Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? März 2020 mit angebundenen Haarbürsten und demonstrierenden Traktoren

Bei Frau Brüllen ist wieder Tagebuchbloggen und ich bin mit dabei.

6.30 Uhr ist zu spät. Es bedeutet den morgendlichen Ablauf im Schnelldurchgang absolvieren zu müssen. Geträumt dass ich im Vorgarten sass und Unkraut jätete, als meine älteste Tochter (sie macht tatsächlich gerade den Motorradführerschein) an mir vorbei fuhr. Ich überlegte kurz, dachte coole Idee, holte das Motorrad aus der garage und fuhr los.

Hier wird nicht Motorrad gefahren, statt dessen suche ich Equipment um meine Haare in Form zu bringen.

Weil sämtliche Haarbürsten mal wieder aushäusig sind, nehme ich die angebundene Haarbürste des Gatten. Der Gatte bindet auch Scheren und Handykabel an.

Karla wird über den Hochstapler in den schönen Kleidern eine Arbeit schreiben, Anna lernt für Geschichte. Ich mache mich darüber lustig das in Kiel das Coronavirus keine Chance hat.

7.15 Nebel, ich lasse warmes Wasser über das vereiste Auto rinnen. Statt Klassik höre ich heute „Fame“ und „Here comes the sun“. Ich rechne mit Verkehrsbehinderungen. Traktordemo.

Die Landwirte stehen auf gegen die unhaltbaren Zustände die dazu führen, dass etliche Bauernhöfe pleite gehen.

7.30 ich bin an der Arbeitsstelle angelangt.

15.00 Uhr Medikamente aus der Apotheke geholt, Karla (die Jüngere) zum Termin gefahren und dann eine lange Gassirunde über die Felder gegangen. Ubu wird alt, aber Keks springt wie ein verfrühtes Osterhäschen über die Stoppeln.

Zwei Bücher geliehen bekommen, Achtsam morden und ein neues von Ingrid Noll, freue mich drauf.

Ein mexikanisches Rezept für Gebäck herausgesucht, im Reader gelesen, einkaufen gefahren. Jetzt bleiben mir noch zwei Stunden für Lesen und Reader. So war der 5.

„Ein russischer Roman“ von Emmanuel Carrère

Der eventuell letzte Kriegsgefangene in Russland wird im Jahr Zweitausend, überraschend in der Psychiatrie eines kleinen sibirischen Städtchens entdeckt.

Er ist Ungar, lebt seit 53 Jahren in der Psychiatrie in Kotelnitsch und spricht trotzdem nahezu ausschließlich ungarisch. Dieser alte, etwas verwirrte Mann kann sich an seine Herkunft nur bruchstückhaft erinnern. Sein Name Andras Tomas ist ihm fremd. „Tomas“ wird in seine Heimat Ungarn zurückgeführt. Ein medial wirksames Ereignis.

Emmanuel Carrère nimmt diese Geschichte als Anlass, seinen Protagonisten, einen Pariser Schriftsteller, Journalisten und Filmemacher, auf eigene Spurensuche zu schicken. Er lässt ihn einen Dokumentarfilm in Kotelnitsch drehen. Ein rein beobachtender dokumentarischer Blick auf den Alltag dieses Städtchen der Vergessenen. Eine irrwitzige und melancholische Reise ins postsowjetische Provinzdasein.

Emmanuel Carrères Bezug zu der Geschichte des Andras Tomas, ist sein Großvater. Dieser war ein georgischer Immigrant, lebte in Paris und kollaborierte später mit den Nazis. Im Jahr 1943 wurde er von der Résistance verschleppt und gilt seit dem als verschollen. Eine Angelegenheit über die im Familienkreis geschwiegen wird.

Ebenso wie der Suche nach den eigenen Wurzeln, denen er ausgerechnet in der Ödnis Kotelnitsch auf die Spur zu kommen sucht, räumt Carrère der Beziehung zu seiner Freundin Sophie einen weiträumigen Platz ein. Eine ziemlich narzisstische Nabelschau, vermischt mit erotischen Phantasien, Exhibitionismus und Kontrollzwang. Selbstbespiegelung zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen. Leider ziemlich anstrengend, fand ich. Geschrieben aus der Sicht eines übersättigten, überaus neurotischen Ichs. Ich habe versucht diesem „russischen Roman“ etwas abzugewinnen. Einige Wochen zuvor hatte ich von Carrère das Buch „Das Reich Gottes “ gelesen und es geradezu verschlungen. „Ein russischer Roman“, machte mich jedoch ärgerlich und ungeduldig. Kann sein, dass mir der Kniff des doppelten Ichs entging, der neue Erzählräume öffnet. Vielleicht war es auch so, dass ich als Leser dieser Introspektive nicht gewachsen war. Übrig blieb der Eindruck eines äußerst subjektiv eingefärbten Blickwinkels egal wo „Emmanuel“ sich gerade aufhielt. Eine Autofiktion, in der der Protagonist offenbar nur eingeschränkt in der Lage zu sein schien, zwischen sich und der Welt zu unterscheiden.

Trotz allem lohnt es sich Carrère zu lesen. Er ist ein großartiger Erzähler.

„Die französische Originalausgabe erschien 2008 bei P.O L.

2017 erschien es im Verlag Matthes & Seitz Berlin , übersetzt von Claudia Hamm

2019 erschien es als Taschenbuchausgabe in der Verlagsgruppe Randomhouse.

Ich danke der Verlagsgruppe Randomhouse für das Rezensionsexemplar

Flüchtlingskrise, Medikamentenengpass und Anderes- 1.Dienstag im März

J. war erzürnt, dass die Leute sich die Keller vollräumen und nicht einen Gedanken daran verschwenden, dass an den Grenzen zu Griechenland die Menschen wirklich existenzielle Not leiden.

„Ich glaube“, sage ich, dass es daran liegt, dass man da persönlich kaum einwirken kann. Die Karten mischen da Andere und ich kann mir nicht vorstellen, dass Petitionen helfen. Bei den Kellern hast du es in der Hand. Ich kann nicht an die Grenzen fahren um den Menschen dort zu helfen. Das Problem ist, dass Europa sich raushält aus Syrien. Eigentlich hab ich aber keine Ahnung von Politik.

Ich bin müde von der Arbeit gekommen. Immer wieder bekommen wir händeringende Anfragen nach einem freien Platz. Die Länge unserer Warteliste erwähne ich lieber nicht. In meinen Augen hat das Konzept der Inklusion zum Teil versagt. Wir erleben tagtäglich die Not derer die anfragen. Und man muss sagen: die Not ist groß.

K. wollte seine Medikamente, auf die er angewiesen ist, holen. Überraschung: diese Medikamente waren nicht mehr erhältlich und das betroffene Organ muss jetzt sich selbst helfen. Das Auslagern der Produktion zeigt in solchen Zeiten Schattenseiten.

Z. ist mit hohem Fieber erkrankt und nicht mehr die Jüngste, getestet wurde sie trotzdem nicht. .

Einen langen Spaziergang gemacht. Graureiher, Blesshühner, Wildgänse, blühende Sträucher und ein deutliches Gefühl von Frühling.

Familienchat Hamsterkäufe

Gatte: Edeka-die Konservenabteilung

Sohn: Kauf bevor es weg ist!!!!!

Ich: Hamstern!!!!

Tochter: Schnell!

Keller is noch leer

Wer weiß wie lange wir noch raus dürfen.

Gatte: postet Bild vom vollen Kühlschrank.

Ganz ruhig….

Sohn: Kauf einen zweiten Kühlschrank, das reicht niiiiiemals!

Tochter: Voll machen.

Schnell.

Sohn: Gibt schon Fälle in SH.

Nachtrag: Die Kinder bitten mich darauf hinzuweisen, dass es Ironie war;)

Sonntagssequenz am 1. März

Der Wind streift noch immer unruhig um die Stadt. Die Erde bedeckt sich mit leuchtendem Grün.

„Darf ich zu XY ?“ hatte der Sohn mich gestern gefragt und erst nach meinem „Ja“ dazugefügt, dass sturmfrei wäre. Nach Außen gebe ich mich gelassen, in der Nacht aber plagt mich ein Alptraum. Die Abnabelungsphase, Nestflüchterzeit, Loslassen.

Anna fastet und lässt den Zucker weg. Gestern abend lief sie mit Bergen von geschnittenem Gemüse in ihr Zimmer unterm Dach. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals mit solch einer Fülle gesunder Lebensmittel gesehen zu haben. „Achso“, sagt sie, „ich hab mich auf A2 umschreiben lassen.“ Ich bemerke sarkastisch, ob sie sich an den Rat von M. erinnern könne, der empfohlen hatte sich dann auch gleich einen Organspendeausweis zuzulegen. Sie wird 18 und des Menschen Wille….

„Naja nimmst du mich halt mal auf dem Sozius mit. Aber ich leg mich nicht in die Kurven, jedenfalls war das früher mein Problem.“

„Dann wird das nichts, du bist doppelt so schwer wie ich, das kann ich nicht halten.“ Sprichts und rührt in ihrem zuckerfreien Pancaketeig. Karla bekommt auch welche ab, Proviant für die Probe.

Ob ich sie in die Stadt fahren könne, es sei verkaufsoffener Sonntag und sie brauche noch Creolen. „Wenn du mir ne Ente in Tüte mitbringst….“

„Mach ich „, sagt sie, „aber du musst mit mir heute dafür Emilia Galotti schauen. Der ist so auf neu gemacht und das mag ich eigentlich. „Aber?“

„Ich find den einfach nicht überzeugend, es würde mich interessieren was du dazu sagst.“

Wir planen den Filmnachmittag mit Gemüsesticks und Avocadodip. Wer hätte gedacht, dass nach dem Kriegstreiben der Pubertät solch ein gleichberechtigtes und bereicherndes Miteinander möglich geworden ist.

Karla erhielt gestern eine Einladung für ein Casting (MAT an der Musikschule in Hamburg). „Ich sag das ab“, sagte sie. „Ich hab mich für den Chor entschieden, weißt du doch. Ich liebe die Proben beim Chor und die Gemeinschaft. Es ist zur Zeit das wichtigste in meinem Leben und ich bin so froh zurück zu sein.“

Der Gatte versucht seinem hartnäckigen Husten beizukommen. Er hat ihn schon seit November, aber das wissen ja die Gottesdienstbesucher nicht. „Ein Huster“, sage ich „und die Kirche ist nur noch halb so voll. Vielleicht bekommst du dann zwei Wochen bezahlten Urlaub.“

Jürgen Ruhland merkte an, er wäre neulich in Kiel gewesen und hätte keine einzige Ente entdeckt. Das läge wohl daran, dass man sie hierzulande in Bäckereitüten eintackert.

Ubu geht es schlecht. Er geht mit staksigen Hinterbeinen und gequältem Blick. Morgen steht ein Tierarztbesuch an. Ich tippe auf Arthritis. Er ist 11 und so ein Hundeleben ist verdammt kurz.

Habt einen schönen Sonntag und bleibt gesund. Ich setz mich jetzt an die Rezension von „Ein russischer Roman“.