Samstag

Noch ist es dunkel. Kein Auto fährt. Ich taste müde nach dem Schalter der Nachttischlampe. Die Vogeluhr schläft. Alle Stimmen verstummt, das Klappern der Tastatur, das Trappeln der Hundepfoten über den Boden. Regentropfen wie Geschosse pladdern an die Fensterscheibe.

Ich greife zu Kershaw : Achterbahn.

Es sind die Nächte, die das Lesen ermöglichen. Um die fünfte Stunde schlafe ich ein und verschlafe den beginnenden Morgen, „den Hexensabatt von Geräuschen, die durch Wände und Decken dringen, Türenknallen und morgendliche Badezimmergänge, das Rauschen der Wasserspülungen.“ Ich versuche mich beim Aufwachen an die Träume zu erinnern.

Wenn es Kaffee nicht gäbe…

Ich lese ein wenig in der Tageszeitung, lege sie kurz darauf wieder weg.

Gegen 9.30 verlasse ich das Haus, fahre durch die noch stille Stadt am Wasser. Manchmal finde ich sie schön.

Es regnet, es ist kalt. Ein paar Jollen am Fischmarkt ducken sich unter dem tief liegenden Himmel.

Ein einzelner Baum trotzt der herbstlichen Melancholie.

„Es soll Sturm geben“, sagt der Sohn.

Gestern also las ich noch einmal Ian Kershaw, außerstande alle Zusammenhänge zu verstehen, auch bei Ruge verstand ich sie nicht.

Heute nachmittag sah ich, wie drüben auf dem verwilderten Grundstück sich einer heimlich die Quitten vom Baum holte. „Wenn die Sonne auf die Früchte fällt, schmerzen dir fast die Augen von dem intensiven Gelb. Erinnerst du dich, dass wir früher am Wegrand den Huflattich pflückten und ihn zur Apotheke brachten. Das besserte unser Taschengeld auf, für das wir uns Cuba Bonbons und klebrige Vitamalz Cola holten.

Der dritte Oktober-Grenzübertritt

Juli 89

Draußen in der Dunkelheit. Sommernacht. Durch das Fenster sah ich A. dabei zu, wie sie Puppenköpfe modellierte. Ich rauchte F6 oder Cabinett. Letzte Nacht in der DDR, letzte Nacht im Katharinenhof in der Nähe von Bautzen.

Am Morgen fuhr ich mit dem Bus nach Bautzen. Das weiß ich-vielleicht, aber ich erinnere mich nicht daran. Vielleicht hatte mich auch die alte Frau K. in ihrem Auto mitgenommen, als sie zum Einkauf fuhr. Ich erinnere mich daran, wie ich in den Zug stieg. Ich erinnere mich an die Grenzkontrolle zur CSSR. Ich erinnere mich daran kaum Angst verspürt zu haben.

Ich ging einfach.

Warum, lässt sich schlecht sagen. Die Erinnerung täuscht. Ich vermag mich in dieses junge Ich kaum noch zurück zu versetzen. Vielleicht war es dem Gefühl geschuldet, nach dem nicht Eintritt in die SED keine Optionen mehr zu haben. Ent-täuschung hatte stattgefunden. „Wollen wir heute das Morgen bauen“ galt nicht mehr. Vielleicht war es auch das Reisen wollen. Ich trampte damals oft . Guben-Halle Neustadt.

Halle-Neustadt-Berlin,

Halle-Neustadt-Budapest, so weit man eben kam.

Vielleicht hat das nicht mehr genügt.

Keleti/Budapest

Botschaft in Budapest wegen Überfüllung geschlossen. Jemand der mich ansprach:

Kommen sie aus Deutschland?

Ja.

Aus Ostdeutschland?

Ja.

Wollen sie zurück?

Nein.

Ich stieg in ein herbeigerufenes Taxi fuhr in das Zeltlager der Malteser an der Zugligetkirche.

Ich hätte Angst verspüren müssen, aber ich erinnere mich nur an einen kurzen Funken Misstrauen.

Ich hatte eine „Kraxe“ auf dem Rücken. Die ARD filmte mich, beim Betreten des Zeltlagers. „Können sie den Weg bitte noch einmal gehen?“

Ich blieb bis zum 11. September.

Tagsüber streifte ich durch Budapest. Ging schwimmen, las in Cafes. Ich verspürte kein Angst. Noch immer nicht. Ich verspürte kein Ungeduld, keine Erwartung.

11. September:

Mit dem Trabbi über Wien nach Passau.

Euphorischer Empfang Ich war 18.

Der Grenzbeamte in Passau, der ungläubig zuhörte: ich sei allein und wüsste auch nicht wohin.

Heidelberg- Übersiedlerlager in der Plöck, Aupair im Stadtzentrum.

Aus der Plattenbaustadt in die Postkartenidylle Heidelbergs.

Später Wohnheim, noch später Kajüte an der Heiliggeistkirche.

Wohnen in einem winzigen Zimmer, keine Küche , kein Bad, dafür mitten in der Altstadt. Klo halbe Treppe. Vertraut. Unvertraut: japanischen Reisegruppen, die nachmittags manchmal den Hinterhof bestaunten.

Das Heidelberger Jahr.

Ich hatte die DDR loswerden wollen, in Wahrheit war sie mir ganz nah. Sie liess mich nie los.

Um so älter ich werde, um so näher rücken die Erinnerungen.

Kiel richtete dieses Mal den Tag der Deutschen Einheit aus. Auf den Dächern Scharfschützen.