Proust lesen Tag 126-Sodom und Gomorra-zurück bei den Verdurins

Kiel: Noch einmal wird es warm. Mit den Hunden bin ich drei Stunden unterwegs, laufe über Eicheln, bunt verfärbte Ahornblätter und Waldwege. Ein Specht holt sich sein Mittagessen aus dem Stamm eines Baumes.

An meinem Ziel angelangt, betrete ich den den Buchladen, hole mir Tara Westover heraus und trete den Rückweg an. Ein Spätsommertag an dem eine Spinne sich in ihrem eigenen Netz verfängt und die Kleingartenkolonien.

Proust:

Um Albertine zu zerstreuen, ihre Freundinnen sind abgereist, nimmt er sie mit nach Doncieres. Er will Saint Loup besuchen, weiterhin fragt er bei Madame Verdurin an, ob er am darauffolgenden Mittwoch zu ihr kommen könne. Somit sind Albertine und er geladende Gäste der Mittwoche schlechthin.

Marcel und Albertine  steigen in den Zug, der liebevoll als langsame Blindschleiche bezeichnet wird ein, um nach La Raspeliere zum Diner der Verdurins zu fahren, nicht ohne einen Zwischenstop bei Saint Loup zu machen.

Er sucht ein Abteil in dem er mit Albertine allein sein kann, findet aber keines. Statt dessen gehen sie in ein Abteil, in dem bereits eine Dame mit einem großen, häßlichen, alten Gesicht sitzt, eher männlich geprägt. Sie ist gewöhnlich und prätentiös zugleich. Marcel sortiert sie in eine „Dame von hohen Rang“ in gewöhnlich Verhältnissen, wahrscheinlich als eine Puffmutter ein. Verwunderlich findet er , dass solche Damen  die „Revue des Deux Mondes“ lesen.

In Doncieres flirtet Albertine mit Saint Loup. Marcel ist ungnädig.

Sain Loup bringt sie nach dem Besuch zum Bahnhof, Marcel und Albertine haben noch eine Stunde Zeit bevor es mit der Bahn weitergeht. Sie treffen auf Charlus. Der Baron ist deutlich gealtert und gibt unter seiner weißen Schminke keine gute Figur mehr ab. Charlus bittet ihn einen jungen Soldaten herbeizurufen. Es ist Morel. Erst später begreift Marcel welcher Natur die Begegnung sein soll.

Nachgelesen: Die Bahn ist das Symbol der Verbindung von Erzählsträngen, hier trifft Charlus Morel , entdeckt Marcel Albertine in Gomorrha und die Hauptorte Balbec und La Raspelliere werden verbunden.

 

Proust lesen Tag 124-Sodom und Gomorrha- Albertine-Eifersucht

 

Im Wald kann man den Blättern bei der Transformation zusehen, noch in Farbe verwandeln sie sich zu einem nassen schleimigen Zwischenzustand, um irgendwann in Erde überzugehen.

Proust: (zu Albertine): „Ich hätte an jenem Abend abreisen sollen, um sie nie mehr wiederzusehen. “ Man ahnt die Dramatik die noch folgen wird. Jede neu anreisende junge Frau, versetzt Marcel in die Not, Albertine nicht ihre Begegnung machen zu lassen. Die krankhafte Eifersucht nimmt ihren Lauf.

Proust lesen Tag 123-Sodom und Gomorrha-Albertine

Den Hokkaido zerteile ich, füge Anis, Kurkuma, Lorbeer hinzu, später noch Honig und Apfel, währen die Kartoffeln bei 100 Grad im Ofen garen, nebenbei höre ich

Proust. Ich mag die Stimme Albertines nicht. Sie ist mir zu unterwürfig. Irgendwo habe ich gelesen, dass man Proust nicht psychologisieren sollte. Ich kann gar nicht anders, als es psychologisch zu betrachten, weil die Liebesbeziehungen und Verehrungen immer ins wahnhafte abgleiten. Immer ist da die Suche nach Symbiose, jedenfalls verstehe ich es so. Marcel hält Albertine hin, sagt ihr er sei in Andree ihre Freundin verliebt und ja fast hätte er auch mal sie geliebt-Albertine, aber nun nicht mehr. Er genießt darauf hin, dass er nun wesentlich unbefangener mit Albertine umgehen kann, deren Verwandlung vom wilden Kätzchen zur gefügigen jungen Dame vollzogen ist. Es sind diese Stellen, die ich nicht verstehe. so wie er sich hier über Albertine äußert, so äußert er sich über Charlus oder Bloch-abfällig. (satirisch, ironisch, überspitzt.)

Langer Spaziergang am Fluss entlang, Sonne, Wind, Regen und Regenbogen, die Libellen fliegen noch immer.

Wieder zurück zu Hause, bollert der Ofen, es riecht nach Lavendel und Thymian. Anna hat Klösse selbst gemacht. Ich weiß jetzt wer das Weihnachtsessen kochen wird. Julius schleppt Körbe voller Holz herbei.

Der Hund sieht die Klöße auf dem Tisch, sieht mich versunken in Proust, springt mit den Vorderpfoten auf den Tisch, holt sich den Kloß.

 

Gesamtdeutsches-Gewitterschwimmerin

„Was wäre“, frage ich den Gatten zu mitternächtlicher Stunde, wenn ein Teil der ostdeutschen Seele geprägt ist durch die Abwesenheit der Eltern. Also Wut durch Mangel oder so.“ Vorher hatte ich „Mit der Faust in die Welt schlagen“, gelesen.

Interessante These“, erwidert der Gatte. “

Ich lese: „Die Gewitterschwimmerin“.

Tag der Einheit, ein Anlass um an damals zu denken. Die Fahnenapelle, die leeren Sprachhülsen, die stete Kampfbereitschaft gegen den Klassenfeind der uns manchmal Gummibärchen und Caloderma Creme schickte. Alle Jubeljahre die rauchende Großmutter, trinkfest und mit pälzischem Dialekt.

Proust lesen Tag 122- Sodom und Gomorrha

Es stürmt. Böen treiben das Laub vor sich her. Der Himmel ist bedeckt, es dämmert bereits. Ich mag dieses Wetter so viel mehr, als diesen satten, unbeweglichen Sommer.

Mit der Gewitterschwimmerin unterm Arm verlasse ich den Buchladen, es ist später als geplant, weil es mir nicht gelang rechtzeitig von der Arbeit aufzubrechen. Die Vorfreude ist groß.

Dann fällt mir ein: „Ich muss ja noch Proust lesen.“ Manchmal ist es allein eine Disziplinübung, ich glaube dass es auch meinem nur oberflächlichen Verständnis geschuldet ist. Ich lese was da steht ohne die Symbolik überhaupt zu erkennen. I

 

Madame de Cambremer ist für mich nicht gerade die interessanteste Person. Sie beurteilt Künstler und Werke von ihrem eigenem unübertroffenem Standpunkt aus und sabbert dabei durch Hypersekretion.

Schön: “ Man behauptet, einer Epoche der Hast entspreche eine „rasche“ Kunst…Man empfahl, die Aufmerksamkeit des Zuhörers nicht zu ermüden.“

Bei der Gewitterschwimmerin lese ich von Schmerz der größer ist als angenommen und von Trauer von der man nicht wusste, dass man sie nachzuholen hätte,von Bässen die im Auto wummern, als wäre es ein vor Anstrengung pumpendes Herz, bleigrauen ernsten Wolken und einem Meer das antreibt.

Proust lesen Tag 121-Albertine-Selbstintoxikation

Bazillen der Schwermut so nennt es Terezia Mora in ihrem Roman „Das Ungeheuer“, Keime der Toxikation so nennt es Proust und benennt damit nicht die Schwermut, sondern die Eifersucht, die ich in diesem Falle, als Flucht vor Schwermut deute. Denn so oft von Liebe oder Verliebtheit die Rede ist, so ist sie vergiftet von Sehnsucht, Festhalten wollen, Eifersucht. Gerade eben war alles noch gut, dann holt Cottard die Giftspritze raus, der Patient wie gelähmt spürt das Gift warm durch seine Adern rinnen, das Ausmaß der Vergiftung aber, begreift er erst später. Begreift er dann, als er sich nicht mehr konzentrieren kann, die Gedanken an Albertine kreisen, das Misstrauen sich breit macht. Es ist es eine Leere, eine Sehnsucht, die durch eine andere Sehnsucht überdeckt wird, um die Ursprungswunde nicht spüren zu müssen, bzw sie überhaupt erst mal wahrzunehmen. Vermeidung durch Ersatzdrogen. Ob der Schmerz geringer ist bleibt zu fragen. Oder aber ist es die suche nach dem Seelenpartner? Demjenigen mit dem man rund und heil wird?

Kiel:

Am Morgen:

Draußen war es kühl. Eine Krähe ließ eine Walnuss auf die Strasse fallen. Vielleicht wartete sie auf ein Auto, dass ihr half die Nuss zu knacken. Ich hob die Nuss auf.“

 

„Meine ersten Narrative waren die der Repression. Wir reden von den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Oberflächlich betrachtet, war der real existierende Sozialismus die Ursache für die Enge in allem, doch hinter/unter/neben dieser Tyrannei wirkte ein ganzer Komplex „mehrerer durchweg autoritärer Systeme…Jedes dieser Systeme befand sich zu meiner Zeit bereits in der Auflösung, bzw. war mitten in dieser erstarrt.“

Terezia Mora-Nicht sterben