Samstag mit Pioniergruß und Spirou und Fantasio-Erinnerungen

Den Morgen in der Pionierrepublik verbracht. Ich kenne die Texte aller Lieder. „Ich trage eine Fahne und diese Fahne ist rot.“

Abtauchen in Erinnerungen. Die Mauer schützte. Die Guten waren wir. „Faschist“, das Wort vereinigte das Böse, Hässliche, Aggessive, Krieg .

Wir hatten Glück gehabt. Sich warm schreiben. Fahnenapelle, Fackelmärsche, Gruppenratssitzungen, Wehrunterricht, Produktive Arbeit, Einführung in die sozialistische Produktion, Kandidatenschule, Fünfjahresplan.

In der Ehe hat die unterschiedliche Prägung eine Rolle gespielt. „Nein, nein, der Pioniergruß kommt nicht von Spirou und Fantasio.

Und sonst?: Lese, dass die Schreibroutine Thomas Manns so nicht stattgefunden hat. Ein Ideal.

Lese Terezia Mora: so verdichten, dass es sagbar wird. Vereinfachen. Von mein Großvater hat immer getrunken zu – Großvater trinkt.

Das Haus erwacht.

Covid hat etwas hinterlassen. Eine Art Dauererkältung mit Erschöpfung. Definiere es als Postcovid.

Übung 2

Warum?

Weil ich nicht wollte, das das was wir uns aufgebaut haben von diesen Menschen kaputt gemacht wird.

Du hast diese Zeiten nicht erlebt. Wir haben an eine bessere Gesellschaftsform geglaubt. Zu diesem Preis?

Zu diesem Preis.

2. Telefonat:

Warum?

Ich habe mich als Tschetnik verstanden.

Werde ich jemals diese Teile zu einem ganzen zusammenfügen können? Den Duft der Mandelblüte, die Sehnsucht nach dem Pfälzer Wald, die Maidemobstrationen, die Namenslisten, die Großmutter die Care Pakete schickte?

I

Nachtrag zum dritten Oktober- Erinnerung-Frankenthal 1989 Die Großmutter

Anruf bei der Großmutter in Frankenthal 1989. Harsche Antwort: „Ich weiß nicht was ihr hier alle wollt, wir haben genug Arbeitslose.“

Später erzählte sie, mein Vater hätte ihr damals geschrieben. Einen langen Brief. Die Begründung, warum sie mich nicht bei sich aufnehmen solle.

In derselben Zeit erhielt auch ich einen Brief von ihm. Komm zurück. Sie sollen sehen, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Erinnerung DDR- Besuch

Trenchcoat

So weit ich mich erinnern kann, lag unter dem Strom des Wahrnehmbaren immer noch ein zweiter, manchmal auch dritter oder vierter Strom. Die Ebenen waren verschiebbar, verzahnten sich immer wieder neu.

Ich war noch nicht ganz 18, als ich nach zwei Jahren aus dem Werk und dem Internat an der polnischen Grenze wiederkehrte. Nach der Kandidatenschulung (um würdiges Mitglied der SED zu werden) war ich nicht in die Partei eingetreten. Kein gefestigter Klassenstandpunkt trotz ideologischer Schulung. Konsequenz: keine Delegetation zum Fachhochschulstudium.

„Eine Hand wäscht die andere, sie wissen wie das läuft Frau M.“

Rückkehr nach Halle. Bat meinen Vater bei ihm und seiner Tochter – meiner Halbschwester, wohnen zu dürfen.

Drei Wochen später erhielt der Vater Besuch. Es waren Zwei .

Herren mit Trenchcoat und dunklen Brillen. Der Vater defensiv, ungewohnter Anblick.

Das Wohnzimmer verließ ich auf Anordnung. Aus dem Nebenzimmer hörte ich seine Stimme: sie hat das moralische Recht hier zu wohnen. Moral wird definiert von dem der es kann.

Ich zog aus.

Auf Anordnung im Trenchcoat.

Warum hatten die mich auf dem Schirm? Das fragte ich mich oft.

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Dienstag mit Bräunig- Erinnerung

Nie habe ich dich weinen sehen, bis jetzt.

Ich stehe in deinem Elfenbeinturm, einer Sozialwohnung am Rande von Mannheim. Du sitzt im Sessel, das Bein mit den Granatsplittern hochgelagert.

Der Unterschenkel ist am Schienenbein schwarz verfärbt. Mit einem Blindgänger hast du gespielt, dein Freund starb, so erzähltest du es

“ Sie haben Bräunig verlegt“ , sage ich. “ Rummelplatz“ hat doch noch das Licht der Welt erblickt. Nach so vielen Jahren. Du weinst.

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/wismut-braeunig-roman-rummelplatz-ddr100.html

Bräunig ist auch ein Schatten.

Block 456/5 2. Stock: neue Stadt für neue Menschen.

Ich erinnere mich im Drehsessel gesessen zu haben. Dieselben Kissen wie in „Nahschuss“, derselbe Sessel. Ich bin fünf , es ist das mutterlose Jahr. In meiner Erinnerung bin ich immer fünf. Als gäbe es nur dieses eine Jahr.

Bräunig ein Schatten in grau lehnt am Türrahmen.

“ Ich mochte den nie“ hatte A gesagt, der war mir zu melancholisch. Bräunig war sein Schreiben über die Wismut zum Verhängnis geworden.

Es erfolgte öffentliche Demontage, nicht linientreu genug. Bräunig starb früh. Alkohol.

“ Soll ich es dir bestellen?“

Du nickst. Kein Wort mehr. „Ich bin müde sagst du. „

Ich verlasse die Wohnung .

Blumen gießen bei Tante Ulrike

Tante Ulrike mochte ich sehr, sie kaute Wrigley Spearmint Gum,  den ihr Tante Klara aus Hamburg schickte. Immer. Tante Ulrike fuhr oft in den Urlaub ans Schwarze Meer, nach Bulgarien oder Ungarn.

Mama und ich gossen in dieser  Zeit die Blumen im Wintergarten der Plattenbauwohnung, einem verglasten Balkon. Der Perserkater Felix lag meist unter’m Gummibaum.

In der Wohnung liefen wir sockfuß über schwere orientalische Teppiche, staubten ebenso schwere Möbel ab.

“Bürgertum” sagte Mama. Großvater lebte als Schweinezuchtmeister noch mondäner, fast allein in einem Gutsherrenhaus in einem abgelegenen Dorf an der Elbe.

„Uranabbau“ hatte jemand gesagt und „Normbrecher“.

Opa war Arbeiterklasse, nicht Bürgertum, die Erklärungen von Mama verstand ich nicht.

Tante Ulrike und Onkel Andre waren bürgerlich, vielleicht wegen des Kaugummis.

“Leute wie die, machen unsere Partei kaputt“, hatte mein Vater immer wieder gesagt. Im Schlafzimmer von Tante Ulrike standen am Ende des Bettes, die nicht sehenden, hörenden und sprechenden Affen.

Manchmal luden Tante Ulrike und Gatte, uns zum Diaabend ein. Meist nach einem Urlaub. Sie wollten uns an den Schönheiten Bulgariens oder Ungarns teilhaben zu lassen. Ich staunte über Knoblauchzöpfe.

Ich mochte Ferien in Wernigerode gern, da gab es Esel auf denen man reiten konnte und göttlich schmeckende Brötchen.

“Leute wie die, sagte mein Vater manchmal, haben uns den Sozialismus kaputt gemacht.

Die Wende kam.

Die Datsche von Tante Ulrike wurde nun Hauptdomizil mit angrenzenden Swimmingpool. Perserkater inklusive.

Erinnerung

Die Gebäudewirtschaft liegt am Rand der Plattenbaustadt.

Ich steige hinab, zu dem fensterlosen Raum. Die Guppys drücken ihre Fischmäuler an der Aquariumscheibe platt. In meiner Erinnerung schreibt er immer. Tief gebeugt über das Brigadetagebuch, im blassblauen Kittel und schwarzer Hornbrille. Spöttische, satirische Verse auf Arbeitsmoral und Opportunismus.

Villon ist sein Vorbild.

Ich trage mein blaues Halstuch. „Kind“, sagt er. „Schön, dass du mich besuchst.“

„Wir sollen ein Gedicht schreiben.“

Ich setze den Lederranzen ab, die Katzenaugen klappern.

„Und bist du dem General für heute entkommen?“ Er meint die Hortnerin, die mit militant autoritären Tonfall für Zucht und Ordnung sorgt.

Ich mag die Schule nicht und den Hort erst recht nicht.

Er beugt sich über die krakelige Schrift. „Hell blühen die Blumen im Frühling. Es blüht auch der Friede in unserem Land. Da war es einmal vor Jahren, dass Thälmann den Weg zum Frieden fand.“

„Nun, schön, aber lass es uns gleich noch mal durchgehen.“ Er erhebt sich. Kontrolliert etwas an den Gasrohren.

„Das Versmaß stimmt nicht. Und schau, dieses: Und Thälmann getroffen am Boden lag und keiner vergisst mehr diesen Tag, das grenzt an Kitsch. Lass es einfach weg.“ Zeile für Zeile gehen wir durch. Er trinkt schwarzen Tee mit Zitrone, raucht Cabinett. Es dämmert bereits als ich aus den Katakomben aufsteige. „Lass dich mal öfter sehen Töchterchen.“

Die geschwungene Brücke über fdie Magistrale laufe ich hinüber zum Viertel und dem Zuhause mit der dreistelligen Nummer. Ich will werden wie Thälmann oder Janoschik-Held der Berge oder wie mein Vater.