Proust lesen Tag 85-Guermantes-Salon der Madame Villeparisis

Proust: Es muss möglich sein Proust im Alltag zu lesen! 

Im Salon der Madame Villeparisis wird sich nichts geschenkt. Boshafte Wortgefechte, süffisante Bemerkungen. Man „legt sich platt auf den Bauch vor lauter Ergebenheit“ gemessene Damen die sehr gerade auf ihren Stühlen sitzen, waren noch vor zwei Jahrzehnten für ihr skandalöses Benehmen bekannt, sammelten Männer wie das Licht die Motten, nun sitzen sie mit zusammengekniffenem Mund, kerzengerade. Ein Sinnbild von Tugendhaftigkeit und Anstand.

Gesellschaftssatire pur, amüsant.

Kiel/Heidkate

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Endlich Kühle, etwa  zwanzig Grad. Nach einem langen Arbeitstag, der erst gegen 18.00 Uhr endete, las ich Proust und fuhr dann nach Heidkate.  Ich imaginiere mich: morgens mit einem Becher dampfenden Kaffee vor dem Dachzelt sitzend, mit Blick auf das Meer.

Ein Gefühl von Weite und Freiheit.

Proustlesen Tag 84-Guermantes

Proust: das gesellschaftliche Kaleidoskop ist gerade in einer Drehung begriffen, die Dreyfus Affäre befördert Juden auf die unterste Sprosse der gesellschaftlichen Leiter.

Bloch taucht wieder auf, er ist nun angehender Bühnenautor und trägt am Kinn einen kleinen kommaförmigen Ziegenbart.

Heidkate:

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Gewitterstimmung. Die Kitesurfer fliegen. Ubu will helfen. Auf der Rückfahrt erste Regentropfen, die Natur (und wir) atmen spürbar auf.

Proust lesen Tag 83-Guermantes-Rahel und die Eifersucht Saint Loups

Proust:

Im Moment finde ich kaum Zeit für die zwanzig Seiten. So wie heute, wo das Lesen dem Tag irgendwie abgerungen ist.

Rahel macht Saint Loup eifersüchtig, dieser liefert sich mit einem vermeintlichen Nebenbuhler eine Schlägerei.

Madame de Villeparisis ist vielleicht nur noch ein schwacher Abglanz ihrer besten Tage.

„Wir sind unausgesetzt darum bemüht, unser Leben zu gestalten, kopieren dabei aber unwillkürlich wie eine Zeichnung die Züge der Person, die wir sind, und nicht derjenigen, die wir gern sein möchten.“

Kiel

Ja ich weiß, man soll den Sommer genießen…

Schwül, heiß, stickig und die angekündigte Gewitterfront streift Kiel nicht. Kein Tropfen Regen, nur etwas Wind. Eingeladen zu Kaffee und Kuchen, sitze ich am Nachmittag zusammen mit Nachbarn, unter dem Blätterdach eines Baumes. B. hat Geburtstag. Die Biologen erzählen Geschichten von Plattbauchlibellen und Schnecken deren Herzschlag man unter dem Schneckenhaus erkennen kann. Zudem erzählt man einander von Reisen nach Paris, Irland, Istrien, Dänemark und Hameln.

Die Wespen wollen teilhaben am Geburtstagsmahle.

Proust lesen Tag 81- Guermantes- Rahel

Proust:

Ist Rahel die halbwissende, kultivierte ehemalige Dirne oder ist sie die intellektuelle, kultivierte charmante Rahel, nur durch unglückliche Umstände unter ihren Stand gesunken?

Heidkate:

Abend und Einbruch der Nacht am Meer. Luise schläft mit ihren Kindern am Strand. „Kommt doch vorbei!“ Maria liest mich in der Stadt auf, man bekommt kaum Luft so stickig ist es. An Maria sind zwanzig Jahre spurlos vorbei gegangen, sie erzählt von ihrem Leben, der Sicherheit im Unsicheren. „Ich bewohne ein Dachgeschoss der Extreme, im Sommer heiß, im Winter kalt, aber für Leipziger Verhältnisse ist die Miete unschlagbar, die Hausgemeinschaft nett.

Am Strand ist kaum noch ein freies Plätzchen zu finden. Es weht eine Brise, die Wellen murmeln vor sich hin, die Hunde bellen, Kinder toben. Ich grabe meine Finger in den kühlenden Sand, während ich zuhöre. Die Zeit fließt langsam und ruhig.

Es ist Mitternacht als wir aufbrechen. Im Dunkeln gieße ich  den den Garten und falle im Tropenparadies ins Bett. Man sollte solch einen Sommer ausschließlich am Meer verbringen.

edhedf

Proust lesen Tag 80-Guermantes-Rahel und ihr Doppelleben

Proust:

Am Ende lädt Saint Loup Marcel ein, seine Geliebte kennenzulernen. Sie wollen zusammen ins Theater. Saint Loup ist über beide Ohren verliebt und würde alles für sie opfern.

Marcel ist erstaunt, als er Rahel sieht. Sie ist die Dirne, die er einst im Bordell sah und genoss, deren Liebesspiel etwas mechanisches hatte und die für zwanzig Franc zu leicht zu haben war. Struktur gut.

Kiel:

Heiß um die 30 Grad, eine leichter Luftzug weht. Wespen und Amseln machen sich am Wein zu schaffen, auch die Brombeeren verschonen sie nicht.  Es liegt ein wenig Herbst in der Luft, eine Spur Spätsommer. Vom abgedunkelten Computerplatz hinaus in den noch immer 28 Grad warmen Abend. Während ich die Pflanzen mit dem Gartenschlauch bewässere, dringt aus der Villa Tico Tico nicht von Ethel Smith gespielt, aber der Gatte spielt es auch ganz schmissig. So macht Gartenarbeit Spaß.

Proust lesen Tag 79-Guermantes-Telefonfräulein

Proust:

Telefonfräulein: „wachsame Jungfrauen, deren Stimme wir täglich hören, ohne je ihr Gesicht zu kennen, und die unsere Schutzengel in jenem schwindelerregenden Dunkel sind, über dessen Pforten sie eifersüchtig wachen.“

Das Telefon eine neue Errungenschaft mit Stolperfallen. Da beginnt das Stück Holz( Telefonhörer) zu reden, es schwatzt vor sich hin ohne einen Empfänger zu haben. Oder aber: Marcel wird ans Telefon geholt, er erwartet seine Großmutter und erschrickt vor der fremden Stimme mit dem fremden Akzent, eine Verwechslung.

Diese Neuerung macht Angst, Stimme ohne Gesicht, Mimik und Gestik, mit Telefondanaiden die dazwischen reden.

Rückkehr nach Guermantes: nachdem die Großmutter ihrem Wunsch Ausdruck verliehen hat, er möge doch noch weiter in Doncieres bleiben, sie hätte den Eindruck es ginge ihm dort gut, beschließt Marcel seine Abreise.

Kiel/Krusendorf

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Proust lesen Tag 78-Guermantes-Doncieres

Proust: Eine erste Anspielung auf Homosexualität, jedenfalls halte ich es für mich die erste Anspielung. Saint Loup zeigt sich scherzhaft eifersüchtig, weil Marcel einen ganzen Abend lang mit einem Kameraden sprach.

Marcel versucht nun dem eigentlichen Grund seiner Reise, nämlich Eintritt in die Welt der Guermantes über Saint Loup zu bekommen, Rechnung zu tragen. Immer wieder bittet er Saint Loup aus verschiedensten Gründen, sich bei seiner Tante für Marcel zu verwenden.

Noch ist es Winter in Doncieres, aber man denkt bereits über den Frühling nach, den Marcel bereits wieder in Balbec verbringen wird.

Man weiß nicht ob man Marcel nicht wünschen sollte, den Frühling besser in Doncieres als in Balbec zu verbringen. Das strukturierte und einfache Leben in der Garnision scheint mindestens ebenso gesundheitsförderlich zu sein wie die frische Seeluft.

Kiel/Krusendorf

Glumm schrieb in seinem Beitrag, man würde bei dieser Hitze zu Gemüse werden. Passend. Drückende, schwüle Hitze, einzig der wolkenbedeckte Himmel kann als erholsam gelten. Nicht ein Tropfen Regen. Die Bäume werfen die Blätter tatsächlich ab, raschelndes vertrocknetes Laub unter den Füßen.

Am Gartenteich treffen sich kleine und große Libellen, Wespen und Kohlweißlinge.

Proust lesen Tag 77-Guermantes-Doncieres

Proust: Es geht um die Dreyfus Affäre und Schlachtpläne, die Umzinglung von Ulm, Täuschungsmanöver, Taktiken.

Marcel scheint sich in der Runde der jungen Offiziere wesentlicher wohler zu fühlen als in den Salons.

Kiel:

Der Ventilator läuft, die Luftzirkulation trifft auf ein Handtuch, welches ich in Eiswasser hing. Ein wenig hilft es. Wer auch immer versprochen hat, dass es kühler werden würde, hat sich getäuscht. Einige Kühlhäuser vermarkten Abkühlung für zwei Euro.

Man traf sich zur „White night.“

Proust lesen Tag 75-Guermantes

Proust: Das Hotelzimmer in Doncieres wird bis in kleinste Detail beschrieben. Die Dinge besitzen wie der Lehnsesssel oder Teppich besitzen ein Eigenleben, weiterhin werden die verschiedenen Lagen oder Arten des Schlafes beschrieben. Und warum eigentlich, ist es so, dass wir als der  derselbe  wieder erwachen? Warum greift man unter Millionen von menschlichen Wesen die man sein könnte, ausgerechnet nach jener Persönlichkeit, mit welcher man einschlief.

Kiel:

Etwas kühler, Temperaturen zwischen 28 und 24 Grad. Der sonst menschenleere Strand in Krusendorf ist gut besucht. Wir klettern über die Steine, finden Hühnergötter und Strandflieder.