Mittwoch mit . Gerade halten

Herbst in der Stadt- So anders. Auf dem Fensterbrett des Schlafzimmers hält sich ein winziges Ahornblatt auf der Spitze. Es zittert wie Espenlaub, aber es hält sich gerade.

Gerade halten.

„Du decodierst den Text?, fragt M.

Ja. Mit Hilfe derer, die ihn bereits decodiert haben. Ein völlig anderes Leseerlebnis. Eine Stunde meines Tages verbringe ich in Dublin. Zitronenseife in der Tasche, durch die Stadt schlendernd. Während Boylan sich an die kleine Verkäuferin heranmacht, mit Nelke im Mund, sie Schnuckelchen nennend. Eigentlich ist er ja auf dem Weg zu Molly. Boylan unterläuft. Alles.

Dedalus Geschwister sitzen derweil vor einem Topf gespendeter Erbsensuppe. Tiefe Armut. Vater unser der du nicht bist im Himmel.

Und sonst?: Herbst in der Stadt.

Montag mit Sina, Bakeliet und einer Kindheit in der DDR

Hast du Zeit? Ich bin heute in Kiel. Vor einem Jahr hatten Sina und ich uns im Stasimuseum in Berlin-Lichtenberg getroffen. Tag der offenen Tür. Ich besuchte einen Workshop, der einem erklärte wie die Akten zu lesen seien.

Sina und ich hatten ausgemacht, dass wir uns genau ein Jahr später wieder treffen wollten.

Mir kamen die Instandhalter*innen dazwischen.

Frühstück im Bakeliet. Es gibt hier den besten Kaffee Kiels.

Im intensiven Gespräch das thematisch um die Zeit vor 89 kreist, denke ich plötzlich daran: wie eine Amerikanerin zu einer Chemnitzerin sagte: „Da hast du ja endlich jemanden aus deinem Volk gefunden.“

Sina und ich sind aus einem Volk. „Ich habe Akteneinsicht beantragt, erinnerst du dich? Sie sind fündig geworden. Es gibt Akten über ihn.. Es kann noch bis zu zwei Jahren dauern, bis ich Einsicht bekomme. Ich war froh zu erfahren, dass er nicht Recht hatte mit seinem: vergiss es, alle längst geschreddert.

„Hattet ihr Angst vo der Staatssicherheit?“, hatte Karla mich im Interview gefragt. “ Nein, ich hatte keine Angst, aber ich hätte sie haben sollen. Es war normal für mich, zu wissen dass jeder auch hätte Zuträger sein können. Ich habe einfach für möglich gehalten, dass der oder die Andere mit falschen Karten spielt. Bei ihm habe ich es nicht für möglich gehalten.

Langer Spaziergang am Wasser entlang.

Es wird leicht und schwer, leicht und schwer. Schwer in der Thematik der Wochenkrippe und des Wochenheimes.

Man hat den Müttern erzählt, es sei ohnehin besser, wenn die Gesellschaft das Kind erzieht unter professionellen Bedingungen. Sozialistischer Staatsbürger ab der 1.Stunde. Studien die in der CSSR zur Schließung der Wochenheime führten, wurden in der DDR unterschlagen.

Sina gab mir diesen Tipp: https://kpm.med.uni-rostock.de/fileadmin/Kliniken/znkpm/Flyer_Wochenkrippe.pdf

Leicht wurde es bei der Frage wie das Leben zu leben sei.

„Ich will das künftige Leben leben, da soll es Kekse, Marmelade, Schokolade geben, und das man immer auf dem Feld an Bäumen vorbei spazieren kann. Ich will gewöhnlich leben mit Glück“ lässt Platonow in “ Die glückliche Moskwa“ seine Protagonistin sagen.

Komm nach Berlin sagt Sina, im Winter, wenn das Wetter einen runter zieht. Wir tanzen uns durch die Clubs. Ich geh nicht in Clubs sage ich, nie, ich fühle mich zu alt dafür.

Nicht in Berlin, sagt sie, in Berlin ist das egal.

In der Nacht Ulysses gelesen. Was für ein Buch.

Immer noch Sonntag mit Uni, Inklusion und Bachmann lesen

Wie schon mit Manns Dr. Faustus, so ergeht es mir auch mit Bachmanns Malina oder Das Buch Franza

Der Hauptbestandteil der Lektüre wird Arbeit. Ich verliere mich in den Seitenarmen, lande bei Wittgenstein und Adorno. Lege das Buch beiseite, denke über den Satz nach: warum die Menschheit, anstatt in einem wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten in eine neue Art von Barbarei versinkt.

( Adorno/Horkheimer 1984). Eine Eilmeldung blinkt auf. Das immer wieder angegriffene AKW in Saporischschja wurde vom Netz genommen Und

Kein Gas mehr über Nordstream1. Energiekrieg. Ich sollte das Handy ausschalten.

Im Prinzip kann man Bachmann nicht verstehen ohne Wittgenstein und Adorno gelesen zu haben. Das glaube ich. Es braucht Handwerkszeug. Bitterfelder Weg mag im Schreiben funktionieren, beim Lesen ist es ein Irrweg.

Maria erinnerte mich an die Möglichkeit eines Gasthörerdaseins an der Cau. Stimmt: Hanisch war großartig, erinnerte ich mich. In der Coronazeit hatte ich die Uni digital besucht.

Und sonst: denke über das Gespräch mit Frigga nach. Es ging um Inklusion, Wohnformen, inklusive WGs. https://inklusionsberaterin.de/wohnsinn-inklusive-wohngemeinschaften/

Spannend, inspirierend, einfach gut. So war das Treffen mit Jana, Karl und Frigga. Ein Revival vom Vorjahr

Habe mich zum Wintersemester in Philosophie eingeschrieben. So wie es mir die Arbeitszeit erlauben wird. Scheine und Punkte brauche ich zum Glück nicht. Nur Wissen um verstehen zu lernen.

Sonntag mit Zensur und Caroline Fourest

Geweckt vom Amselgesang. Der gestrigen Diskussion nachgespürt.

Aus Protest abermals die Gegenposition eingenommen. Mit den Worten: es ist nicht meine Meinung, aber es lohnt sich immer -die Blickrichtung wechseln zu können.

Die Diskurslinien sind auch mir zu eng gesetzt. Lese: Generation beleidigt von Caroline Fourest.

Ich weiß nicht wohin diese Selbstzensur führen soll. Sprachwandel ja aber so Korinthenkackerhaft? Ich glaube ohnehin, dass Zensur egal ob selbst auferlegt oder verordnet zu einem zweiten Sprachstrom führt. Das machte den Theater und Kulturbetrieb in der DDR so interessant , schreibt jemand dessen Namen ich hier nicht nennen will, weil man ihn vermutlich nicht nennen darf ohne einem Generalverdacht unterstellt zu werden.

Wie soll Debatte gehen fragt Fourest, wenn man von vornherein ganze Bevölkerungsgruppen ausschließt?

Auf dem Laufband, als der Nachrichtensprecher vom Maskenskandal erzählt: Schadhafte Masken für Obdachlose und Menschen mit Behinderung. Ich stelle die Geschwindigkeit höher. Spahn sollte seine Sachen packen.

Hier das neue Domizil noch unbearbeitet

Pfingstmontag mit Max Frisch und Alice

In Ermangelung von Sloterdijk, den ich irgendwohin verlegt habe, lese ich Max Frisch. Wahrscheinlich kann man die Beiden nicht miteinander vergleichen, aber Frischs Stil ist ebenso klar, kühl und treffsicher.

Ein fremdes Tagebuch. Alice, die junge Geliebte Max Frischs, erzählt begeistert von einem Co Counselling Workshop. Emotionen raus-lassen und annehmen. Kollateralschäden gab es: eine verletzte Wirbelsäule, ein Beinbruch. Beides hatte Job-Verlust und hohe Krankenhaus-Kosten zur Folge. Frisch reagiert mit Unverständnis. Ein narzisstischer Workshop, bei dem keiner der Beteiligten auf die Idee kommt, Folgegeschädigte finanziell durch Spenden zu unterstützen. Alice reagiert ebenso pikiert aber in gegensätzlicher Richtung. Es sei doch kein Workshop für Solidarität gewesen. Sie wirbt weiter Teilnehmer.

Und sonst: ich ziehe die Bettwäsche ab. Früher mochte ich das Ankommen ebenso wie das Ablegen. Das Eine, das in Besitz nehmen, das Andere beinhaltet den Reiz des Spuren verwischens. Ich gebe das Haus sich selbst zurück. Erinnerungen an diese unstete Zeit. Reisen durch Paris, Genua, Venedig, Kephalonia, Bukarest, Deva. Jede zweite Nacht im Nachtzug unterwegs irgendwohin. Sommer 1990 mit dem Versuch alle nicht erlebten Reisen nachzuholen.

Nicht erfüllt haben sich: Nicaragua, New York, Buenos Aires.

Später am Tag lasse ich Pfingstvögel aus Schafwolle fliegen während ich “ Please don’t let me be misunderstood“ von Joe Cocker höre.

Erinnere mich, ebenfalls bei Max Frisch, in Montauk, das Zupfen von Schafwolle für das Fertigen von Figuren, gefunden zu haben.

Dienstag mit Stellplatzsuche, Wohnungssuche etc. in Kiel und Umgebung

In Kiel und Umland gesucht

Noch einmal nutze ich den Blog, um eventuell neue Ideen zu finden.

Ich suche für jede zweite und vierte Woche im Monat (von Freitag bis Freitag) eine Möglichkeit unterzukommen. Dabei möchte ich ungern irgendwo ein Zimmer mieten. Am liebsten wäre mir ein Wohnwagenstellplatz, ein Dauercampingplatz in der Nähe oder eine bezahlbare Einzimmerwohnung (illusorisch ich weiß).

Außerdem suche ich für mich einen Bulli, aber der ist im Moment nicht so dringend:)

Sonntag mit Angelika Klüssendorf „Jahre später“, Fahrt ohne Ziel und Iva Bittova

Jemand war auf der Suche nach dem Buch auf meinem Blog gelangt.

Hier eine Besprechung des Buches „Jahre später“ in der FAZ : „Lebenslädiert in die Liebesfalle“

Inspiriert (stimmt Klüssendorf ist genial jetzt) , begann ich ebenfalls zu suchen. Es war schon nach Zehn und ich geisterte auf Zehenspitzen im Haus herum.

Seit ich in Karlas Zimmer gezogen bin, gibt es keinen Platz mehr für meine Bücher. Auch die Bücher haben ihren festen Standort verlassen. Sie erproben neue Standorte in Koffern, Schubläden, Abseiten.

„Jahre später“ von Klüssendorf wohnt in der Bettschublade. Das Buch war mir immer nah.

Angelika Klüssendorf verarbeitet in diesem Roman ihre Ehe mit dem Journalisten und Mitherausgeber der FAZ Frank Schirmmacher.

Klüssendorf ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Eine Prägung die auch meine Prägung ist. Schlage es auf und: lese mich selbst.

Die Zeit als die Kinder klein waren. Diese bodenlose Einsamkeit. Diese alles überlagernde Erschöpfung. Neben unseren drei Kindern lebte auch ein Pippi Langstrumpf Kind in unserem Haushalt. Eine Energie wie ein Orkan. Naturgewalt, Urkraft ungezähmt.

Nie Rückzug, nie Ruhe, nie Schlaf. Morgens zur Arbeit, da war Karla erst drei Monate alt. Ein Haus will bezahlt werden.

Und doch ist da auch: diese Liebe zu unseren Kindern. Die mich umhaute, auf die ich nicht vorbereitet war. Eine unglaubliche Intensität des Mutterglücks.

Der Schatten ist die alles verschlingende Erschöpfung.

Was damals nicht gelingt, gelingt jetzt.

Sich verpuppen, in die Dunkelheit des Zimmers entschwinden. Dem Sonnenlicht den Zutritt verwehren. Es ist meine kinderfreie Woche. Ich muss gar nichts. Ich verpuppe mich. Ruhe, Stille, Dunkelheit. Einmal gehe ich dann doch los. Um mich zu zwingen in Bewegung zu kommen. „Eingewintert“ nennt Deborah Levy diesen Zustand.

Ich lasse mich treiben.

Fahrrad fahren geht nicht, spazieren gehen geht auch nicht, kaufe ein Bustickett für einen Bus der immer leer ist. Es ist egal wohin er fährt. Eine weitläufige Sitznachbarin beginnt mir ihr Leben zu erzählen. Unter der Maske. Ich bin aufmerksam. Manchmal frage ich nach: „Bitte Das habe ich jetzt nicht verstanden, sagen sie es bitte noch einmal.

Sie ist etwa so alt wie ich, wirkt lebendig.

Kiel zieht an mir vorbei. Sie erzählt wie es ist, für einen Stundenlohn von zehn Euro zu arbeiten, das die Kinder nun mit der Schule fertig sind. Das es schwer war als der Leistungssport für die Kinder einfach wegfiel, dann der 18. Geburtstag, dann die Abifeier, der Mann seinen Nebenjob verlor. Als der Leuchtturm von Friedrichsort auftaucht sagt sie: aber wir spielen jetzt jeden Abend wieder Gesellschaftsspiele. Das haben wir früher auch gemacht, als die Kinder noch klein waren und nun aus der Mottenkiste wieder rausgeholt. Und wir haben uns einen Punschkocher gekauft. Dann hören wir auf dem Balkon Schlager und trinken Glühwein.

„Das nennt man Resilienz“, sage ich und lächle ihr unter der Maske zu.

Ich habe eine Busticket gekauft, es ist eines für den ganzen Tag. Ich weiß noch nicht wohin es mich führt. Aber etwas von früher muss wieder aufgetaucht sein. Ein Stück Sichtbarkeit. Das mir Menschen ihr Leben erzählen, dass ist mir früher ab und an passiert, dann zwei Jahrzehnte nie wieder.

Ich kehre in das Familienhaus zurück und habe die erste erzählte Geschichte in meinem Netz.

Ein Wunsch der auftaucht und sich festsetzt: Ein Gesangsworkshop bei Iva Bittova in den USA. Ich wäre auch nach Jedlova gefahren, aber diese Art Workshops werden dort nicht mehr angeboten.

Karfreitag 2021-der mit dem Wolf lebt-Christian Berge

Gerädert.

Vielleicht ist es die Hasel vor dem Fenster. Die Augen tränen. Der Gatte fährt zur Arbeit, während ich mir das Frühstück bereite.

In der Frankfurter Allgemeinen lese ich einen Artikel über einen Mann (Christian Berge) der mit fünf Wolfshunden seit dreizehn Jahren in der Einsamkeit zusammen lebt. Früher war er mal Anwalt, bis er angefahren wurde. Auf Grund der langen Erkrankung lief die Kanzlei nicht mehr, später ging seine Ehe in die Brüche. Jetzt lebt er mit Wolfshunden und seiner Jugendliebe die eine Wildtieraufzuchtstation hat.

Meine Mutter schickte mir ein Paket und verpackte den Inhalt mit der Frankfurter Allgemeinen. So sind nicht die AMC Töpfe das eigentliche Geschenk. Sie verweigern ihren Dienst auf dem Induktionsherd.

Der Karakatschan tänzelt zu mir hinüber. „Komm schon, lass uns wandern, so wie gestern.“ Ich vertröste ihn auf später.

Seit einiger Zeit, geht es in den Telefonaten mit meiner Mutter auch um die Bibel. Sie sagt sie würde gern glauben, aber etwas versperre ihr den Weg. Sie versucht es mit dem alten Testament aufzunehmen. Nur Mord und Totschlag, sagt sie, und soviel Gewalt.

„Warum versuchst du es nicht mit dem neuen Testament?“ Oder ich schick dir mal: „Das Buch von Gott“ von Walter Wangerin. Ich brauche es nur wieder, weil ich es selbst noch nicht gelesen habe.“

„Glaubst du?“, fragt sie. Ich bejahe

Donnerstag mit tollwütigen Gepard

Geträumt ein alter Gepard hätte sich mir Haken laufend, schlagen konnte er nicht mehr, genähert. Ich versuchte ihn zu vertreiben. Er hatte Tollwut, war zu schwach für größere Emotionen. Der Blick gläsern, das Fell stumpf.

In meiner Not trat ich nach ihm.

Diese Auseinandersetzung muss mich viel Kraft gekostet haben. Ich wachte gerädert auf. Acht Uhr . Anna machte sich fertig für die Arbeit. Die Vögel warteten bereits auf ihr Futter. Auch die Tauben sind zurück und lauern wie jedes Jahr hoch oben in den Bäumen auf die Gelege. Sie erwischen immer etwas, die Elstern tun ein Übriges. Man wundert sich, dass es trotzdem einigen Jungvögeln gelingt zu überleben. Das wilde Obstbäumchen steht im Brautkleid.

Urlaub. „Über Menschen“ habe ich ausgelesen. Halte es für einen sehr gelungen Roman. Ich las gestern den Vorwurf, dass die Figuren etwas schablonenhaft seien. Sind sie, sind sie eigentlich fast immer bei Juli Zeh. Macht aber nichts. Vielleicht weil die Schablonen sich in einem sehr differenzierten Setting bewegen. Entscheidend ist das Licht was auf sie fällt.