Sonntag mit Zensur und Caroline Fourest

Geweckt vom Amselgesang. Der gestrigen Diskussion nachgespürt.

Aus Protest abermals die Gegenposition eingenommen. Mit den Worten: es ist nicht meine Meinung, aber es lohnt sich immer -die Blickrichtung wechseln zu können.

Die Diskurslinien sind auch mir zu eng gesetzt. Lese: Generation beleidigt von Caroline Fourest.

Ich weiß nicht wohin diese Selbstzensur führen soll. Sprachwandel ja aber so Korinthenkackerhaft? Ich glaube ohnehin, dass Zensur egal ob selbst auferlegt oder verordnet zu einem zweiten Sprachstrom führt. Das machte den Theater und Kulturbetrieb in der DDR so interessant , schreibt jemand dessen Namen ich hier nicht nennen will, weil man ihn vermutlich nicht nennen darf ohne einem Generalverdacht unterstellt zu werden.

Wie soll Debatte gehen fragt Fourest, wenn man von vornherein ganze Bevölkerungsgruppen ausschließt?

Auf dem Laufband, als der Nachrichtensprecher vom Maskenskandal erzählt: Schadhafte Masken für Obdachlose und Menschen mit Behinderung. Ich stelle die Geschwindigkeit höher. Spahn sollte seine Sachen packen.

Hier das neue Domizil noch unbearbeitet

Pfingstmontag mit Max Frisch und Alice

In Ermangelung von Sloterdijk, den ich irgendwohin verlegt habe, lese ich Max Frisch. Wahrscheinlich kann man die Beiden nicht miteinander vergleichen, aber Frischs Stil ist ebenso klar, kühl und treffsicher.

Ein fremdes Tagebuch. Alice, die junge Geliebte Max Frischs, erzählt begeistert von einem Co Counselling Workshop. Emotionen raus-lassen und annehmen. Kollateralschäden gab es: eine verletzte Wirbelsäule, ein Beinbruch. Beides hatte Job-Verlust und hohe Krankenhaus-Kosten zur Folge. Frisch reagiert mit Unverständnis. Ein narzisstischer Workshop, bei dem keiner der Beteiligten auf die Idee kommt, Folgegeschädigte finanziell durch Spenden zu unterstützen. Alice reagiert ebenso pikiert aber in gegensätzlicher Richtung. Es sei doch kein Workshop für Solidarität gewesen. Sie wirbt weiter Teilnehmer.

Und sonst: ich ziehe die Bettwäsche ab. Früher mochte ich das Ankommen ebenso wie das Ablegen. Das Eine, das in Besitz nehmen, das Andere beinhaltet den Reiz des Spuren verwischens. Ich gebe das Haus sich selbst zurück. Erinnerungen an diese unstete Zeit. Reisen durch Paris, Genua, Venedig, Kephalonia, Bukarest, Deva. Jede zweite Nacht im Nachtzug unterwegs irgendwohin. Sommer 1990 mit dem Versuch alle nicht erlebten Reisen nachzuholen.

Nicht erfüllt haben sich: Nicaragua, New York, Buenos Aires.

Später am Tag lasse ich Pfingstvögel aus Schafwolle fliegen während ich “ Please don’t let me be misunderstood“ von Joe Cocker höre.

Erinnere mich, ebenfalls bei Max Frisch, in Montauk, das Zupfen von Schafwolle für das Fertigen von Figuren, gefunden zu haben.

Dienstag mit Stellplatzsuche, Wohnungssuche etc. in Kiel und Umgebung

In Kiel und Umland gesucht

Noch einmal nutze ich den Blog, um eventuell neue Ideen zu finden.

Ich suche für jede zweite und vierte Woche im Monat (von Freitag bis Freitag) eine Möglichkeit unterzukommen. Dabei möchte ich ungern irgendwo ein Zimmer mieten. Am liebsten wäre mir ein Wohnwagenstellplatz, ein Dauercampingplatz in der Nähe oder eine bezahlbare Einzimmerwohnung (illusorisch ich weiß).

Außerdem suche ich für mich einen Bulli, aber der ist im Moment nicht so dringend:)

Freitag mit Bekassine und Reiseplänen

Am Wegrand war ich zu Keks gegangen. Sie hatte sich schnüffelnd auf etwas fokussiert was mir entgangen war. Braunschwarze Federn. Ich hob sie auf, bis zu ich zu dem Vogel gelangte.

Ein großer Vogel mit ungewöhnlich langem Schnabel. Später stellte er sich als (mutmaßlich) Waldschnepfe heraus. Leider tot. Die Krähen warteten bereits in den Bäumen.

Und sonst: Plane eine Reise im Sommer, wenn Corona es denn zuletzt. Bukarest, Budapest, Prag.

Ich:

„Ich trainiere in unfertigen Hallen.“

„Das Beste was du in Übergangszeiten machen kannst, ist ausharren und lernen.“

(Aus: „Nicht sterben“ von Terezia Mora)

Aber: Ich werde nicht noch weitere sieben Jahre die Herde hüten, thats for sure. Steiniger Weg hin oder her

Sonntag mit Angelika Klüssendorf „Jahre später“, Fahrt ohne Ziel und Iva Bittova

Jemand war auf der Suche nach dem Buch auf meinem Blog gelangt.

Hier eine Besprechung des Buches „Jahre später“ in der FAZ : „Lebenslädiert in die Liebesfalle“

Inspiriert (stimmt Klüssendorf ist genial jetzt) , begann ich ebenfalls zu suchen. Es war schon nach Zehn und ich geisterte auf Zehenspitzen im Haus herum.

Seit ich in Karlas Zimmer gezogen bin, gibt es keinen Platz mehr für meine Bücher. Auch die Bücher haben ihren festen Standort verlassen. Sie erproben neue Standorte in Koffern, Schubläden, Abseiten.

„Jahre später“ von Klüssendorf wohnt in der Bettschublade. Das Buch war mir immer nah.

Angelika Klüssendorf verarbeitet in diesem Roman ihre Ehe mit dem Journalisten und Mitherausgeber der FAZ Frank Schirmmacher.

Klüssendorf ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Eine Prägung die auch meine Prägung ist. Schlage es auf und: lese mich selbst.

Die Zeit als die Kinder klein waren. Diese bodenlose Einsamkeit. Diese alles überlagernde Erschöpfung. Neben unseren drei Kindern lebte auch ein Pippi Langstrumpf Kind in unserem Haushalt. Eine Energie wie ein Orkan. Naturgewalt, Urkraft ungezähmt.

Nie Rückzug, nie Ruhe, nie Schlaf. Morgens zur Arbeit, da war Karla erst drei Monate alt. Ein Haus will bezahlt werden.

Und doch ist da auch: diese Liebe zu unseren Kindern. Die mich umhaute, auf die ich nicht vorbereitet war. Eine unglaubliche Intensität des Mutterglücks.

Der Schatten ist die alles verschlingende Erschöpfung.

Was damals nicht gelingt, gelingt jetzt.

Sich verpuppen, in die Dunkelheit des Zimmers entschwinden. Dem Sonnenlicht den Zutritt verwehren. Es ist meine kinderfreie Woche. Ich muss gar nichts. Ich verpuppe mich. Ruhe, Stille, Dunkelheit. Einmal gehe ich dann doch los. Um mich zu zwingen in Bewegung zu kommen. „Eingewintert“ nennt Deborah Levy diesen Zustand.

Ich lasse mich treiben.

Fahrrad fahren geht nicht, spazieren gehen geht auch nicht, kaufe ein Bustickett für einen Bus der immer leer ist. Es ist egal wohin er fährt. Eine weitläufige Sitznachbarin beginnt mir ihr Leben zu erzählen. Unter der Maske. Ich bin aufmerksam. Manchmal frage ich nach: „Bitte Das habe ich jetzt nicht verstanden, sagen sie es bitte noch einmal.

Sie ist etwa so alt wie ich, wirkt lebendig.

Kiel zieht an mir vorbei. Sie erzählt wie es ist, für einen Stundenlohn von zehn Euro zu arbeiten, das die Kinder nun mit der Schule fertig sind. Das es schwer war als der Leistungssport für die Kinder einfach wegfiel, dann der 18. Geburtstag, dann die Abifeier, der Mann seinen Nebenjob verlor. Als der Leuchtturm von Friedrichsort auftaucht sagt sie: aber wir spielen jetzt jeden Abend wieder Gesellschaftsspiele. Das haben wir früher auch gemacht, als die Kinder noch klein waren und nun aus der Mottenkiste wieder rausgeholt. Und wir haben uns einen Punschkocher gekauft. Dann hören wir auf dem Balkon Schlager und trinken Glühwein.

„Das nennt man Resilienz“, sage ich und lächle ihr unter der Maske zu.

Ich habe eine Busticket gekauft, es ist eines für den ganzen Tag. Ich weiß noch nicht wohin es mich führt. Aber etwas von früher muss wieder aufgetaucht sein. Ein Stück Sichtbarkeit. Das mir Menschen ihr Leben erzählen, dass ist mir früher ab und an passiert, dann zwei Jahrzehnte nie wieder.

Ich kehre in das Familienhaus zurück und habe die erste erzählte Geschichte in meinem Netz.

Ein Wunsch der auftaucht und sich festsetzt: Ein Gesangsworkshop bei Iva Bittova in den USA. Ich wäre auch nach Jedlova gefahren, aber diese Art Workshops werden dort nicht mehr angeboten.

Samstag mit Dicksein-das kriegt man nicht mehr weg-Embrace

Es bereitet mir Kopfzerbrechen, wann ich das letzte Mal einen Seitenhieb auf meine Figur einstecken musste. Es ist Jahre her.

Heute ist es passiert. Die Veranlagung zum Dicksein, die würde man nicht mehr rausbekommen, Seitenblick zu mir. Das würde bleiben. Man hätte einfach immer Hunger. Lina und ich waren spazieren.

Kann sein , dass ich dieses Gespräch aus dem Zusammenhang reiße. Fast hätte ich gesagt: „Der eine isst, der andere raucht. “ Vielleicht interpretierte ich aber auch irgendwas rein, also liess ich es lieber. Eigentlich ging es um Kinder im Lockdown und der Bewegungslosigkeit.

Sag mal Lina, hattest du auch das Gefühl, dass das ein Seitenhieb auf meine Körperfülle war. „Ja“, sagt Lina „war leider unüberhörbar.“

Zu Hause erzähle ich von dem Erlebten. Anna sagt belustigt: „Ich werde nie verstehen, warum man Leute so einsortieren muss. Wer dick ist ist dick, wer Sport machen will macht Sport, gut ist. Wer warn das?

„Kennst du nicht sage ich. Jedenfalls studiert, spirituell geschult, künstlerisch, ein besserer Mensch und eben nicht dick.

Anna schüttelt den Kopf. Ich wiege 84 kg bei 169 cm. Und ich frage mich, wie sich wohl Menschen fühlen die so etwas öfter ausgesetzt sind. Dieser Arroganz, der Verurteilung, fast Verachtung. Ich mache was ich meistens mache wenn ich mich ärgere . Ich fahre ans Meer.

Lese: Caroline Emcke: Journal und Embrace

Karfreitag 2021-der mit dem Wolf lebt-Christian Berge

Gerädert.

Vielleicht ist es die Hasel vor dem Fenster. Die Augen tränen. Der Gatte fährt zur Arbeit, während ich mir das Frühstück bereite.

In der Frankfurter Allgemeinen lese ich einen Artikel über einen Mann (Christian Berge) der mit fünf Wolfshunden seit dreizehn Jahren in der Einsamkeit zusammen lebt. Früher war er mal Anwalt, bis er angefahren wurde. Auf Grund der langen Erkrankung lief die Kanzlei nicht mehr, später ging seine Ehe in die Brüche. Jetzt lebt er mit Wolfshunden und seiner Jugendliebe die eine Wildtieraufzuchtstation hat.

Meine Mutter schickte mir ein Paket und verpackte den Inhalt mit der Frankfurter Allgemeinen. So sind nicht die AMC Töpfe das eigentliche Geschenk. Sie verweigern ihren Dienst auf dem Induktionsherd.

Der Karakatschan tänzelt zu mir hinüber. „Komm schon, lass uns wandern, so wie gestern.“ Ich vertröste ihn auf später.

Seit einiger Zeit, geht es in den Telefonaten mit meiner Mutter auch um die Bibel. Sie sagt sie würde gern glauben, aber etwas versperre ihr den Weg. Sie versucht es mit dem alten Testament aufzunehmen. Nur Mord und Totschlag, sagt sie, und soviel Gewalt.

„Warum versuchst du es nicht mit dem neuen Testament?“ Oder ich schick dir mal: „Das Buch von Gott“ von Walter Wangerin. Ich brauche es nur wieder, weil ich es selbst noch nicht gelesen habe.“

„Glaubst du?“, fragt sie. Ich bejahe

Donnerstag mit tollwütigen Gepard

Geträumt ein alter Gepard hätte sich mir Haken laufend, schlagen konnte er nicht mehr, genähert. Ich versuchte ihn zu vertreiben. Er hatte Tollwut, war zu schwach für größere Emotionen. Der Blick gläsern, das Fell stumpf.

In meiner Not trat ich nach ihm.

Diese Auseinandersetzung muss mich viel Kraft gekostet haben. Ich wachte gerädert auf. Acht Uhr . Anna machte sich fertig für die Arbeit. Die Vögel warteten bereits auf ihr Futter. Auch die Tauben sind zurück und lauern wie jedes Jahr hoch oben in den Bäumen auf die Gelege. Sie erwischen immer etwas, die Elstern tun ein Übriges. Man wundert sich, dass es trotzdem einigen Jungvögeln gelingt zu überleben. Das wilde Obstbäumchen steht im Brautkleid.

Urlaub. „Über Menschen“ habe ich ausgelesen. Halte es für einen sehr gelungen Roman. Ich las gestern den Vorwurf, dass die Figuren etwas schablonenhaft seien. Sind sie, sind sie eigentlich fast immer bei Juli Zeh. Macht aber nichts. Vielleicht weil die Schablonen sich in einem sehr differenzierten Setting bewegen. Entscheidend ist das Licht was auf sie fällt.

Donnerstag mit Biontech und Dorfnazi

Der Impftermin mit Biontech ist ergattert. Halte es für eine gute Idee, dass Frauen die die Pille nehmen, Astrazeneca vermeiden können.

Was für ein frauenverachtendes und blödsinniges Argument ist eigentlich dieses : die Pille sei noch viel schlimmer……

Die Sonne geht auf. Ein Eichelhäher sitzt in der Nähe des Fensterbrettes.

Er scheint eine Strategie zu entwickeln, wie auch er, der definitiv nicht ins Vogelhaus passt ohne dessen Stabilität zu gefährden, an das Futter kommen kann.

Stabilität ist nicht das was diese Zeit auszeichnet. Unruhige Zeiten. In “ Über Menschen” stellt sich der Nachbar gerade Dora vor: „Ich bin der Dorfnazi“, sagt er und Dora fühlt sich wie in einem Stereotyp gefangen. Ich weiss, dass Juli Zeh, diese Figur anders, weg vom Klischee entwickeln wird. Ich bin abwartend.