Samstag mit Sehnsucht nach Plattenbau

Spandau. Es war in Spandau. Hoch über den Dächern der Stadt, als mich diese irre Sehnsucht überfiel. Noch einmal zurück zu den Wurzeln. Bevor es zu spät ist. Ich sass beim Frühstück im zehnten Stock-mit Ausblick. Erinnerungen.

Seit November wohnt der Geist meines Vaters hier mit mir in der Wohnung. Ich erinnere ich mich an den Ausgangspunkt.

Alexander, der diesen ungewöhnlichen Literatur Blog- „Kommunikatives Lesen“, betreibt, schickte mir „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss, die unzensierte Ausgabe. Dieses Buch schickte mich auf die Suren meines Vaters und vielleicht zum ersten Mal -begann ich zu verstehen.

Der Geist meines Vaters sitzt neben mir wenn ich lese und während ich blogge. „Du musst den Bräunig noch lesen sagt er, oder „Warum gehst du eigentlich nicht zurück?“ Ich sehe ihn bedächtig nicken,

Ich habe eine Sehnsucht nach Halle-Neustadt. Hätte ich dort ein Zimmer, so würde ich die freien Tage auch dort verbringen.

Eine merkwürdige Schönheit geht von dieser sterbenden Stadt aus. „Geh dahin bevor alle Spuren verwischt sind“, sagt mein Vater.

https://kommunikativeslesen.com/author/alexandercarmele/ Anmerkung: Ich lese anders, seit ich diese Rezensionen lese.

Sonntag mit Im Labyrinth

Fast Mitternacht. Noch immer sitzen wir im Theater unterm Dach in Berlin.

Intensives emotional dichtes Gespräcb über das Stück: „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ von Amina Gusner.

Wirst du darüber schreiben ? fragt Sina.

Ich weiß nicht wie. Es ist emotional zu dicht dran.

Das Gitterbett, das Verlorensein. Die Auseinandersetzung mit der Mutter.

“ Du hast mir nie das Gefühl gegeben gebraucht zu werden.Das du alles allein schaffst.“

Weil ich es musste. Weil ich verstanden hatte, dass da niemand da war außer mir selbst.

Später die Einbettung in gesellschaftliche und politische Verhältnisse. Konträre Diskussion. Man kann diesem intensiven, bildstarken und schauspielerisch sehr überzeugenden Film nur wünschen, dass er sein Publikum findet, in dem neben der Erfahrung der Unterbringung in einer Wochenkrippe, Wochenheim auch die Auseinandersetzung im Monolog der Mutter- Tochter, der sich nicht zum Dialog entwickelt.- Der Schmerz bleibt ausschließend und schließt gleichzeitig ein. Mauern werden nicht durchbrochen.

Samstag mit Aufbruch nach Berlin

https://theateruntermdach-berlin.de/?produktion=wenn-mutti-frueh-zur-arbeit-geht-frauen-in-der-ddr

Heute Abend 20.00 Uhr und morgen 18.00 Uhr wird im Theater unterm Dach (Prenzlauer Berg, Danziger Straße 20) der Theaterfilm von Amina Gusner : Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ gezeigt.

Heute wird es im Anschluss daran ein öffentliches Gespräch mit Amina Gusner geben.

https://www.amina-gusner.de/https://www.amina-gusner.de/

Rückblick-ein Wochenende in Berlin mit Wochenheim, Aufruhr in der U-Bahn und Hunger

Sina wohnt hoch über den Dächern Berlins.

Partiell ähnliche Erfahrungen einer Kindheit in der DDR. Wochenheim. Die DDR brauchte die Arbeitskraft der Frauen auf dem Arbeitsmarkt, ebenso wie die Reproduktion.

Ein Spagat. Mitunter schwer zu meistern. Schichtdienst, Alleinerziehend, Studium. Die Möglichkeit, sollten die langen Öffnungszeiten der Krippen und Kindergärten nicht ausreichen, das Kind in die professionellen Hände von Erzieherinnen in eine Wochenkrippe oder Wochenheim (3-6) zu geben. „Montag hin- Freitag zurück.“ Zitat aus „Bevor wir gehen“

Kompakte Fremdbetreuung.

Schauspielerin Claudia Graue https://claudiagraue.de/ setzt sich mit ihrem Projekt: „Wir Wochenkinder“ mit der Thematik auseinander. Den Nichtgehörten eine Stimme geben. Der Anlass der Berlinreise: die Möglichkeit ihr ein Interview zu geben.

Eine intensive Reise zurück in das fünfte Jahr. Claudia Graue machte es- auch durch ihr selbst betroffen sein-möglich, sich dieser Erfahrung gut zu stellen, in den Austausch zu kommen. Sympathisch und empathisch in der Gesprächsführung.

Und sonst?: Sina holte mich vom Bahnhof ab. In die U-Bahn stieg eine Mittfünfzigerin zu. Hager, sportlich, grauhaarig. Positionierte sich und ließ ihre Stimme laut erschallen, im oberlehrerhaften Ton: Ich sage es jetzt noch einmal! Es gibt eine Maskenpflicht in U_Bahnen!

Langer Text. Doch damit nicht genug.

Schritt auf einen Typen mit vermutlichen Migrationshintergrund zu.

Beschimpfte ihn als Scheiss patriarchal geprägten, Eierschaukelnden….Den Rest erspare ich dem Leser. Ich wunderte mich, dass er ruhig blieb ob der zornig aggressiven Verwünschungen.

„Hören sie doch auf, rief eine Mittzwanzigerin: Wir haben genug Krieg- Ukraine

Essen: In Neukölln göttliche Schawarma gegessen. Die Portionen waren nicht zu schaffen. Wir bekamen Doggybags.

Ich liess es auf der Bank in der U-Bahnstation, später, kurz unbeaufsichtigt. „Huch wo ist das Essen?“ Eine Frau sah mich schuldbewusst, unsicher an. Das Paket bereits in ihrer Plastiktüte.

Berlin: wild, schräg, schnell, multikulturell. Krass sichtbare Armut auf den Straßen.

Einer lief im Zickzack seinen Weg. In großen Schritten. Pantherhaft. Erinnerte mich an Den im Ulysses, der sich stets nur an der Außenseite der Laternen entlang bewegte

Man kommt auf verschiedene Arten durchs Leben.

Montag mit Sina, Bakeliet und einer Kindheit in der DDR

Hast du Zeit? Ich bin heute in Kiel. Vor einem Jahr hatten Sina und ich uns im Stasimuseum in Berlin-Lichtenberg getroffen. Tag der offenen Tür. Ich besuchte einen Workshop, der einem erklärte wie die Akten zu lesen seien.

Sina und ich hatten ausgemacht, dass wir uns genau ein Jahr später wieder treffen wollten.

Mir kamen die Instandhalter*innen dazwischen.

Frühstück im Bakeliet. Es gibt hier den besten Kaffee Kiels.

Im intensiven Gespräch das thematisch um die Zeit vor 89 kreist, denke ich plötzlich daran: wie eine Amerikanerin zu einer Chemnitzerin sagte: „Da hast du ja endlich jemanden aus deinem Volk gefunden.“

Sina und ich sind aus einem Volk. „Ich habe Akteneinsicht beantragt, erinnerst du dich? Sie sind fündig geworden. Es gibt Akten über ihn.. Es kann noch bis zu zwei Jahren dauern, bis ich Einsicht bekomme. Ich war froh zu erfahren, dass er nicht Recht hatte mit seinem: vergiss es, alle längst geschreddert.

„Hattet ihr Angst vo der Staatssicherheit?“, hatte Karla mich im Interview gefragt. “ Nein, ich hatte keine Angst, aber ich hätte sie haben sollen. Es war normal für mich, zu wissen dass jeder auch hätte Zuträger sein können. Ich habe einfach für möglich gehalten, dass der oder die Andere mit falschen Karten spielt. Bei ihm habe ich es nicht für möglich gehalten.

Langer Spaziergang am Wasser entlang.

Es wird leicht und schwer, leicht und schwer. Schwer in der Thematik der Wochenkrippe und des Wochenheimes.

Man hat den Müttern erzählt, es sei ohnehin besser, wenn die Gesellschaft das Kind erzieht unter professionellen Bedingungen. Sozialistischer Staatsbürger ab der 1.Stunde. Studien die in der CSSR zur Schließung der Wochenheime führten, wurden in der DDR unterschlagen.

Sina gab mir diesen Tipp: https://kpm.med.uni-rostock.de/fileadmin/Kliniken/znkpm/Flyer_Wochenkrippe.pdf

Leicht wurde es bei der Frage wie das Leben zu leben sei.

„Ich will das künftige Leben leben, da soll es Kekse, Marmelade, Schokolade geben, und das man immer auf dem Feld an Bäumen vorbei spazieren kann. Ich will gewöhnlich leben mit Glück“ lässt Platonow in “ Die glückliche Moskwa“ seine Protagonistin sagen.

Komm nach Berlin sagt Sina, im Winter, wenn das Wetter einen runter zieht. Wir tanzen uns durch die Clubs. Ich geh nicht in Clubs sage ich, nie, ich fühle mich zu alt dafür.

Nicht in Berlin, sagt sie, in Berlin ist das egal.

In der Nacht Ulysses gelesen. Was für ein Buch.

Halle- Neustädter Notizen

Lesetagebuch- Pasternack, Peer:

“ Es handelt sich um einen der lebendigsten Teile des Bauhaus- Erbes, da dort Menschen ihr Leben leben.

Zugleich aber konzentrieren sich in Halle- Neustadt soziale, kulturelle und politische Probleme.

Aufgeben lässt sich der Stadtteil weder als Baubestand noch als Sozialraum.“

“ Doch war Halle- Neustadt in der DDR das größte Projekt der Errichtung einer eigenständigen Stadt gewesen.“

Immer noch Mittwoch mit „Herumtreiberinnen“ von Bettina Wilpert-Lesetagebuch

Es ist relativ selten, dass ich vor einem Buch zurückschrecke. Hier war es so.

Das war knapp. Ein Gedanke. Oder: es hätte knapp sein können.

Ich war schon fast in der Zange. Warum ?

In Pasternak’s Halle – Neustadt Buch ein weiteres Puzzlestück.

Bauernstube.

Und warum wieder losgelassen?

„Das kreidebleiche Gesicht meiner Mutter, als ich ihr den Brief zeige. „Klärung eines Sachverhaltes…

Ich höre das Flüstern bis heute. „Ministerium des Inneren.“

Vielleicht schützte das Nichtahnen der Gefahr, die Naivität. Ein Irrtum

Nein ich war auf keiner Fete. Nein. Ob ich mir sicher sei. Ja. Ob ich eine Gegenüberstellung wolle. Ja.

Am Ende gewinnt die Wahrheit.

Ich beginne zu lesen. Ein Fehler denke ich. „Wir würden zelten an Seen in Polen….

Zelten in Polen ging aber nicht, jedenfalls nicht zu zweit. Ungarn ja, Rumänien ja, Tschechei ja, Jugoslawien nein, Polen nein….zu westlich.