Sonntag mit Chemiefaserwerk

Der Ruf des Kuckucks, hallend erhebt er sich über Gesamtgezwitscher. Umstreift die vom Regen beglänzte Rosskastanie, fliegt über die Hasel.

Es ist Sonntag. Er zeigt sich sonntäglicher als je. Ruhet von des Tages Mühen. Kaffee, ein Buch.

Franziska Linkerhand, die ihre Kleinstadt verlässt. Neue Stadt für neue Menschen, Plattenbau mit idealen. Brigitte Reimanns Ton geht mir unter die Haut mit seiner wilden, rebellisch melancholischen Eigenwilligkrit

Und sonst?:

Eine weitere Nachtschicht, die mich fühlen lässt: Ich bin eine Bewohnerin der Nacht.

Rückblick:

87. Chemiefaserwerk an der polnischen Grenze ;

Die Nachtschichten sind mir die liebsten. An hohen Maschinen werfe ich hauchdünne Polyamidfäden um rotierende Metallrollen. In den Pausen lerne ich spanisch, lese oder unterhalte mich mit Cubanerinnen, Vietnamesinnen, Polinnen, Mosambiquanerinnen. Später dann wechselte ich in die Forschung- wegen guter Leistungen. Ein Staat im Staate. Abgeschnitten vom Rest der Welt. Es wurde nur noch deutsch gesprochen.

Eine Kündigung. Ein Aufbruch. Zurück in der Plattenbaustadt begann die Arbeit die mir bleiben sollte,die ich liebe.

Gedanken am Sonntag. Franziska Linkerhand verlässt die Stadt . Aufbruch.

Am richtigen Platz

Am richtigen Platz: ich sah eine Frau zierlich fast zerbrechlich.

Sie umsorgte in der Nacht dreissig Menschen und jedem hörte sie zu. Mit Ruhe, vollkommener Empathie, Sanftheit. Früher einmal hatte sie Schmied werden wollen. Ich dachte , was für ein Glück, dass es anders kam.i

Diese sanfte ruhige, aufmerksame Zugewandheit. Eine seltene Gabe.

Freitag mit Brigitte Reimann-Franziska Linkerhand

„Wir haben gelernt, den Mund zu halten, keine unbequemen Fragen zu stellen, einflußreiche Leute nicht anzugreifen, wir sind ein bißchen unzufrieden, ein bißchen unehrlich, ein bißchen verkrüppelt, aber sonst ist alles in Ordnung. “ Zitat aus „Franziska Linkerhand“.07.09.2019

Beginne das Wochenende mit diesem Buch. Es gehört seit langen zu meinen Lieblingsbüchern. Nachdem Werner Bräunig an einem sicheren Ort abgetaucht ist und imir schlichtweg die Zeit fehlt ihn abzuholen, wird Brigitte Reimann nun die Autorin die mich durch den Tag begleiten wird. „Ach Ben, wo bist du gewesen?“ Ein sehnsüchtiger, melancholischer Ton. Aufbruch, Unangepasstheit, Mut, Idealismus und eine unglaubliche Gabe zu schreiben.

Und sonst? : Schnelle Tage. Erhalte Einblick in viele verschiedene Wohnungen. Am liebsten mag ich Besichtigungen in denen der /die Vormieterin noch anwesend ist. Gestern lugte Jane Austens Emma hinter einem superschönen Klavier hervor. Und im Kopf entwerfe ich Biografien passend zur Wohnungseinrichtung.

Ich habe eine Zusage für einen Nebenjob bekommen. Ich war und bin darüber glücklich. Es fühlte sich an wie ein Ort, an dem man gerne sein will. Freue mich sehr darauf.

Immer noch Montag mit die Erfahrung zur Geschichte

Am See, an dem den auch Helmut Schmidt bewohnte, ziehe ich ein Buch aus dem Regal.

Meine Güte, Gantenbein, eine geniale Geschichte, sage ich zu G. Während H. Syrische Köstlichkeiten auf dem Tisch platziert.

Sonne scheint, flackernde Lichtblitze auf leichtem Wellengang. Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht. Jetzt sucht er die Geschichte dazu.

Montag mit Gantenbein

Ein Mann hat einen Unfall gehabt. Vielleicht dachte er gerade an seinen Ruf nach Harvard. Jetzt liegt er im Krankenhaus, Schnittwunden im Gesicht, die Augen sind verbunden.

Es droht ihm sein Augenlicht zu verlieren. Er hört Vogelgezwitscher, Flugzeuge, Stimmen, nachts Stille, regenprasseln im Morgengrauen.

Die Binde wird ihm abgenommen und er sieht, dass er sieht, aber er sagt es nicht.

Er beginnt ein Leben als falscher Blinder.

Er sagt nicht, dass er sieht

Samstag mit besonders

Die Sache ist doch die, ja du bist ein besonderes Hochlandrind. Du bist einzigartig.und für mich bist du es sowieso. Nicht weil dein Fell glänzender ist oder du bedeutende andere Hochlandrinder kennst. Ich mag dich , weil du bist wie du bist.

All die anderen Hochlandrindern sind auch besonders, jedes für sich, das muss man sehen können.

Nee sagte das Hochlandrind ich bin besonders besonders.

Es stand auf der neuen Weide. Probegrasen.

Und sonst? Bräunig ist wieder aufgetaucht. Er befindet sich noch immer an dem sicheren Ort. Am Dienstag darf ich ihn abholen. Danke Alexander Carmele fürs Überbrücken!

Habe ein arbeitsreiches Wochenende vor mir auf neuen Weiden ( sozusagen) und bin gespannt wo es mich hinführt.

Lesen ist im Moment nur sporadisch möglich. Aber Hannah Arendts Vita activa passt gut.

Bedeckter Himmel.

Donnerstag mit Chroniken eines Hochlandrindes

Chroniken vom Hochlandrind sollen das nicht werden, jedenfalls nicht ausschließlich.

Jedoch: das Hochlandrind sendet widersprüchliche Botschaften, irritierte mich damit.

Eines Tages legte es sich in die Sonne. Ich bin müde, sagte es. Meine Hufe Schmerzen.

ich machte mir Sorgen, beschloss den Tierarzt zu holen.

Immer ist das Geld ist knapp.

Ich hütete zusätzlich eine Horde Schafe um den Tierarzt bezahlen zu können. Es gab kein Wochenende mehr.

Kein Kaffee mehr Samstags im Bett, keine langen Lesestunden, stattdessen zog ich über fremde Weiden und achtete darauf dass mir kein Schaf verloren ging.

Auch ich war müde.

Der Tierarzt kam, als ich das Geld zusammen hatte. Er kam abends, weil er nachmittags verhindert gewesen war. Nie hatte ich die Weide des Hochlandrindes abends aufgesucht.

Wir waren erstaunt, welcher Anblick sich bot. In wilden Sprüngen tobte und sprang das Hochlandrind über die Weide. Keine Spur von schlechten Gewissen. Habt ihr meine tollen Sprünge gesehen fragte es.

Ich gab dem Tierarzt das Geld. Vielleicht sollten sie morgens wiederkommen sagte ich.

Morgens ist es immer besonders schlimm.

So blieb es. Abends bocksbeinige Freudentänze im Abendrot, morgens matt, krank, verzweifelt.

Die Frage wie mit dem Wesen weiter umzugehen sei blieb.

Vielleicht hat ja jemand von euch da draussen eine Idee. Ich bin wirklich hilflos.