Sonntag

Karla abgeholt. “ Niemand hat mir je gesagt, dass Schuhe mit Absatz so eine Tortur sind“, sagt sie.

Wir gehen durch die Stadt. Der Karakatschan ist reizüberflutet. Am Bootshafen wird Salsa getanzt. “ Wie aus einem anderen Leben. „Kann ich lieber den kleinen Hund nehmen?“ „

Kühler Wind, sommerliche Leichtigkeit.

“ Ich hab dir einfach eine Theaterkarte für Dienstag mitbestellt. War das okay?“

“ Hinter den Wölfen“

Karla nickt erfreut.

In der Nacht lese ich Espedal. Er hält mich gefangen.

Sprachkraft, Einfachheit, Klarheit. Gnadenlos klar.

Samstag mit Fabrikarbeiterin und Espedal

Espedal.

Wenn Espedal von seiner Zeit als Fabrikarbeiter erzählt, habe ich sofort den Geruch des geschmolzenen Plastiks in der Nase, die Helligkeit der Neonlampen, die zornige Rotation des Textilklumpens. Schnell sein, bevor die Maschine abgestellt werden muss, beherzt mit dem Spatel in die laufende Maschine greifen. Auch Espedal ist sechzehn. Ich liebe die Arbeit in dieser Fabrik. Die neue Stadt für neue Menschen- Vergangenheit. Dieser Ort nahe der polnischen Grenze ist das erste eigene.

Materialausfälle, Leerlaufzeiten in denen ich im Putzwollcontainer sitze und Ostrowski lese oder spanisch lerne.

Die Idylle ist vorbei als ich am Ende der Kandidatenschulung schriftlich verfassen soll warum ich nicht Mitglied werde. Ein Nein zur SED , nicht zornig eher desillusioniert. Das Gefühl von Verrat am Ideal. Der Weg ist hier zu Ende. Das ist deutlich zu spüren. Ich bin etwas über 17 und Budapest als Ausweg erscheint am Horizont. Ich kann es noch nicht sehen, aber spürbar ist es.

Ich verlasse den Freund. Ich verlasse die Stadt. Ich suche mir einen Ort um Klarheit zu finden. Es wird Bautzen. Eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Viel besitze ich nicht. Das wenige was dann doch da ist gebe ich weg. Das Zimmer ist leer bis auf ein Tagebuch, als ich mit lächerlich wenig Geld aufbreche. Die Dokumente im Briefumschlag bringe ich zu J. nach Berlin.

Wir trinken Wein am Prenzlauer Berg und sprechen über irgendetwas um nicht über das reden zu müssen was nicht gesagt werden kann. Ich weiß bis heute nicht ob J. etwas wusste. Es war nicht wichtig, wichtig war, dass er mir die Dokumente nachschickte. Nach Budapest war die neue Adresse Heidelberg Innenstadt. Ein winziges Zimmer ohne Toilette mit Waschbecken.

Die Geschichte wiederholt sich. Das Nein der Jugend zu einer Institution, die Desillusionierung, das Leben auf knappen Raum.

Espedal behauptet er sei immer noch derselbe auch nach all den Jahren mit verschiedensten Rollen, der des Familienvaters zum Beispiel. Ja, denke ich und Nein. Die Grundsubstanz bleibt gleich und gegen Ende wird sie sichtbar. Ist wie von Schlacke befreit.

Regen auf dem Wohnwagendacht, eine Amsel singt, so wie jeden Morgen.

Freitag mit Espedal und dem trainieren in unfertigen Hallen

Genug abgewartet denke ich, wäge ab was bleiben soll, was nicht. Ein Gefühl von damals achtziger Anfang neunziger. Sich erheben vom Rasen, auf die braunrote Aschenbahn treten, in den Startblock knien. Konzentration.

In unfertigen Hallen trainieren, so nennt es Terezia Mora. Oder wenn man mitten im Wandel sitzt lieber abwarten, beobachten, lernen.

Genug abgewartet denke ich.

Ich weiß nicht ob die Stärke im Loslassen nicht auch zugleich Schwäche ist. Lese Espedal.

Der sitzt den Wandel aus.

Song des Tages: Scorpions/Wind of Change

Montag mit Schnullerbaum, Schnullerfee und warum Alltagsrassismus doch eine Rolle spielt

Ausgangssituation: mein Auto blieb liegen. Ich lief nach Hause und entdeckte einen Schnullerbaum der am Rand eines Altersheimes stand. Eine Erinnerung:

Anna war fünf Jahre alt als sie nachdenklich sagte: „Aber es kann nicht die Schnullerfee gewesen sein, ihre Kinder waren schwarz.“

Damals war ich mit den dreien bei der Post gewesen. Karla gerade vier hatte den unvermeidlichen Schnuller im Mund.

“ Ja Mensch du hast ja noch einen Schnuller hatte die Doppelwagen schiebende Mutter zu Karla gesagt. Und: “ Bist du dafür nicht zu gross?“

Manchmal nervten mich solche Übergriffigkeiten unter Müttern, diese hier fand ich aber sympathisch also verzieh ich und sagte lax: “ Keine Ahnung. Eigentlich war die Schnullerfee schon da. Sie hat sogar ein Geschenk gebracht. Karla war so untröstlich, dass ich ihr einen neuen gekauft habe.

“ Nun, ich bin die Schnullerfee“ , sagte sie und hielt Karla fordernd ihre Hand entgegen. Diese spuckte umgehend das Utensil aus und starrte sie erschrocken an.

Anna war auf der Busfahrt zurück nach Hause schweigsam gewesen.

Erst zu Hause sagte sie nachdenklich: “ Aber es kann nicht die Schnullerfee gewesen sein.“

Sonntag mit Zensur und Caroline Fourest

Geweckt vom Amselgesang. Der gestrigen Diskussion nachgespürt.

Aus Protest abermals die Gegenposition eingenommen. Mit den Worten: es ist nicht meine Meinung, aber es lohnt sich immer -die Blickrichtung wechseln zu können.

Die Diskurslinien sind auch mir zu eng gesetzt. Lese: Generation beleidigt von Caroline Fourest.

Ich weiß nicht wohin diese Selbstzensur führen soll. Sprachwandel ja aber so Korinthenkackerhaft? Ich glaube ohnehin, dass Zensur egal ob selbst auferlegt oder verordnet zu einem zweiten Sprachstrom führt. Das machte den Theater und Kulturbetrieb in der DDR so interessant , schreibt jemand dessen Namen ich hier nicht nennen will, weil man ihn vermutlich nicht nennen darf ohne einem Generalverdacht unterstellt zu werden.

Wie soll Debatte gehen fragt Fourest, wenn man von vornherein ganze Bevölkerungsgruppen ausschließt?

Auf dem Laufband, als der Nachrichtensprecher vom Maskenskandal erzählt: Schadhafte Masken für Obdachlose und Menschen mit Behinderung. Ich stelle die Geschwindigkeit höher. Spahn sollte seine Sachen packen.

Hier das neue Domizil noch unbearbeitet