Sonntag mit Urteil

Der Karakatschan ist krank. Er liegt den Tag auf dem Sofa herum. Ich bin ans Haus gebunden, verlasse nur zum einkaufen die Höhle.

Julius hatte „Django unchained“ vorgeschlagen. So finden wir uns auch an diesem Tag gemeinschaftlich vor dem Fernseher wieder.

„Ihr kennt diese Filme alle drei und ich wundere mich, dass ihr mir nie davon erzählt habt. Da ist mir ja was entgangen.“

„Du hast nie zugehört, wenn wir darüber erzählt haben“, sagt Julius. „War alles Schrott für dich.“

„Anna schaltet sich ein: „Früher war es schlimmer. Ich hab das Gefühl sie verändert sich.“

„Weißt du noch noch dieser Shitstorm bei den Tributen von Panem?“ Das sagt Karla. „Du hattest darüber geurteilt ohne es gelesen zu haben.“

Es stimmt, ich hatte diese Lektüre damals verboten. Hatte nur kurz reinschauen wollen und war dann das Wochenende mit den Büchern abgetaucht.

Ich drücke die Stopptaste. „Ich finde , und das sage ich in einem beleidigten Unterton, dass ich sehr wohl in der Lage bin meine Meinung zu revidieren.

Die Drei nicken. Ja das wäre prinzipiell richtig, manchmal würde es jedoch helfen sich erst ein Urteil zu bilden, wenn man ausreichend recherchiert hätte.

„Aber bewegt ihr euch nicht auch in euren Blasen“, frage ich. „Oder kommt einer von euch auf die Idee Max Frisch oder Peter Handke zu lesen?“

Karla zeigt auf das Passmann Buch. „Also „Alte weiße Männer“ war doch schon mal ein Anfang. „

Wir unterhalten uns noch lange über dieses und jenes, über das Ende von Shutter Island. Den Film den wir am Vortag sahen. Während Karla und ich der Meinung sind, dass die Erinnerungen manipuliert wurden, sind sich Anna und Julius sicher: der Protagonist ist Insasse der Heilanstalt gewesen.

Der Karakatschan ist krank. Er bekommt magenschonendes Futter und genießt das das Rudel beieinander ist. Ich verlasse die Höhle kaum.

Freitag mit Bekassine und Reiseplänen

Am Wegrand war ich zu Keks gegangen. Sie hatte sich schnüffelnd auf etwas fokussiert was mir entgangen war. Braunschwarze Federn. Ich hob sie auf, bis zu ich zu dem Vogel gelangte.

Ein großer Vogel mit ungewöhnlich langem Schnabel. Später stellte er sich als (mutmaßlich) Waldschnepfe heraus. Leider tot. Die Krähen warteten bereits in den Bäumen.

Und sonst: Plane eine Reise im Sommer, wenn Corona es denn zuletzt. Bukarest, Budapest, Prag.

Ich:

„Ich trainiere in unfertigen Hallen.“

„Das Beste was du in Übergangszeiten machen kannst, ist ausharren und lernen.“

(Aus: „Nicht sterben“ von Terezia Mora)

Aber: Ich werde nicht noch weitere sieben Jahre die Herde hüten, thats for sure. Steiniger Weg hin oder her

Alternatives Narrativ

„Aus der Höhle kommen und überleben, nicht irgendwie sondern in einer neuen Qualität. Der Bestien draußen und drinnen Herr werden.

Handlungsfähig werden.“

Aus : “ Nicht sterben“

Frankfurter Poetik Lesungen von Terezia Mora

Morgenrot über dem See.

Sonntag mit Angelika Klüssendorf „Jahre später“, Fahrt ohne Ziel und Iva Bittova

Jemand war auf der Suche nach dem Buch auf meinem Blog gelangt.

Hier eine Besprechung des Buches „Jahre später“ in der FAZ : „Lebenslädiert in die Liebesfalle“

Inspiriert (stimmt Klüssendorf ist genial jetzt) , begann ich ebenfalls zu suchen. Es war schon nach Zehn und ich geisterte auf Zehenspitzen im Haus herum.

Seit ich in Karlas Zimmer gezogen bin, gibt es keinen Platz mehr für meine Bücher. Auch die Bücher haben ihren festen Standort verlassen. Sie erproben neue Standorte in Koffern, Schubläden, Abseiten.

„Jahre später“ von Klüssendorf wohnt in der Bettschublade. Das Buch war mir immer nah.

Angelika Klüssendorf verarbeitet in diesem Roman ihre Ehe mit dem Journalisten und Mitherausgeber der FAZ Frank Schirmmacher.

Klüssendorf ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Eine Prägung die auch meine Prägung ist. Schlage es auf und: lese mich selbst.

Die Zeit als die Kinder klein waren. Diese bodenlose Einsamkeit. Diese alles überlagernde Erschöpfung. Neben unseren drei Kindern lebte auch ein Pippi Langstrumpf Kind in unserem Haushalt. Eine Energie wie ein Orkan. Naturgewalt, Urkraft ungezähmt.

Nie Rückzug, nie Ruhe, nie Schlaf. Morgens zur Arbeit, da war Karla erst drei Monate alt. Ein Haus will bezahlt werden.

Und doch ist da auch: diese Liebe zu unseren Kindern. Die mich umhaute, auf die ich nicht vorbereitet war. Eine unglaubliche Intensität des Mutterglücks.

Der Schatten ist die alles verschlingende Erschöpfung.

Was damals nicht gelingt, gelingt jetzt.

Sich verpuppen, in die Dunkelheit des Zimmers entschwinden. Dem Sonnenlicht den Zutritt verwehren. Es ist meine kinderfreie Woche. Ich muss gar nichts. Ich verpuppe mich. Ruhe, Stille, Dunkelheit. Einmal gehe ich dann doch los. Um mich zu zwingen in Bewegung zu kommen. „Eingewintert“ nennt Deborah Levy diesen Zustand.

Ich lasse mich treiben.

Fahrrad fahren geht nicht, spazieren gehen geht auch nicht, kaufe ein Bustickett für einen Bus der immer leer ist. Es ist egal wohin er fährt. Eine weitläufige Sitznachbarin beginnt mir ihr Leben zu erzählen. Unter der Maske. Ich bin aufmerksam. Manchmal frage ich nach: „Bitte Das habe ich jetzt nicht verstanden, sagen sie es bitte noch einmal.

Sie ist etwa so alt wie ich, wirkt lebendig.

Kiel zieht an mir vorbei. Sie erzählt wie es ist, für einen Stundenlohn von zehn Euro zu arbeiten, das die Kinder nun mit der Schule fertig sind. Das es schwer war als der Leistungssport für die Kinder einfach wegfiel, dann der 18. Geburtstag, dann die Abifeier, der Mann seinen Nebenjob verlor. Als der Leuchtturm von Friedrichsort auftaucht sagt sie: aber wir spielen jetzt jeden Abend wieder Gesellschaftsspiele. Das haben wir früher auch gemacht, als die Kinder noch klein waren und nun aus der Mottenkiste wieder rausgeholt. Und wir haben uns einen Punschkocher gekauft. Dann hören wir auf dem Balkon Schlager und trinken Glühwein.

„Das nennt man Resilienz“, sage ich und lächle ihr unter der Maske zu.

Ich habe eine Busticket gekauft, es ist eines für den ganzen Tag. Ich weiß noch nicht wohin es mich führt. Aber etwas von früher muss wieder aufgetaucht sein. Ein Stück Sichtbarkeit. Das mir Menschen ihr Leben erzählen, dass ist mir früher ab und an passiert, dann zwei Jahrzehnte nie wieder.

Ich kehre in das Familienhaus zurück und habe die erste erzählte Geschichte in meinem Netz.

Ein Wunsch der auftaucht und sich festsetzt: Ein Gesangsworkshop bei Iva Bittova in den USA. Ich wäre auch nach Jedlova gefahren, aber diese Art Workshops werden dort nicht mehr angeboten.

Samstag mit Dicksein-das kriegt man nicht mehr weg-Embrace

Es bereitet mir Kopfzerbrechen, wann ich das letzte Mal einen Seitenhieb auf meine Figur einstecken musste. Es ist Jahre her.

Heute ist es passiert. Die Veranlagung zum Dicksein, die würde man nicht mehr rausbekommen, Seitenblick zu mir. Das würde bleiben. Man hätte einfach immer Hunger. Lina und ich waren spazieren.

Kann sein , dass ich dieses Gespräch aus dem Zusammenhang reiße. Fast hätte ich gesagt: „Der eine isst, der andere raucht. “ Vielleicht interpretierte ich aber auch irgendwas rein, also liess ich es lieber. Eigentlich ging es um Kinder im Lockdown und der Bewegungslosigkeit.

Sag mal Lina, hattest du auch das Gefühl, dass das ein Seitenhieb auf meine Körperfülle war. „Ja“, sagt Lina „war leider unüberhörbar.“

Zu Hause erzähle ich von dem Erlebten. Anna sagt belustigt: „Ich werde nie verstehen, warum man Leute so einsortieren muss. Wer dick ist ist dick, wer Sport machen will macht Sport, gut ist. Wer warn das?

„Kennst du nicht sage ich. Jedenfalls studiert, spirituell geschult, künstlerisch, ein besserer Mensch und eben nicht dick.

Anna schüttelt den Kopf. Ich wiege 84 kg bei 169 cm. Und ich frage mich, wie sich wohl Menschen fühlen die so etwas öfter ausgesetzt sind. Dieser Arroganz, der Verurteilung, fast Verachtung. Ich mache was ich meistens mache wenn ich mich ärgere . Ich fahre ans Meer.

Lese: Caroline Emcke: Journal und Embrace

Karfreitag 2021-der mit dem Wolf lebt-Christian Berge

Gerädert.

Vielleicht ist es die Hasel vor dem Fenster. Die Augen tränen. Der Gatte fährt zur Arbeit, während ich mir das Frühstück bereite.

In der Frankfurter Allgemeinen lese ich einen Artikel über einen Mann (Christian Berge) der mit fünf Wolfshunden seit dreizehn Jahren in der Einsamkeit zusammen lebt. Früher war er mal Anwalt, bis er angefahren wurde. Auf Grund der langen Erkrankung lief die Kanzlei nicht mehr, später ging seine Ehe in die Brüche. Jetzt lebt er mit Wolfshunden und seiner Jugendliebe die eine Wildtieraufzuchtstation hat.

Meine Mutter schickte mir ein Paket und verpackte den Inhalt mit der Frankfurter Allgemeinen. So sind nicht die AMC Töpfe das eigentliche Geschenk. Sie verweigern ihren Dienst auf dem Induktionsherd.

Der Karakatschan tänzelt zu mir hinüber. „Komm schon, lass uns wandern, so wie gestern.“ Ich vertröste ihn auf später.

Seit einiger Zeit, geht es in den Telefonaten mit meiner Mutter auch um die Bibel. Sie sagt sie würde gern glauben, aber etwas versperre ihr den Weg. Sie versucht es mit dem alten Testament aufzunehmen. Nur Mord und Totschlag, sagt sie, und soviel Gewalt.

„Warum versuchst du es nicht mit dem neuen Testament?“ Oder ich schick dir mal: „Das Buch von Gott“ von Walter Wangerin. Ich brauche es nur wieder, weil ich es selbst noch nicht gelesen habe.“

„Glaubst du?“, fragt sie. Ich bejahe

Donnerstag mit tollwütigen Gepard

Geträumt ein alter Gepard hätte sich mir Haken laufend, schlagen konnte er nicht mehr, genähert. Ich versuchte ihn zu vertreiben. Er hatte Tollwut, war zu schwach für größere Emotionen. Der Blick gläsern, das Fell stumpf.

In meiner Not trat ich nach ihm.

Diese Auseinandersetzung muss mich viel Kraft gekostet haben. Ich wachte gerädert auf. Acht Uhr . Anna machte sich fertig für die Arbeit. Die Vögel warteten bereits auf ihr Futter. Auch die Tauben sind zurück und lauern wie jedes Jahr hoch oben in den Bäumen auf die Gelege. Sie erwischen immer etwas, die Elstern tun ein Übriges. Man wundert sich, dass es trotzdem einigen Jungvögeln gelingt zu überleben. Das wilde Obstbäumchen steht im Brautkleid.

Urlaub. „Über Menschen“ habe ich ausgelesen. Halte es für einen sehr gelungen Roman. Ich las gestern den Vorwurf, dass die Figuren etwas schablonenhaft seien. Sind sie, sind sie eigentlich fast immer bei Juli Zeh. Macht aber nichts. Vielleicht weil die Schablonen sich in einem sehr differenzierten Setting bewegen. Entscheidend ist das Licht was auf sie fällt.

Mittwoch mit Gote darf nicht sterben

Gote, der Dorfnazi, der den Juli Zeh mit allen Widersprüchlichkeiten versah und der einem dadurch dazu bringt, Sichtweisen in Frage zu stellen. Ausgerechnet Gote soll sterben.

Ist Gote in erster Linie gewalttätiger , saufender Nazi oder liebender Vater und hilfsbereiter Nachbar?

„Das ist jetzt nicht dein Ernst“, rufe ich Juli Zeh zu, „du kannst den spannendsten Protagonisten des Buches doch nicht einfach sterben lassen. „

„Gote stirbt“, sage ich zum Gatten, „und weißt du was, ich bin traurig darüber.“

Sonnenheller Morgen, ermüdende Rechthabereien über neue Coronaregelungen. Ist Astrazeneca für unter sechzig Jährige abgesetzt oder nicht?

Die Pandemie schafft es, vieles offenzulegen. Im Großen wie im Kleinen.

Lieber Gott, gebe mir die Gelassenheit, bete ich. Was mache ich denn nun mit dem Osterurlaub? Schwanke zwischen Selbstoptimierung und Abhängen.

Ich wollte im Bulli am Strand schlafen, und die da oben lassen mich jetzt nicht.

Es gibt einige Unsinnigkeiten. Bei Coronaverdacht, werden des öfteren halbe Familien in die Quarantäne versetzt, der andere Teil ist frei.

Donnerstag mit Biontech und Dorfnazi

Der Impftermin mit Biontech ist ergattert. Halte es für eine gute Idee, dass Frauen die die Pille nehmen, Astrazeneca vermeiden können.

Was für ein frauenverachtendes und blödsinniges Argument ist eigentlich dieses : die Pille sei noch viel schlimmer……

Die Sonne geht auf. Ein Eichelhäher sitzt in der Nähe des Fensterbrettes.

Er scheint eine Strategie zu entwickeln, wie auch er, der definitiv nicht ins Vogelhaus passt ohne dessen Stabilität zu gefährden, an das Futter kommen kann.

Stabilität ist nicht das was diese Zeit auszeichnet. Unruhige Zeiten. In “ Über Menschen” stellt sich der Nachbar gerade Dora vor: „Ich bin der Dorfnazi“, sagt er und Dora fühlt sich wie in einem Stereotyp gefangen. Ich weiss, dass Juli Zeh, diese Figur anders, weg vom Klischee entwickeln wird. Ich bin abwartend.

Dienstag mit „Seemann“

Hundertvierzig. Der Bus scheppert. Hamburg ist fast erreicht.

„Kleine Lenkbewegungen“, sagt der Gatte und „ras nicht so“

Julius sitzt hinten hört Musik. „Wasn das für ein Lied“, frage ich:

„Seemann“ von Apocalyptica. Nina Hagen singt.

Im Hamburger Hammer Park ist die Hölle los. Die Menschen wollen ans Licht.

Ich wollte Ostern mit dem Bulli an den Strand und übernachten. Selten hab ich mich auf einen Urlaub so gefreut wie auf diesen.

„Jetzt wo alle raus wollen“, sagt Julius, macht sich selbst lustig über „die wollen nicht das wir rausgehen, die da oben.“ Sagt dann, vermutlich sei es sinnvoll um das Virus im Schach zu halten.

„Naja“, ich weiß nicht wen ich im Bulli am Strand angesteckt hätte. Die Ansteckung draußen ist extrem unwahrscheinlich.

Ich lese Juli Zeh „Über Menschen“. Ich lese sie gern, sie ist klug, klarsichtig, dogmenfrei.

Nichts ist mir mehr zuwider als eingefleischter Dogmatismus. Wir wissen wie die Welt funktioniert.

Und sonst: In der Vogelgruppe ein Bild von einem Sperber der eine Amsel auf den Rücken gelegt hat. Beide sehen sich sich in die Augen.

Bei mir im Vogelhaus geht es friedlicher zu. Nach zwei Wochen haben die Vögel nun die Fettfutterwurst akzeptiert, entdeckt, dass das Ding auch noch gut schmeckt. Der Kleiber ist jetzt immer einer der ersten. Gefolgt vom Grünfink und den Meisen. Das Gimpelpaar hat sich einen ungünstigen Nistplatz gesucht. So imposant das Männchen ist: Gehirn scheint nicht seine Stärke zu sein. Da oben in der frei stehenden Konifere sind sie ein gefundenes Fressen.

Habt einen schönen Tag.

Biontech wird heute freigeschaltet. Ich werde versuchen einen Termin zu bekommen.