Samstag mit roten Strumpfhosen in Lübeck

Eigentlich hatte ich gehen wollen, aber sie trug rote Strumpfhosen.

Die Strumpfhosen standen in einem merkwürdigen Gegensatz zum Gesamtbild. Vielleicht täuschte der erste Blick.

Ich blieb.

Sie las.

In Bildern, in denen sie sich selbst verfolgte. Sich hinter sich ließ. Denn sie ertrug den Anblick ihres runden Rückens auf dem Fahrrad nicht.

Das Buch später “ Unterm Teppich “ aus der Kirche getragen.

Was für ein Roman. Frech, stark, weiblich, ungewöhnlich, wild, besonders.

Blaubestrumpft.

Und sonst?

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Zurück.

Ich lese “ unterm Teppich“ von Eva Christina Zeller und „Die Heldin reist“ von Doris Dörrie.

Stelle beim Durchforsten des Bücherregales fest, dass die Hälfte der anwesenden Bücher weiblich ist.

Die Käufe waren dem Interesse geschuldet nicht dem Geschlecht.

Lese auch ; Mitscherlich

Sehe: Nomadland ( danke G.für den Tipp!)

Himmel über Berlin

Esse Weetabix ( zum ersten Mal)

Höre: Die wiedergefundene Zeit von Marcel Proust, wenn ich im Vorgarten sitze.

Karla verfolgt das Drama um Jonny Depp und Amber Heard.

Hab in den frühen Morgenstunden Mal selbst hineingeschaut.

Mich berührte die Aussage eines Securitymitarbeiters: “ No I’m not upset , im tired.“

Nichts spektakuläres:

Sonntag mit Buchmacherbuchmesse – Tag 2

Morgens kommt die alte ukrainische Hundedame schwanzwedelnd auf mich zu.

Hej du flüsterte ich. Hier ist ein Zufluchtsort für uns beide. Komm ich lass dich in den Garten. Hast du gut geschlafen nach der langen Reise

Linda wedelt. Aber Tau im Gras, das mag sie nicht. Wo hast du denn deine Blessuren her? Du kannst stolz auf dich sein Linda.

Später trinke ich mit Jana Kaffee. Ich hatte sie gestern bei der Überführung dreier Hunde begleitet.

Noch später fahre ich nach Lübeck. Meine erste Buchmesse.

Ich entdecke Simone der Beauvoir.

Und Herumtreiberinnen.

Tag 2 des neuen Lebens. Es gibt schlechtere Arten ein neues Leben zu beginnen

Immer noch Dienstag mit Hochlandrind und abgeweidet

Weißt du, sage ich zum Hochlandrind. Mir ist nicht entgangen, wie sehr du an dieser Weidefläche hängst.

Schau, das Gras ist verdorrt, ein paar grüne Halme zu finden, ist als würde man sein Essen würfeln.

Manchmal gibt es was, manchmal nichts. Das Gras was du siehst ist eine Täuschung, eine Fata Morgana.

Diese Weise ist :

Abgeweidet, sage ich. Gib dem ganzen einen Break oder verlasse es. Ich verspreche dir blühende Landschaften.

Das Hochlandrind blockiert.

Es hängt an der Weide. Ein Jahr hat es hier zugebracht. Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Frühling.

Ich löse dem Pflock. Vertrau mir, Rindvieh. Blühende Landschaften.

Dienstag mit Beginn des letzten Bandes der Recherche und “ Herumtreiberinnen“

Am Frühstückstisch Proust gelesen. Nach sechs Jahren ( mit Pause) neigt sich das Lesen “ Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ dem Ende entgegen.

Erster Arbeitstag nach 10 Tagen Urlaub.

Sechs Jahre in denen aus Kindern junge Erwachsene wurden, ich den Arbeitsplatz wechselte, die Ehe auseinanderging, ich das Reisen wieder aufnahm. Zusammen mit Karla Dresden, Berlin, Leipzig und Prag besuchte. Auf Spurensuche in Halle – Neustadt ging. Jetzt am Beginn des letzten Bandes, schreibt Anna ihr Abitur, und auch Julius bereitet sich auf das flügge werden vor .

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Nachdem im Rummelplatz von Werner Bräunig das Wort “ Tripperburg“ auftauchte, beschloss ich doch zunächst Es mit den “ Herumtreiberinnen “ aufzunehmen. Ich begann skeptisch, weil ich nicht weiß wie es gehen soll, über eine Zeit zu schreiben, die man nicht erlebt hat.

Aber: ich mag den Sprachklang des Romanes sehr. Die Protagonistinnen kommen einem nahe durch eine feine Beobachtung der Emotionen, unter dem Menschsein unter fürchterlichen Bedingungen. Bettina Wilpert schafft vielschichtige Charaktere weit ab von plakativer schwarz- weiss Malerei.

Sonntag mit Osterimpressionen

Beim Frühstück sagt Karla, Superheldenfilme fände sie blöd, man könne da nicht mitfühlen und sie schaue lieber peaky Blinders.

Eine Empörungswelle überflutet sie. Man verabredet einen Pflichtfilm-

Anna liest aus den Känguruchroniken etwas über Voltaire und Leibnitz.


Später steht Lucia in der Tür. Komm herein. Hier findet gerade ein Schützengrabenüberspannendes Grillen statt. Und zur Mauer gewandt: „Wir bilden Geschichte nach, Ulbricht und so. Wir haben mal wieder den lichtlosen Part abbekommen. Küche und neues Wohnzimmer liegen fortan im Dauerdunkel.

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„So ein Hof mit Ziegen und Selbstversorgung, das würde mir genügen. Die Welt retten müssen jetzt andere.“

Lucia übergibt Karla ein Osterpräsent.

„Ich weiß nicht“, sage ich, „vielleicht liegt etwas in der Luft. Seit Tagen führe ich ein Hochlandrind neben mir her, in der Hoffnung irgendwann eine Hütte zu finden, das spinnen zu lernen und mir aus seinen Pullover zu stricken.“

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Später lese ich in „Der Duft der Blumen bei Nacht“ von Leila Slimani. Sie lässt ihren Vater auferstehen. „Siehste“, sage ich, „andere machen das auch.“

„Ich schreibe, und ich grabe ein Loch in die Wand einer Zelle. Ich schreibe, und jede Nacht feile ich an den Gittern eines Gefängnisses. Ich schreibe und ich rette ihn, ich biete ihm Ausflüchte, Landschaften, Figuren, die ungewöhnliche Abenteuer erleben. Ich biete ihm Leben, das ihm angemessen ist. Ich gebe ihm das Schicksal zurück, das man ihm verwehrt hat.“ Leila Slimani/ Der Duft der Blumen bei Nacht.

Führe meinen Vater nach draussen vor die Tür und biete ihn einen Lehnstuhl an. „Verstehst du“, sage ich. „Ein Vorgarten hätte auch genügt. Kämpfen kann man überall.“ Das Hochlandrind binde ich an den Staketenzaun.

Eine Familie kommt vorbei, während ich den Thymian von der Quecke befreie. Die Tochter erzählt etwas über die mystische Zahl 23: also sagt der Vater laut: das musst du wissen.— und erzählt etwas über die Zahl 23.

Später kommen sie noch einmal vorbei. Die Tochter versucht etwas zu sagen, ich glaube es ging um BWL, ABER SIE KOMMT NICHT DAZU ETWAS ZU SAGEN: iMMER IST DER VATER SCHNELLER; ERZÄHLT IM BRUSTTON DES WELTERFAHRENEN:

Nun ist die Tastatur verrutscht. Der Satz bleibt so.

Noch später, nachdem der Vorgarten sich selbst überlassen bleibt, lese ich zum ersten Mal James Baldwin: Giovannis Zimmer. Was für eine Sprache. Ich bin sofort gefangen.

Der Vater sitzt immer noch im Vorgarten und streichelt das Hochlandrind, erzählt ihm von früheren Heldentaten, das Hochlandrind grast. Es braucht einen Namen.

Frohe Ostern an alle da draussen

Immer noch Freitag mit : was für eine Menschensorte ist das?

“ Lauter solche Geschichten waren ihm eingefallen von einer Wachmannschaft zum Beispiel, die Ukrainer und Franzosen nackt in den Schnee stellte und mit Wasser begoss, Mal sehen wer länger aushält. Ein Ukrainer hatte es am längsten ausgehalten.

Und dann hatte die Wachmannschaft in ihrer Baracke zur Ziehharmonika gesungen und gesoffen und gejolt die ganze Nacht. Lauter solche Geschichten

Und der Alte hat gedacht: Was ist das für eine Menschensorte, aus der man so was machen kann? Was kann man denn aus so einer Sorte machen?

Entweder sie sind so von Anfang an , oder etwas lässt sie so werden.“

Werner Bräunig Rummelplatz