Donnerstag mit Sprung hinter dem Wäschekorb

Ich dulde keine wilde Ausbreitung, sagte ich dem mit dem lebendigen Blick. Ein

Brennender Blick unter erloschenen. Signalfeuer.

Der Hirsch liegt im Magen. Er lässt auch mich zur Erde sinken. Ich will zuhören und „auf meinem Grab ein Fragezeichen.“ Das mit dem Grab ist von Frida Isberg. „Lederjackenwetter.“

Sie lese ich am Morgen und Leila Slimani auch.

Vierzig Stunden sind zu viel.

Bei Marcel hat sich der Wind gedreht. Im Innen. Er weht jetzt kalt aus der Vergangenheit, aus dem Warten auf eine Schulter einer Augenbraue, eines Grübchens beim Lachen.

Später lese ich einen Beitrag über den Krieg bei 54books.

Anna erzählt: Hanna und Leon haben Verstecken gespielt. Hanna hat das Prinzip vom Verbergen nicht verstanden. Sie ist drei.

Buh großer Bruder!

„Hanna, du darfst nicht immer hinterm Wäschekorb hervorspringen. Ich finde dich dann zu schnell.“

Freitag mit Espedal und dem trainieren in unfertigen Hallen

Genug abgewartet denke ich, wäge ab was bleiben soll, was nicht. Ein Gefühl von damals achtziger Anfang neunziger. Sich erheben vom Rasen, auf die braunrote Aschenbahn treten, in den Startblock knien. Konzentration.

In unfertigen Hallen trainieren, so nennt es Terezia Mora. Oder wenn man mitten im Wandel sitzt lieber abwarten, beobachten, lernen.

Genug abgewartet denke ich.

Ich weiß nicht ob die Stärke im Loslassen nicht auch zugleich Schwäche ist. Lese Espedal.

Der sitzt den Wandel aus.

Song des Tages: Scorpions/Wind of Change

Sonntag mit Zensur und Caroline Fourest

Geweckt vom Amselgesang. Der gestrigen Diskussion nachgespürt.

Aus Protest abermals die Gegenposition eingenommen. Mit den Worten: es ist nicht meine Meinung, aber es lohnt sich immer -die Blickrichtung wechseln zu können.

Die Diskurslinien sind auch mir zu eng gesetzt. Lese: Generation beleidigt von Caroline Fourest.

Ich weiß nicht wohin diese Selbstzensur führen soll. Sprachwandel ja aber so Korinthenkackerhaft? Ich glaube ohnehin, dass Zensur egal ob selbst auferlegt oder verordnet zu einem zweiten Sprachstrom führt. Das machte den Theater und Kulturbetrieb in der DDR so interessant , schreibt jemand dessen Namen ich hier nicht nennen will, weil man ihn vermutlich nicht nennen darf ohne einem Generalverdacht unterstellt zu werden.

Wie soll Debatte gehen fragt Fourest, wenn man von vornherein ganze Bevölkerungsgruppen ausschließt?

Auf dem Laufband, als der Nachrichtensprecher vom Maskenskandal erzählt: Schadhafte Masken für Obdachlose und Menschen mit Behinderung. Ich stelle die Geschwindigkeit höher. Spahn sollte seine Sachen packen.

Hier das neue Domizil noch unbearbeitet

Sonntag mit Sprachwandel

Der Karakatschan weckt mich. Es ist 7.00 Uhr.

Hast ja Recht.“

Stehe übermüdet auf, mach mir einen Kaffee und nehme die Morgenlektüre zur Hand.

Wie sind die Arier eigentlich ausgerechnet nach Indien gekommen?“, frage ich in den Familienchat. Keine Antwort.

8.00 Uhr Finanztreffen, Karla wecken, Test hinlegen.

9.00 Uhr Gespräch mit Karla über eine Bibelstelle und Missionierung. Sie sagt: „Die Schwarzen“ haben…

„Hatte gestern ein langes Telefonat mit S. „Sie meint das Wort schwarz -auf Hautfarbe bezogen geht nicht, weil es nicht trifft. „

„Okay. „People of Colour“ und auf deutsch?“

Maximalpigmentiert.“

„Quatsch“, Dann wäre ich minimalpigmentiert. „

„Farbig

„Klingt auch blöd. Manchmal nervt mich das, das man jedes Wort dreimal überlegen muss bevor man es ausspricht.“

„Sprachwandel, komm wir müssen los. „

Auf halber Strecke fällt ihr ein, dass sie den Test nicht gemacht hat. Die Straßen sind leer zum Glück.

„Kommt wieder Tempo rein“, sagt sie. „wie hab ich das Leben vermisst.“

Mittwoch mit Grandola

Manchmal steigen Lieder auf. Solche wie „Little Boxes“ von Pete Seeger , „We shall overcome“ oder“ Grandola vila morena“. (Nelkenrevolution)

Sie rufen mir zu, aus der Kindheit. Tragen rote Nelken im Knopfloch, sind in Feststimmung. Fahnen in den Fenstern, Männer nach den Maifeierlichkeiten an den Tischen vor dem Gastronom.

„Wann kommt Mutti wieder?“

Berlin, sagt er, das Studium….wichtig.

Ich darf Faßbrause haben. Die Sonne scheint. „Yo soy in hombre sincero…‘

Jetzt sind wir in Demonstrationszug. Ich sitze auf seinen Schultern. Ein russischer Soldat drückt mir einen übergroßen Teddybären in den Arm. Es macht mir Angst. Es ist der letzte 1. Mai mit meinem Vater.

Von irgendwoher schallt „Grandola vila morena.“

Pfingstmontag mit Max Frisch und Alice

In Ermangelung von Sloterdijk, den ich irgendwohin verlegt habe, lese ich Max Frisch. Wahrscheinlich kann man die Beiden nicht miteinander vergleichen, aber Frischs Stil ist ebenso klar, kühl und treffsicher.

Ein fremdes Tagebuch. Alice, die junge Geliebte Max Frischs, erzählt begeistert von einem Co Counselling Workshop. Emotionen raus-lassen und annehmen. Kollateralschäden gab es: eine verletzte Wirbelsäule, ein Beinbruch. Beides hatte Job-Verlust und hohe Krankenhaus-Kosten zur Folge. Frisch reagiert mit Unverständnis. Ein narzisstischer Workshop, bei dem keiner der Beteiligten auf die Idee kommt, Folgegeschädigte finanziell durch Spenden zu unterstützen. Alice reagiert ebenso pikiert aber in gegensätzlicher Richtung. Es sei doch kein Workshop für Solidarität gewesen. Sie wirbt weiter Teilnehmer.

Und sonst: ich ziehe die Bettwäsche ab. Früher mochte ich das Ankommen ebenso wie das Ablegen. Das Eine, das in Besitz nehmen, das Andere beinhaltet den Reiz des Spuren verwischens. Ich gebe das Haus sich selbst zurück. Erinnerungen an diese unstete Zeit. Reisen durch Paris, Genua, Venedig, Kephalonia, Bukarest, Deva. Jede zweite Nacht im Nachtzug unterwegs irgendwohin. Sommer 1990 mit dem Versuch alle nicht erlebten Reisen nachzuholen.

Nicht erfüllt haben sich: Nicaragua, New York, Buenos Aires.

Später am Tag lasse ich Pfingstvögel aus Schafwolle fliegen während ich “ Please don’t let me be misunderstood“ von Joe Cocker höre.

Erinnere mich, ebenfalls bei Max Frisch, in Montauk, das Zupfen von Schafwolle für das Fertigen von Figuren, gefunden zu haben.

Freitag mit Bekassine und Reiseplänen

Am Wegrand war ich zu Keks gegangen. Sie hatte sich schnüffelnd auf etwas fokussiert was mir entgangen war. Braunschwarze Federn. Ich hob sie auf, bis zu ich zu dem Vogel gelangte.

Ein großer Vogel mit ungewöhnlich langem Schnabel. Später stellte er sich als (mutmaßlich) Waldschnepfe heraus. Leider tot. Die Krähen warteten bereits in den Bäumen.

Und sonst: Plane eine Reise im Sommer, wenn Corona es denn zuletzt. Bukarest, Budapest, Prag.

Ich:

„Ich trainiere in unfertigen Hallen.“

„Das Beste was du in Übergangszeiten machen kannst, ist ausharren und lernen.“

(Aus: „Nicht sterben“ von Terezia Mora)

Aber: Ich werde nicht noch weitere sieben Jahre die Herde hüten, thats for sure. Steiniger Weg hin oder her

Sonntag mit Angelika Klüssendorf „Jahre später“, Fahrt ohne Ziel und Iva Bittova

Jemand war auf der Suche nach dem Buch auf meinem Blog gelangt.

Hier eine Besprechung des Buches „Jahre später“ in der FAZ : „Lebenslädiert in die Liebesfalle“

Inspiriert (stimmt Klüssendorf ist genial jetzt) , begann ich ebenfalls zu suchen. Es war schon nach Zehn und ich geisterte auf Zehenspitzen im Haus herum.

Seit ich in Karlas Zimmer gezogen bin, gibt es keinen Platz mehr für meine Bücher. Auch die Bücher haben ihren festen Standort verlassen. Sie erproben neue Standorte in Koffern, Schubläden, Abseiten.

„Jahre später“ von Klüssendorf wohnt in der Bettschublade. Das Buch war mir immer nah.

Angelika Klüssendorf verarbeitet in diesem Roman ihre Ehe mit dem Journalisten und Mitherausgeber der FAZ Frank Schirmmacher.

Klüssendorf ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Eine Prägung die auch meine Prägung ist. Schlage es auf und: lese mich selbst.

Die Zeit als die Kinder klein waren. Diese bodenlose Einsamkeit. Diese alles überlagernde Erschöpfung. Neben unseren drei Kindern lebte auch ein Pippi Langstrumpf Kind in unserem Haushalt. Eine Energie wie ein Orkan. Naturgewalt, Urkraft ungezähmt.

Nie Rückzug, nie Ruhe, nie Schlaf. Morgens zur Arbeit, da war Karla erst drei Monate alt. Ein Haus will bezahlt werden.

Und doch ist da auch: diese Liebe zu unseren Kindern. Die mich umhaute, auf die ich nicht vorbereitet war. Eine unglaubliche Intensität des Mutterglücks.

Der Schatten ist die alles verschlingende Erschöpfung.

Was damals nicht gelingt, gelingt jetzt.

Sich verpuppen, in die Dunkelheit des Zimmers entschwinden. Dem Sonnenlicht den Zutritt verwehren. Es ist meine kinderfreie Woche. Ich muss gar nichts. Ich verpuppe mich. Ruhe, Stille, Dunkelheit. Einmal gehe ich dann doch los. Um mich zu zwingen in Bewegung zu kommen. „Eingewintert“ nennt Deborah Levy diesen Zustand.

Ich lasse mich treiben.

Fahrrad fahren geht nicht, spazieren gehen geht auch nicht, kaufe ein Bustickett für einen Bus der immer leer ist. Es ist egal wohin er fährt. Eine weitläufige Sitznachbarin beginnt mir ihr Leben zu erzählen. Unter der Maske. Ich bin aufmerksam. Manchmal frage ich nach: „Bitte Das habe ich jetzt nicht verstanden, sagen sie es bitte noch einmal.

Sie ist etwa so alt wie ich, wirkt lebendig.

Kiel zieht an mir vorbei. Sie erzählt wie es ist, für einen Stundenlohn von zehn Euro zu arbeiten, das die Kinder nun mit der Schule fertig sind. Das es schwer war als der Leistungssport für die Kinder einfach wegfiel, dann der 18. Geburtstag, dann die Abifeier, der Mann seinen Nebenjob verlor. Als der Leuchtturm von Friedrichsort auftaucht sagt sie: aber wir spielen jetzt jeden Abend wieder Gesellschaftsspiele. Das haben wir früher auch gemacht, als die Kinder noch klein waren und nun aus der Mottenkiste wieder rausgeholt. Und wir haben uns einen Punschkocher gekauft. Dann hören wir auf dem Balkon Schlager und trinken Glühwein.

„Das nennt man Resilienz“, sage ich und lächle ihr unter der Maske zu.

Ich habe eine Busticket gekauft, es ist eines für den ganzen Tag. Ich weiß noch nicht wohin es mich führt. Aber etwas von früher muss wieder aufgetaucht sein. Ein Stück Sichtbarkeit. Das mir Menschen ihr Leben erzählen, dass ist mir früher ab und an passiert, dann zwei Jahrzehnte nie wieder.

Ich kehre in das Familienhaus zurück und habe die erste erzählte Geschichte in meinem Netz.

Ein Wunsch der auftaucht und sich festsetzt: Ein Gesangsworkshop bei Iva Bittova in den USA. Ich wäre auch nach Jedlova gefahren, aber diese Art Workshops werden dort nicht mehr angeboten.

Karfreitag 2021-der mit dem Wolf lebt-Christian Berge

Gerädert.

Vielleicht ist es die Hasel vor dem Fenster. Die Augen tränen. Der Gatte fährt zur Arbeit, während ich mir das Frühstück bereite.

In der Frankfurter Allgemeinen lese ich einen Artikel über einen Mann (Christian Berge) der mit fünf Wolfshunden seit dreizehn Jahren in der Einsamkeit zusammen lebt. Früher war er mal Anwalt, bis er angefahren wurde. Auf Grund der langen Erkrankung lief die Kanzlei nicht mehr, später ging seine Ehe in die Brüche. Jetzt lebt er mit Wolfshunden und seiner Jugendliebe die eine Wildtieraufzuchtstation hat.

Meine Mutter schickte mir ein Paket und verpackte den Inhalt mit der Frankfurter Allgemeinen. So sind nicht die AMC Töpfe das eigentliche Geschenk. Sie verweigern ihren Dienst auf dem Induktionsherd.

Der Karakatschan tänzelt zu mir hinüber. „Komm schon, lass uns wandern, so wie gestern.“ Ich vertröste ihn auf später.

Seit einiger Zeit, geht es in den Telefonaten mit meiner Mutter auch um die Bibel. Sie sagt sie würde gern glauben, aber etwas versperre ihr den Weg. Sie versucht es mit dem alten Testament aufzunehmen. Nur Mord und Totschlag, sagt sie, und soviel Gewalt.

„Warum versuchst du es nicht mit dem neuen Testament?“ Oder ich schick dir mal: „Das Buch von Gott“ von Walter Wangerin. Ich brauche es nur wieder, weil ich es selbst noch nicht gelesen habe.“

„Glaubst du?“, fragt sie. Ich bejahe