

Wir tilgen unsere Spuren.

Wir verlassen deine Wohnung die uns für eine Woche so ein wunderbarer Hafen in Dresden- Neustadt war. Um uns herum tobte das Nachtleben, hier aber im Hinterhof war es ruhig. Nichts davon drang zu uns herüber. Nur die Fledermäuse sendeten ihre hohen Töne in den Nachthimmel.

Echolot, ich hätte das gern als Fähigkeit für diese neu zu gehenden Wege im Alltag.

Wir haben die Reise lesend am Elbufer und im Park ausklingen lassen. In der Kulturscheune gönnten wir uns ein Abendessen, während eine Band die ungarischen Tänze von Brahms spielte. Diesen warmen Sommerwind werde ich vermissen, der die brütende Hitze erträglich machte.

Ein intensiver Urlaub in denen Karla und ich kaum Kontakt zu anderen Menschen hatten. Es hätte schief gehen können in dieser Symbiose, aber das Gegenteil war der Fall. So viele Fragen die ich ihr nicht beantworten konnte.

So viele Gespräche.

Nun fahren wir zurück in unseren windumwehten Vorort, der uns so las ich es in den Nachrichten, mit Sturmböen empfangen wird.

Es ist okay jetzt zurückzukehren. Der Alltag wird seine eigene Struktur finden.

Ich freue mich sehr auf Anna und Julius. Wie habe ich die Beiden vermisst.

Proust: schreibt über Schlafprobleme Bergottes und dass Medizin in den meisten Fällen die Sache verschlimmert.

Mittwoch mit Gleichklang- Unterwegs in Dresden- Hygienemuseum und Proust lesen – Die Gefangene

Höre Lohengrin während ich abwasche und erinnere mich vor einigen Tagen Descartes gehört zu haben, während ich im Fitnessstudio die langweiligen Routinen vollzog.

Ein Gleichklang. Karla will Shakespeare lesen und findet ihn am Wegrand. Es gibt noch weitere fast mit Symbolismus behaftete Augenblicke die mich staunen lassen. Irgendwie sind wir gerade im Einklang mit dem Universum.

Hygienemuseum: steriler Name für ein wunderbares, interaktives Museum. Wirklich absolut empfehlenswert.

Uns hat ein kleiner Film besonders beeindruckt, den man mit unterschiedlicher Musik unterlegen konnte( Action, Drama, Comic). Man hatte das Gefühl drei unterschiedliche Filme zu sehen.

Low Budget Dasein: wir frühstücken morgens ausgiebig und kochen abends. Keine Strassenbahn, kein Bus, kein Kaffee oder Eis in der Stadt. In die meisten Museen kommt Karla noch umsonst.

Es fühlt sich an wie damals auf meiner Interrailreise und den Monaten danach, in denen ich unterwegs gewesen bin, nur habe ich nicht so schön gewohnt wie jetzt.

Eigentlich hätten wir nach Leipzig Schluss machen müssen, aber der Spass am Reisen ist neu entflammt, ein Tribut an Sachzwänge war die Woche Pause in Kiel.

Und es macht uns Freude so spartanisch wie möglich durch den Tag zu kommen. Die besten Dinge sind meistens umsonst.

Teuer war mit 10 Euro für zwei Personen die Standseilbahn und leider auch der Fahrradverleih.

Dresden ist wunderbar. Karla bezeichnet es als kultiviert, gastfreundlich und umwerfend schön.

Proust: Sätze wie dieser, die plötzlich unvermutet in die Recherche wie hineingeschleudert sind .

“ Es ist furchtbar, wenn man die Existenz einer anderen Person an sich geheftet sieht wie eine Bombe, die man festhalten muss und nicht fallen darf.“

Montag mit: unterwegs in Dresden und Proust lesen- Die Gefangene

Lieber N.

die Tage haben ihre physische und psychische Eigenständigkeit, schreibt Proust. So steht dieser Tag für mich unter dem Stern der Dankbarkeit. Ohne dein Wohnungsangebot wäre dieser Urlaub in Dresden nicht möglich gewesen.

Vielen Dank für das liebevolle und herzliche Willkommen, für deinen klugen und humorvoll geschriebenen Reiseführer voller Insidertipps, danke für das Nutzungsrecht deiner Hausbibliothek, danke an deine Kinder für die Kuscheltiere.

Ich habe mir den kleinen Hund herausgesucht, weil er mich an ein Kuscheltier aus meiner Kindheit erinnert.

Der Wasserlilie geht es gut, nur der Basilikum macht mir Sorgen. Dürfen wir die Tomaten auf deinem Balkon ernten, während ihr auf den Spuren Perseus wandelt ?

Ich habe mir heute morgen die griechische Mythologie aus einem deiner Bücherregale genommen. Proust bezieht sich auf Ixios und die Danaiden. Egal was ich im Moment lese, immer bin ich aufgefordert nachzuarbeiten .Mal ist es die Aufklärung, mal Wagner, mal die griechische Mythologie. Ein Fass ohne Boden ist meine Unwissenheit.

Gestern sind Karla und ich am Elbufer entlang geschlendert, bis plötzlich die Altstadt Dresdens am Horizont auftauchte. Du kannst dir nicht vorstellen, welch überwältigenden Eindruck dieses Bild bei uns hinterließ.

Auf uns , die geprägt sind von der überragenden Architektur Kiels.

Wir haben die Frauenkirche gesehen, sind am Albertinum vorbei im schweigenden Staunen.

Was für eine unglaublich schöne Stadt. Es ist das erste Mal, dass wir überhaupt die Mittel haben einen Urlaub dieser Art zu verbringen und ohne deine Hilfe wäre er nicht möglich gewesen.

Danke.

Karla will heute ein Schloss sehen, ich überlege welche Wahl zu treffen ist- Pillnitz oder Meißen?

Proust: schreibt über Marcels Wahn über jede Bewegung Albertines informiert zu sein. Darf man Marcel als Stalker bezeichnen?

Samstag mit Umentscheidung- unterwegs in Leipzig-Westwerk- Tangoorchester – Leipzig- Proust lesen Tag 7

Beim Konzert des Tangoorchesters Leipzig.

https://www.tango-orchester-leipzig.com/

Ein Konzert zum hundertsten Geburtstag von Astor Piazolla.

Gänsehautfeeling pur.

Eine Entscheidung getroffen. Wir kehren morgen für eine Woche nach Kiel zurück, pausieren, bevor es nach Dresden weiter geht. Nach diesem wirklich gelungenen, inspirierenden, harmonischen Aufenthalt in Leipzig, können wir uns nicht vorstellen, Berlin nahtlos hinzuzufügen.

Die Linie des geglückten Tages nicht abschwächen.

Regen. Noch einmal Westwerk heute.

Aktuelles

Morgen wird ein Beitrag über dieses Hostel folgen. Schöner habe ich bisher nicht gewohnt.

Karla: liest Orwell 1984 und ist gebannt von der Thematik des Sprache besetzens.

Proust: “ Wenn wir ein gewisses Alter überschritten haben, werfen die Seele des Kindes, das wir gewesen, und die Seelen der Toten, aus denen wir hervorgegangen sind, mit vollen Händen ihre Schätze und ihren bösen Zauber auf uns und verlangen, daß sie zu ihrem Teil an den neuen Gefühlen mitwirken können, die wir empfinden und in denen wir sie, nachdem wir ihr altes Bild ausgelöscht haben, in einer neuen Schöpfung wieder zusammenschmelzen“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit/ Die Gefangene)

Freitag mit “ Unterwegs in Leipzig- Baumwollspinnerei, Piazolla/ Proust lesen/ Albertines Augenlider und Ovid

Ovid lesen am Morgen. Die Geschichte von Alcyone und Keyx https://de.m.wikipedia.org/wiki/Alkyone_(Trachis)

Proust beschreibt Albertins Augenlider: “ Ihre Brauen die so geschwungen waren, wie ich es niemals gesehen hatte, umgaben die Wölbung der Augenlider wie ein weiches Eisvogelnest.“ ( Proust/Recherche/Die Gefangene).

Was auf mich zunächst irritierend wirkt, löst sich in der Fußnote auf: Albertines Augenlider als Metapher für Alkyone und Keyx. Die beiden Eisvögel auf dem Meer, die in Sturm und Brandung das Nest der Jungen bebrüten. Eine Metapher für Sicherheit im Ungewissen, für Seßhaftigkrit. Eine Erzählung von Abschied, Verlust, Wehmut, Treue.

Unterwegs in Leipzig: während der nächtliche Beitrag ein Rückblick gewesen ist, wird dieses nun ein Vorblick.

Wir werden zunächst die Baumwollspinnerei besuchen,https://www.spinnerei.de/ wenn das Wetter es zulässt im Park lesen und abends beim Piazollakonzert sein.

Uns beschäftigt der bevorstehende Aufenthalt in Berlin. Die Inzidenz ist, wie gehabt, hoch. Ich bin vollständig geimpft, Karla allerdings nur halb. Wir werden trotzdem fahren, Beschliessen wir beim Frühstück, es sei denn die Lage ändert sich bis morgen dramatisch.

Freitag unterwegs in Leipzig und Proust lesen/Tag 6

Mit Fragen leben.

Geplant war heute ein Besuch in Halle – Neustadt. Ich verwarf diesen Plan.

Morgens schwimmen im Kuljwirzer See. Kristallgrünes Wasser.

Nachmittags: Museum der bildenden Künste.

Fotografien von Andreas Gursky. https://m.andreasgursky.com/de

Beeindruckend, den Finger in die Wunde legend.

Proust: Marcel kommt nach Hause und reagiert mit Eifersucht auf Andree, die soeben Albertine besucht hat. In Gedanken unterstellt er den Freundinnen eine Affäre.

Donnerstag mit Quiz, Connewitz und “ Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Tag 5- Die Gefangene- Charlus und Morel

Leipzig

Im Urlaub beginnen wir unsere eigenen Rituale zu entwickeln. Eines davon ist das tägliche Lesen im Clara Zetkin Park.

Die Linke hat heute eine Veranstaltung in der Nähe der Brücke, wir kommen hinzu, nehmen an einem Quiz teil.

Es geht um queere Themen, ich versage auf ganzer Linie, aber Karla gewinnt ein Buch über die Geschichte des Feminismus von Antje Schrupp und ist fortan am lesen.

Warum Frauen Highheels tragen

Connewitz:

Besuch einer Buchhandlung, Buch gekauft.

Proust: Charlus taucht auf und mit ihm das Thema der Homosexualität, die er, wenn auch versteckt, für damalige Verhältnisse, doch offen lebt.

Mit dem snobistischen Morel ( ist Charlus bereits in einer Beziehung mit ihm ?)

besucht er die Nichte des Westenmachers. Charlus, der älter als Morel ist, unterstützt diese entstehende Beziehung um Morel zu halten. Er begibt er sich in die Rolle des gütigen und protegierenden Schwiegervaters und genießt es , die Kontrolle zu haben bzw sie auszuweiten. Bisher ist es so, dass der alles bestimmende Faktor in Beziehungen bei Proust -Macht ist. Von Liebe schreibt er nicht.

Mittwoch-Mit dem Kajak durch Leipzig- Auf der Suche nach der verlorenen Zeit- Die Gefangene-Tag4

Leipzig vom Wasser aus. Im Kajak durch den Karl Heine Kanal.

Unglaublich schön.

Später lesend im Park. Karla liest Orwell auf Englisch, ich arbeite die Dreyfus Affäre nach, halte anschließend ein Referat, nur um zu sehen ob ich es verstanden habe. „Also es gab da eine Putzfrau die für den französischen Geheimdienst tätig war und im Abfalleimer einen Zettel mit geheimen Informationen fand.

Eine Polizeistreife zieht über die Brücke. Kein Tango heute.

Dreissig Grad. Es beginnt zu regnen. Warmer Sommerregen. Immer muss ich an solchen Tagen an eine Erzählung von Stefan Zweig denken -„Die Frau und die Landschaft.“

Noch später am Abend eine Musicalsession am Eingang des Theaters . Die Zuhörer trotzen dem Gewitter unter Regenschirmen. Eine ausgelassene Stimmung.

“ Ich will hier nicht mehr weg“, sagt Karla abermals. Und: “ ich plädiere für Zeugenschutzprogramm, neue Identität, neues Leben- hier „

Proust: Ein Kleid, das schlecht riecht, weil die Farben mit Eiweiß gebunden wurden. Ich lese den Abschnitt von Vortag noch einmal, schlage jeden Namen akribisch nach, erarbeite mir die Dreyfusaffäre. Am Ende bleibt das Gefühl nun im Text weiterlesen zu können.

Sonntag mit “ Auf der der Suche nach der verlorenen Zeit/Die Gefangenene“/Marcel Proust-Seite 1-5

Nach jahrelanger Abstinenz nun wieder hier bei Albertine und Marcel.

Im Zug, der erst in Prag sein Ziel erreicht haben wird, lesen Karla und ich; uns gegenüber sitzend.

Der Atem unter der Maske lässt meine Brille beschlagen, was das lesen erschwert. Gleissendes Morgenlicht fällt durch die Fenster des EC.

Marcel hält Albertine vor den Augen der Welt verborgen. Ihre Seereise hat sie abgesag, lebt mit Marcel in der Pariser Wohnung- gefangen.

Man weiss nicht wie es Albertine geht, bis vielleicht auf die stille ergebene Sanftmut des allabendlichen Kusses.

Marcels Eifersucht ist befrieden. Albertine ist von ihrem Umfeld abgeschnitten. Jetzt wo er sich ihrer sicher ist, liebt er sie kaum, empfindet sie als langweilig.

Marcel geht es so:

“ Mit einemmal ließ die Sonne dann dieses Glasgekräusel in gelbem Licht erstrahlen, vergoldete es und legte in mir behutsam einen jungen Mann aus früheren Tagen wieder frei, den die Gewohnheit lange verborgen hatte, wobei sie mich in einen Erinnerungsrausch versetzte…“