Samstag mit Abschied von Dresden und Proust lesen- Die Gefangene

Wir tilgen unsere Spuren.

Wir verlassen deine Wohnung die uns für eine Woche so ein wunderbarer Hafen in Dresden- Neustadt war. Um uns herum tobte das Nachtleben, hier aber im Hinterhof war es ruhig. Nichts davon drang zu uns herüber. Nur die Fledermäuse sendeten ihre hohen Töne in den Nachthimmel.

Echolot, ich hätte das gern als Fähigkeit für diese neu zu gehenden Wege im Alltag.

Wir haben die Reise lesend am Elbufer und im Park ausklingen lassen. In der Kulturscheune gönnten wir uns ein Abendessen, während eine Band die ungarischen Tänze von Brahms spielte. Diesen warmen Sommerwind werde ich vermissen, der die brütende Hitze erträglich machte.

Ein intensiver Urlaub in denen Karla und ich kaum Kontakt zu anderen Menschen hatten. Es hätte schief gehen können in dieser Symbiose, aber das Gegenteil war der Fall. So viele Fragen die ich ihr nicht beantworten konnte.

So viele Gespräche.

Nun fahren wir zurück in unseren windumwehten Vorort, der uns so las ich es in den Nachrichten, mit Sturmböen empfangen wird.

Es ist okay jetzt zurückzukehren. Der Alltag wird seine eigene Struktur finden.

Ich freue mich sehr auf Anna und Julius. Wie habe ich die Beiden vermisst.

Proust: schreibt über Schlafprobleme Bergottes und dass Medizin in den meisten Fällen die Sache verschlimmert.

Freitag mit: unterwegs in Prag und Proust lesen – Die Gefangene

Ein Schimmer  Patina des vergangenen real existierenden Sozialismus liegt noch, auch zweiundzwanzig Jahre später,  über Prag Holesovice.

Strassenbahnen in rot -gelb wecken Erinnerungen.

Wir finden uns nicht zurecht. Es braucht fünf Anläufe bis wir jemanden finden der englisch spricht. Karla ist in ihrem Element. Sie übernimmt die Verständigung

Auf der Karlsbrücke schieben sich Massen von Touristen über das Kopfsteinpflaster, ebenso wie durch die engen Gassen der Altstadt.

Es fällt mir, wie auch schon in den Neunzigern, schwer dieses Prag, dass dem Kommerz so erlegen ist, mit dem Prag vor 89 in Verbindung zu bringen. Prag ist noch immer wunderschön, aber in meinen Augen hat es hat seine Seele verkauft.

Wir laufen die Treppen zum Hradschin hinauf. Karla hört Revolution, ich höre Smetana. Blick über die Stadt. Es ist heiss.

Später sitzen wir an der Moldau, ich höre Dvorak , Karla hört Queen.

Irgendwann nimmt sie die Kopfhörer ab. Ich erzähle von Kafka, Smetana, Dvorak und dem Prager Frühling.

Davon wie irritiert ich gewesen war, als ich 1990 im Kino: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ sah . Die Dokumentaraufnahmen von Aufstand und Gewalt, die ich nicht einordnen konnte.  Und C. der mir sagte , dass sei der Prager Frühling und ob es sein könne, dass ich noch nichts davon gehört hätte.

Wir sitzen lange am Wasser reden, hören Rusalka, dann pilgern wir durch das von der Hitze und dem Tourismus ermattete Prag.

Proust: Tod Von Bergotte

Wo bin ich gewesen?

Es fühlt sich an als würde ich wie die  Skelettfrau in ( Die Wolfsfrau/Pinkola Estes)meine Knochen zusammensammeln. Etwas neues entsteht, Altes was unter einem Panzer aus Fett erstickt war kommt zum Vorschein und fügt sich wie bei einer Lichtbündelung neu zusammen.  Es fängt an sich nicht mehr nur unberechenbar anzufühlen. Ein Hunger nach Leben, der mit jedem schwindenden Kilo mehr zu werden scheint. Wo war ich gewesen?

Mittwoch mit Gleichklang- Unterwegs in Dresden- Hygienemuseum und Proust lesen – Die Gefangene

Höre Lohengrin während ich abwasche und erinnere mich vor einigen Tagen Descartes gehört zu haben, während ich im Fitnessstudio die langweiligen Routinen vollzog.

Ein Gleichklang. Karla will Shakespeare lesen und findet ihn am Wegrand. Es gibt noch weitere fast mit Symbolismus behaftete Augenblicke die mich staunen lassen. Irgendwie sind wir gerade im Einklang mit dem Universum.

Hygienemuseum: steriler Name für ein wunderbares, interaktives Museum. Wirklich absolut empfehlenswert.

Uns hat ein kleiner Film besonders beeindruckt, den man mit unterschiedlicher Musik unterlegen konnte( Action, Drama, Comic). Man hatte das Gefühl drei unterschiedliche Filme zu sehen.

Low Budget Dasein: wir frühstücken morgens ausgiebig und kochen abends. Keine Strassenbahn, kein Bus, kein Kaffee oder Eis in der Stadt. In die meisten Museen kommt Karla noch umsonst.

Es fühlt sich an wie damals auf meiner Interrailreise und den Monaten danach, in denen ich unterwegs gewesen bin, nur habe ich nicht so schön gewohnt wie jetzt.

Eigentlich hätten wir nach Leipzig Schluss machen müssen, aber der Spass am Reisen ist neu entflammt, ein Tribut an Sachzwänge war die Woche Pause in Kiel.

Und es macht uns Freude so spartanisch wie möglich durch den Tag zu kommen. Die besten Dinge sind meistens umsonst.

Teuer war mit 10 Euro für zwei Personen die Standseilbahn und leider auch der Fahrradverleih.

Dresden ist wunderbar. Karla bezeichnet es als kultiviert, gastfreundlich und umwerfend schön.

Proust: Sätze wie dieser, die plötzlich unvermutet in die Recherche wie hineingeschleudert sind .

“ Es ist furchtbar, wenn man die Existenz einer anderen Person an sich geheftet sieht wie eine Bombe, die man festhalten muss und nicht fallen darf.“

Dienstag mit: unterwegs in Dresden -weißer Hirsch- Schloss Pillnitz und Proust lesen- Die Gefangene- Wagner

Mit dem Rad an der Elbe entlang. Es ist drückend heiss. Irgendwann zeigt Karla auf die linke Seite- lass uns dort hochfahren. Ein Streit. Karla gewinnt, als ich sehe, dass das wo sie hin will der Weiße Hirsch sein muss. Tatsächlich ducken sich kleine Läden, so wie Tellkamp es beschreibt. Die Fleischerei ist geschlossen, die Inschrift verblichen. Wir betreten den in den Fels gehauenen Eingang der Standseilbahn. Nur wenig später setzt sich das Vehikel in Bewegung. Fauchend, qietschend , scheppernd. Auf der Mitte des Weges nach oben bleibt es stehen. Technische Störung. Zeit Dresden von oben zu betrachten. Irgendwann geht es weiter. Am Luisenhof steigen wir aus, vorbei an der Sternwarte Manfred von Ardenne in Tellkamps Turm Arbogast, auch das Tausendaugenhaus sehen wir. Ausgetretene Steinstufen , Eidechsen gleiten über die sonnenbeschienen Steine. Das Wasser ist alle. Ich habe Durst.

Karla will weiter, sie wollte ein Schloss und ist wenig begeistert über meine Langsamkeit. Ich will auf den Spuren Tellkamps wandeln-sie will ein Schloss-Ich bin genervt. Sie gewinnt. Mit dem Rad zunâchst noch an der Elbe entlang, später auf Kopfsteinpflaster bergauf Richtung Pillnitz.

Schloss Pillnitz

Besichtigung. Wir beginnen im Park zu lesen. Karla ist nun auch mit der Animal Farm durch und sagt, sie würde gern mal Shakespeare lesen, im Original. Ich halte das für zu früh. Vielleicht könnte sie mit Macbeth anfangen, in der Oper hat sie als Statistin mitgewirkt. Sie war noch keine sieben Jahre alt. Macbeth ist bis heute ihre Lieblingsoper. Es regnet stärker. Lass uns trotzdem fahren, sagt sie. Wir

geraten in ein heftiges Sommergewitter. Heißer Sommerwind, pladdernder Regen, Fahrt über Kopfsteinpflaster, während die Brille nicht mehr zu benutzen ist, die Schminke brennend in die Augen läuft. Wasser quillt aus den Gullis, schiesst aus den quellartigen Brunnen, sammelt sich in unebenen Wegen. Das Wasser steht in den Schuhen, rinnt aus der Kleidung.. Wir erreichen unser Ziel irgendwie. Mit Karla Rad zu fahren gleicht einem Bootcamp.

Abends eine Serie ihrer Wahl auf Netflix. Ein heftiger Allergieschub ob der südlichen Sphäre lässt meine Augen Tuschwellen.

Trotzdem lese ich noch bis in die Nacht über Wagner. Hinterhofgeräusche. Billie Eilish.

Proust-Ausführungen über Wagners Musik die heraushebt aus dem Alltagsdasein, die schafft was Marcel in der Liebe und auf Reisen vergebens sucht, die Empfindungen eines anderen zu verstehen.

Ich arbeite nach, Tristan und Isolde und Lohengrin.

Und Wagner nochmals

Weiterhin Marcel und Albertine und die Psychologie der Besessenheit . Las ich.

Für dieses Jahr nehme ich mir den Ring vor.

Vorblick heute-Besuch des Hygienemuseums.

Montag mit: unterwegs in Dresden und Proust lesen- Die Gefangene

Lieber N.

die Tage haben ihre physische und psychische Eigenständigkeit, schreibt Proust. So steht dieser Tag für mich unter dem Stern der Dankbarkeit. Ohne dein Wohnungsangebot wäre dieser Urlaub in Dresden nicht möglich gewesen.

Vielen Dank für das liebevolle und herzliche Willkommen, für deinen klugen und humorvoll geschriebenen Reiseführer voller Insidertipps, danke für das Nutzungsrecht deiner Hausbibliothek, danke an deine Kinder für die Kuscheltiere.

Ich habe mir den kleinen Hund herausgesucht, weil er mich an ein Kuscheltier aus meiner Kindheit erinnert.

Der Wasserlilie geht es gut, nur der Basilikum macht mir Sorgen. Dürfen wir die Tomaten auf deinem Balkon ernten, während ihr auf den Spuren Perseus wandelt ?

Ich habe mir heute morgen die griechische Mythologie aus einem deiner Bücherregale genommen. Proust bezieht sich auf Ixios und die Danaiden. Egal was ich im Moment lese, immer bin ich aufgefordert nachzuarbeiten .Mal ist es die Aufklärung, mal Wagner, mal die griechische Mythologie. Ein Fass ohne Boden ist meine Unwissenheit.

Gestern sind Karla und ich am Elbufer entlang geschlendert, bis plötzlich die Altstadt Dresdens am Horizont auftauchte. Du kannst dir nicht vorstellen, welch überwältigenden Eindruck dieses Bild bei uns hinterließ.

Auf uns , die geprägt sind von der überragenden Architektur Kiels.

Wir haben die Frauenkirche gesehen, sind am Albertinum vorbei im schweigenden Staunen.

Was für eine unglaublich schöne Stadt. Es ist das erste Mal, dass wir überhaupt die Mittel haben einen Urlaub dieser Art zu verbringen und ohne deine Hilfe wäre er nicht möglich gewesen.

Danke.

Karla will heute ein Schloss sehen, ich überlege welche Wahl zu treffen ist- Pillnitz oder Meißen?

Proust: schreibt über Marcels Wahn über jede Bewegung Albertines informiert zu sein. Darf man Marcel als Stalker bezeichnen?

Sonntag mit Zuggesprächen und Proust lesen- Die Gefangene

Zwei Anfangzwanziger lassen sich vom Schaffner Spielfiguren und Würfel bringen und spielen“ Mensch ärgere dich nicht auf kompliziert.

A zu B: “ Kannst du dir das vorstellen? Der deutsche Staat nimmt Steuern für die Regentropfen die auf mein Grundstück prasseln.“

B: naja muss ja irgendwohin ablaufen

A schweigt

2. Junge Mutter zu Kind: „Du kannst so schön ausmalen, warum kritzelst du denn nur?“

Vater zu Kind mit sarkastischem Tonfall: “ Nur noch drei Stunden.“

Kind zu Vater: “ Aber das habe ich gekauft!“

Vater: “ Ja und ich habe es bezahlt“

Person A zu Person B: In der Fremdenlegion bekommt man nach ein paar Jahren eine neue Identität.“

Ich zu Karla: Schau , Plan B

Kind zu Vater: “ Ich schau mir die Schienen von hinten an.“

Kind zu Vater: sind wir bald da?

Vater zu Kind: Schau das ist unser Kuchen. Der hat vier Stücke. Ein Stück haben wir schon gegessen, drei müssen wir noch essen.

Kind: Aber wir haben doch gar keinem Kuchen

Proust: Marcel sinniert darüber, dass eine bestimmte Frau nur so lange begehrenswert ist solange die Distanz besteht, heißt das Wesen reine Projektionsfläche ist.

„….die Distanz, die wir zu überbrücken träumten, existiert dann nicht mehr.“

Weiterhin empfindet man Eisenbahnwagen der ersten Klasse nicht mehr unbedingt als interessanter und schöner als die Markuskirche in Florenz.

„Auf alle Fälle hörte ein Eisenbahnwagen erster Klasse wieder auf, a priori als schöner denn die Markuskirche zu gelten.“

Radfahren, Golfkleidung, Polomütze, gehören nicht mehr nur der Oberschicht

Milchmädchen auf die Frage Marcels was sie trüge: “ Das ist meine Golfjacke“, antwortete sie mir. Denn infolge des üblichen Niedergangs aller Moden waren Kleidungsstücke und Bezeichnungen, die vor einigen Jahren noch der verhältnismäßig eleganten Welt der Freundinnen Albertines vorbehalten Schienen, jetzt zum festen Bestand der Arbeiterinnen geworden “

Samstag mit Zweifel

Karla fragt, ob es nicht auch sein könne, dass alles was wir Vergangenheit nennen, außerhalb unserer eigenen Erinnerung nicht existiert. Was, fragt sie, wäre, wenn wir unsere Vergangenheit nur innerhalb unserer eigenen Vernetzungen im Gehirn, träumen?

( ich muss sie noch Mal fragen, wo der Grundimpuls herkam)

Auch bei Orwells 1984 findet sie diese Gedanken wieder.“ Ich hasse das“ , sagt sie. “ Das ist so wie bei Shutter Island. Nichts ist so wie man denkt das es ist. „

Währenddessen mache ich via der Proust Lektüre Bekanntschaft mit Descartes, der offensichtlich auch alles in Zweifel zog.