Freitag mit Aus den Fugen

Annexion der Ukraine. Ich wache auf mit aufploppenden Eilnachrichten und M.s Stimme im Kopf: Die Atombomben kommen erst in zwei Monaten, aber man hat jetzt schon Angst. Ein sarkastischer Scherz über die Vermarktung der Angst. Die Welt-aus den Fugen.

Lese in einem Buch, bis tief in die Nacht, es nimmt mich gefangen, der Impuls dich zu verstehen, unerwartet finde ich auch mich: Aber das bin ja ich. Manchmal.

Der tiefe Wunsch zu bewahren.

Es regnet noch immer. Überlegung ausschließlich Freitags zu bloggen.

Es braucht Zeit um Dialog im Blog möglich zu machen.

Nachricht von Ina: nein das war nicht Hamburg mit Sascha Merlin, das war Lübeck und wir haben mit denen noch zusammen gesessen. Ich erinnere mich nicht.

In der CAU findet heute der Science day statt.

https://www.uni-kiel.de/de/detailansicht/news/festival-der-wissenschaft-science-day

Dienstag mit Metallica, Kurzhaarschnitt und Plakette

Der Nachbar auf der gegenüberliegenden Seite, der der immer aus dem Fenster sieht, hat seine Langhaarmähne einem gepflegten Kurzhaarschnitt geopfert.

Es regnet dauerhaft. Ich schließe das Fenster. In der Küche lasse ich Kokosöl in einer Pfanne schmelzen. Birdy singt People.

Zwiebeln, Karotten, Cashewnüsse. Metallica singt Nothing else matters. Zuchini, Tomaten, Kräuter während Leonard Cohen sein Halleluja betet.

Karla hat sich angemeldet, Eilisa kommt zum Frühstück. Und eine Frauenrunde aus dem Vorort wird ebenfalls erwartet. Die Woche ist unerwartet sozial.

Italiens Wahlergebnis ist ein Desaster.

Ich laufe zur Zulassungsbehörde um dem Auto die lang ersehnte Parkplakette zu verschaffen.

Jetzt bin ich müde.

Montag mit Sina, Bakeliet und einer Kindheit in der DDR

Hast du Zeit? Ich bin heute in Kiel. Vor einem Jahr hatten Sina und ich uns im Stasimuseum in Berlin-Lichtenberg getroffen. Tag der offenen Tür. Ich besuchte einen Workshop, der einem erklärte wie die Akten zu lesen seien.

Sina und ich hatten ausgemacht, dass wir uns genau ein Jahr später wieder treffen wollten.

Mir kamen die Instandhalter*innen dazwischen.

Frühstück im Bakeliet. Es gibt hier den besten Kaffee Kiels.

Im intensiven Gespräch das thematisch um die Zeit vor 89 kreist, denke ich plötzlich daran: wie eine Amerikanerin zu einer Chemnitzerin sagte: „Da hast du ja endlich jemanden aus deinem Volk gefunden.“

Sina und ich sind aus einem Volk. „Ich habe Akteneinsicht beantragt, erinnerst du dich? Sie sind fündig geworden. Es gibt Akten über ihn.. Es kann noch bis zu zwei Jahren dauern, bis ich Einsicht bekomme. Ich war froh zu erfahren, dass er nicht Recht hatte mit seinem: vergiss es, alle längst geschreddert.

„Hattet ihr Angst vo der Staatssicherheit?“, hatte Karla mich im Interview gefragt. “ Nein, ich hatte keine Angst, aber ich hätte sie haben sollen. Es war normal für mich, zu wissen dass jeder auch hätte Zuträger sein können. Ich habe einfach für möglich gehalten, dass der oder die Andere mit falschen Karten spielt. Bei ihm habe ich es nicht für möglich gehalten.

Langer Spaziergang am Wasser entlang.

Es wird leicht und schwer, leicht und schwer. Schwer in der Thematik der Wochenkrippe und des Wochenheimes.

Man hat den Müttern erzählt, es sei ohnehin besser, wenn die Gesellschaft das Kind erzieht unter professionellen Bedingungen. Sozialistischer Staatsbürger ab der 1.Stunde. Studien die in der CSSR zur Schließung der Wochenheime führten, wurden in der DDR unterschlagen.

Sina gab mir diesen Tipp: https://kpm.med.uni-rostock.de/fileadmin/Kliniken/znkpm/Flyer_Wochenkrippe.pdf

Leicht wurde es bei der Frage wie das Leben zu leben sei.

„Ich will das künftige Leben leben, da soll es Kekse, Marmelade, Schokolade geben, und das man immer auf dem Feld an Bäumen vorbei spazieren kann. Ich will gewöhnlich leben mit Glück“ lässt Platonow in “ Die glückliche Moskwa“ seine Protagonistin sagen.

Komm nach Berlin sagt Sina, im Winter, wenn das Wetter einen runter zieht. Wir tanzen uns durch die Clubs. Ich geh nicht in Clubs sage ich, nie, ich fühle mich zu alt dafür.

Nicht in Berlin, sagt sie, in Berlin ist das egal.

In der Nacht Ulysses gelesen. Was für ein Buch.

Sonntag mit Karla und ein Traum den alle mitträumen müssen, wird zur Diktatur

„Ich erinnere mich „, sagt sie, “ wie wir manchmal durch die Stadt gingen und die Leute gezählt haben. Die mit einem lebendigen Blick. Heute ertappe ich mich selbst manchmal dabei, wie ich im Alltagsfieber nicht mehr schaue.‘

Karla ist hier. Sie macht mit mir ein Zeitzeugeninterview. Eine Frage ist: bist du froh jetzt in diesem System leben zu können?

Naja, sage ich, man zählt hier als Konsument, erzogen wird auch, nur eben subtiler. Ich vermisse die Ideale.

Auf der anderen Seite: in der DDR hatte man den Traum von einer gerechteren Gesellschaft. Aber ein Traum den alle mitträumen müssen wird zur Diktatur. Der Satz ist von Hertha Müller glaube ich.

Später arbeitet Karla an den Hausaufgaben. Ich lese Ulysses. Eine ruhige intensive Arbeitstimmung über Stunden.

Sonntagsspaziergang mit Ulysses

Nach anfänglicher Abwehr hinaus in den Nieselregen. Spazierengehen als Pflichtveranstaltung ist wie  Djamila von Aitmatow als Schullektüre lesen zu müssen.

Mit Kopfhörern in den Ohren die mentale Versetzung zu Buck Mulligan und Deadalus. Eine unglaubliche Lektüre ein sehr gutes Hörbuch.

Lese den Text mit Anmerkungen bevor ich ihn auf dem Spaziergang noch einmal höre.

Gedanken zum Sonntag-zwischen Monolog und Dialog

…ist ein dialogisches Zeichen, weil es zu einem Dialog und einer Auseinandersetzung auffordert. In der Gegenwart befindet sich der jeder Mensch „in einem Panzer, dessen Aufgabe es ist, die Zeichen abzuwehren.“

Durch den echten Dialog überwindet der Mensch seine Einsamkeit und soziale Heimatlosigkeit …in dieser Dimension des Zwischen, die sich zwischen den Dialogpartnern aufspannt, wandelt sich und dort mündetet communicatio in communio“

Ein spannender Bücherfund.

„Darin verhalten sich die Menschen vermehrt so, als verdienten sie Aufmerksamkeit und setzen sich entsprechend in Szene Das sich freiwillige Sichtbarmachen-nicht nur in den globalen digitalen Strömen und Kommunikationsfäden……vermittelt ein Gefühl vom In der Welt sein und der Teilhabe an der Welt. Und das unfreiwillige, kontrollierende In-den Blick-geraten der Anderen folgt derselben impliziten Logik und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit, die wiederum nur jener erhält, der es wert ist, angeblickt zu werden. „

Nachtrag zum anderen Buch- Lesenotizen

“ Da es keinen festen, unveränderlichen Identitätskern gibt, ist es dem Projekt insoweit nicht möglich, einen solchen auszudrücken. Somit wird es zu einer Immobilie, einem Standpunkt, etwas Festem und äußerlichen, das sich gegen Veränderung und den Fortschritt stellt. Es ist konservativ, weil es etwas konservieren will.“