Dienstag mit Bräunig- Erinnerung

Nie habe ich dich weinen sehen, bis jetzt.

Ich stehe in deinem Elfenbeinturm, einer Sozialwohnung am Rande von Mannheim. Du sitzt im Sessel, das Bein mit den Granatsplittern hochgelagert.

Der Unterschenkel ist am Schienenbein schwarz verfärbt. Mit einem Blindgänger hast du gespielt, dein Freund starb, so erzähltest du es

“ Sie haben Bräunig verlegt“ , sage ich. “ Rummelplatz“ hat doch noch das Licht der Welt erblickt. Nach so vielen Jahren. Du weinst.

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/wismut-braeunig-roman-rummelplatz-ddr100.html

Bräunig ist auch ein Schatten.

Block 456/5 2. Stock: neue Stadt für neue Menschen.

Ich erinnere mich im Drehsessel gesessen zu haben. Dieselben Kissen wie in „Nahschuss“, derselbe Sessel. Ich bin fünf , es ist das mutterlose Jahr. In meiner Erinnerung bin ich immer fünf. Als gäbe es nur dieses eine Jahr.

Bräunig ein Schatten in grau lehnt am Türrahmen.

“ Ich mochte den nie“ hatte A gesagt, der war mir zu melancholisch. Bräunig war sein Schreiben über die Wismut zum Verhängnis geworden.

Es erfolgte öffentliche Demontage, nicht linientreu genug. Bräunig starb früh. Alkohol.

“ Soll ich es dir bestellen?“

Du nickst. Kein Wort mehr. „Ich bin müde sagst du. „

Ich verlasse die Wohnung .

Wie alt war ich als der Brief zur Klärung eines Sachverhaltes eintraf?

“ was hast du gemacht“ hatte meine Mutter panisch geflüstert. Klärung eines Sachverhaltes das ist…

Stasi, ich muss 17 gewesen sein. Ich könnte es erst später als das verstehen was es war, eine gezielte Unterstellung, eine Verleumdung. Sie kostete mich damals die Beziehung zu C. der in kirchlichen Kreisen agierte. Damit war das Ziel erreicht. Es kam zu einer Gegenüberstellung. Irgendwann knickte das Gegenüber ein. Ein Rest von Moral.

Das sind die Geschichten die auftauchen, die man sich selbst kaum glaubt. Ich war so naiv.

Wie viele Namen fand ich später auf der IM Liste wieder. Jugendliche gerade der Pubertät entkommen.

Was für ein krankes System. Ich will die Schatten verjagen, aufräumen, aufschreiben, recherchieren, mich ein letztes Mal auf die Suche begeben, das Zwischenjahr nutzen.

Montag mit Schatten

Bibliotheksausweis für die Bücherhallen in Hamburg, das wird eine der ersten Handlungen sein.

Du trägst die Schuld, ich habe mit ihr nichts zu tun, dennoch lastet sie schwer. Oder ist es die Schuld dich geliebt zu haben?

Vor zwei Jahren begann dein Sterben. Ich bin zu den Mandelbäumen gefahren, habe meinen Arm um deinen schwindenden Leib gelegt.

Du hast mich losgeschickt über all die Krankenhausflure mit dem pfälzischen Stimmgemurmel. „Eis!‘

Ich hielt deine Hand.“ Schlaf“, sagte ich, “ ich werde da sein wenn du aufwachst.“

Du schliefst. Der Mitbewohner deines Krankenzimmers erzählte mir seine Lebensgeschichte. Ich konnte nicht zuhören.

„Wie lange noch? „hatte ich den jungen Arzt gefragt.

Ich versprach dir wieder zu kommen. Ein Versprechen das ich nicht einhalten konnte. Zwei Monate später warst du tot.

Du bist der der wie ein Schatten sich um mich herum bewegt, den ich geliebt habe.

Und ich habe mich schuldig gefühlt, ich fühle Schuld. Schuld die du in deiner Verblendung nie empfunden hast. “ Warum?“ eine Frage auf die du keine Antwort fandest. Du der für alles Antworten hatte.

Warum ?

Ich weiss, das ist kein Thema für diesen Blog. Dein Manuskript liegt noch immer in der braunen Ledermappe. Eigentlich müsste ich es zumindest im Selbstverlag drucken lassen.

Ich hoffe auf die langen Stunden im Zug, auf das Schreiben, sich erinnern. Wer will schon mit Schatten leben?

Nahschuss am Sonntag

Es geht los. Nochmal in diesen Film Fühle mich jetzt schon desolat.

Ich erinnere mich daran wie du mir von der Todesstrafe erzähltest. Es war in der mutterlosen Zeit, eingeflochten in die Erzählungen vom Pfälzer Wald und den Mandelbäumen. Ich war zu jung. Der Kontext ist weg. Fünf. In meiner Erinnerung bin ich immer fünf.

Ich beantrage deine Akte. Ich mache mir keine Hoffnungen.

Vor zwei Jahren begann dein Sterben und es ist nicht nur so, dass ich kein Grab zum Trauern habe, selbst Seebestattung wäre okay gewesen, nicht nur das, du hast nicht zu füllende Leerräume hinterlassen. Die Spekulationen und Imaginationen aller Arten Raum bieten.

Wer warst du?

Und ja, ich habe dich geliebt

Sonntag mit Satie

Zum ersten Mal wagte ich mich gestern mit dem kleinen Grauen auf die Landstrasse ins 40 km entfernte Lütjenburg. Zuvor wurde ich gewarnt. Die Strecke sei schwierig, man könne leicht etwas falsch einschätzen. Ich fuhr trotzdem.

Es war kein Problem .

In der Michaeliskirche in Lütjenburg spielte im Rahmen der Marktmusik der 15 Jährige M. ausgewählte Stücke von Satie.

Begleitet wurden die bravourös gespielten Stücke von vorgetragenen Episoden ( Vater von M) aus dem Leben und Schaffen Saties. Satie : Ein Querkopf der sich dem Schubladendenken entzog, Schweres und Leichtes vermischte, provozierte, Kehrtwendungen, vollzog. Man konnte den Schalk , den Witz, die Ironie förmlich hören.

Und so zeigte sich mir in diesem Gesamtkunstwerk ein Satie den ich bisher nur aus seinen melancholischen Gymnopedies kannte. Mut zur Einfachheit und Immer mit ein wenig Spott.

Ich werde versuchen über diese Konzerte und Projekte informiert zu bleiben. Ich erzählte gestern schon von einem Kunstprojekt zu Pollock, Rothko, Kandinsky. Ein Projekt konzipiert für 3 bis sechsjährige Kinder welches sich über zwei Wochen erstreckte und nicht nur die Kinder in ihren Bann zog. Es war ebenfalls von dieser Familie konzipiert. Man kann sich einfach sicher sein, dass das was man geboten bekommt mit Hingabe, Tiefe und absoluter Perfektion in vielen Stunden akribisch vorbereitet wurde. Und genau das führt dazu, das man aus so einem Konzert anders herauskommt als man hineingegangen ist.

Anschließend bin ich allen Unkenrufe zum Trotz noch an die Hochwachter Buch gefahren.

Satie im Kopf.

Mittwoch mit Zuggesprächen und Hamburger Mistwetter

„Wo bist du du schon gewesen?“, fragt der junge Nordafrikaner . Sie sitzen im überfüllten Zug auf dem Boden.

„Ich hab in Berlin gelebt, London, Paris und Spanien und du?“

„Spanien“, sagt er.

Ich frage mich wie sie es geschafft hat in ihrem jungen Alter schon so herumgekommen zu sein. Das kosmopolitische Dasein zeigt sich in einer weltläufigen Sicherheit.

Ankunft in Hamburg: “ Meine Güte“, eine ältere, eigentlich gut gelaunte Frau flucht, “ dass Hamburg einen immer mit Regen erwarten muss.“

Im Regionalexpress erzürnt sich eine nicht gut gelaunte Rentnerin unter ihrer FFP2 Maske über eine amerikanische Reisegruppe: “ Quaak, Quaak, Quaak „, presst sie hervor. “ Das ist ja schrecklich.“

„ich bin genervt von ihrer Genervtheit und darüber, dass ich selbst bei der philosophischen Hintertreppe , die ich für sicher gehalten habe, heruntergeflogen bin.

Auf der letzten Etappe bin ich bei Kant angelangt, den ich nicht verstehe. Ich verstehe diesen reinen Willen nicht.

Trotz Regen ist die Rückkehr dieses mal okay. Es wird sich alles irgendwie ergeben.

Mittwoch mit Abschied von Dresden und Mondpalast

Sehr gern im Mondpalast gewohnt. Kaffee satt ist im Preis enthalten.

Ich habe morgens gern in der Lounge gesessen, Kaffee getrunken und gelesen. Heute Rousseau.

Das Zimmer war mit der literarischen Tapete einfach sehr passend. Badezimmer mit Dusche inklusive.

Das Frühstück war ausgesprochen gut.

Außerdem zum ersten Mal Alexa kennengelernt, die sich als sehr hilfreich erwies. Ich rätsle immer noch, wie sie so treffsichsicher.im Musik heraus suchen sein konnte. Zentraler kann man in Dresden Neustadt nicht wohnen.

https://www.mondpalast.de/

Kulinarisches:

https://www.lloyds-cafe-bar.de/

Cafe Combo- siebziger Jahre Style und super gemütlich.

http://www.raskolnikoff.de/

Im Raskolnikoff gab es Pelmeni die wirklich Pelmeni waren

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Pelmeni

Am Lutherplatz wurde Tango getanzt. Sehr stimmungsvoll.

Fazit: Dresden lohnt sich, besonders die Neustadt

Die nächsten Reisen werden sparsamer sein .

Dienstag mit Dank an Andreas von waldundhoehle

Vorweg nehmen möchte ich ein Dankeschön.

Lieber Andreas vom

https://waldundhoehle.wordpress.com/

blog ( irgendwie finde ich leider die Kommentarfunktion auf deinem Blog nicht)

Lieben Dank für das Verlinken. Und auch ich habe über die Parallelen gestaunt.

Handke kann ich nicht mehr lesen. So bin ich hier letztendlich deiner Argumentation gefolgt. Zu schwer wogen die Verschwurbelungen, Verdrängungen. Hast du mit Proust ganz von vorn begonnen? Und wie gestaltet ihr das Nestmodell, dass für die Kinder gut für die materiellen Belange, aber furchtbar ist.

Auf den Spuren von Tellkamps Turm

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/uwe-tellkamp-der-turm-das-geheime-land-1692734.html

An der Elbe entlang bis zum Blauen Wunder. Dieser Weg an der Elbe ist besonders und auch im Regen ist Dresden wunderschön.

Mit der Standseilbahn zum Luisenhof, Plattleite entlage bis zur Sternwarte von Ardenne und dann all die Villen abgeklappert.

Ein besonderer Ort noch immer. Kurz vor 1989 habe ich hier einmal den Jahreswechsel verbracht. Es hatte damals etwas sehr elitäres. Ostrom eben:) Auch heute ist der “ Wille zum Zauberberg“ noch deutlich zu spüren. Kultur als Überlebensmittel und Gegenhalten gegen die äußeren Verhältnisse. So war es damals.

Sonntag mit Alleinreisen

Im Bistro spricht der Kellner jene vertraut unvertraute Sprache. Nicht sanft wie das tschechische, klar irgendwie voller Umlaute.

Dreissig Jahre ist es her, als ich voller Zweifel durch Ungarn trampte. Ich hatte L. beschworen: „Lass es uns wagen, es wird nichts passieren.“ Aber Lutz wollte die DDR nicht verlassen. Für das Stillen des Fernwehs genügten ihm Knoblauchbrote im gigantischen Ausmaß.

Ich hatte einen Zettel hingelegt: „Bin weg, weiß noch nicht wann ich wiederkomme. Ich wage die Grenze.“

Ich habe mich trampend durch Ungarn bewegt, im Freien geschlafen und bin drei oder vier Tage später wieder in Balatonalkali aufgeschlagen. Ich hatte es nicht gewagt.

Nur sechs Wochen später fuhr ich wieder los, diesmal vorbereitet, der wenige Besitz verschenkt. Niemand hatte etwas gemerkt. Ich fuhr in den Urlaub. Die letzte Nacht im Katharinenhof verbrachte ich wachend.

Budapest Keleti, Botschaft, Weiterleitung nach Zugliget Zeltlager, ARD, derselbe Rucksack wie jetzt.

„Das Kind ist in Ungarn“ , sagte mein Vater meiner Mutter am Telefon, „ich habe es in der Tagesschau gesehen.“

Lange Wochen voller Glück und Aufbruch in Budapest. Immer wieder rief mein Alleinreisen Verwunderung hervor.

Wie soll man jemanden erklären, was das Glück des allein unterwegs seins ausmacht? Ich hab es immer gehasst vom Bahnhof abgeholt zu werden. Es stört den Fluss des Autarken.Niemanden Rechenschaft schuldig sein, Aufbrechen wenn man Lust dazu hat, sich nicht absprechen müssen, die Route plötzlich ändern können.

Manchmal besuchte ich Karoly und seine Frau in Alkali am Balaton.

Was wenn ich in Zug sitzen bliebe? Der Zug wäre nach zwanzig Uhr in Budapest. Dann denke ich an Corona, und das nur Sputnik gilt. Und Karoly habe ich nicht mehr im Netz gefunden. Ob er noch lebt?