Samstag mit Rückblick auf 22

Gestartet von hier:

Umbruch

Gelandet Juni 22

Für mich war das das Musikvideo des Jahres. Gefunden über https://www.instagram.com/howtowaitforalongtime/

Januar 22 Corona. Ich las: Atlas shrugged Ayn Rand, Der fremde Deutsche Thomas Podhostnik, H.G. WElls Krieg der Welten, Dante

März: Besuch in Halle-Neustadt

Lese Peer Pasternack: Halle-Neustadt, kein Streitfall mehr.

Im Juni schickte mir Alexander Carmele dieses mutmachende Video

Juli22:

Urlaub in Wusterwitz Brandenburg: Lese: Malina v. Ingeborg Bachmann

September: Kündigung nach fünfundzwanzig Jahren Berufstätigkeit im Kindergarten

Beginne Ulysses von James Joyce zu lesen.

Oktober: Der Nebenjob wird zum Hauptberuf.

Besuch in Berlin bei Sina.

Mein Dank gilt insesondere Alexander Carmele für den Austausch im vergangenen Jahr, das Teilhabenlassen an den Lektüren, die Inspiration. Eine sehr besondere Stimme in der Buchbloggerwelt, so empfinde ich es.

Und mein Dank gilt B. für die Hilfe beim Finden der neuen Weide.

Freitag mit letzter Kurve im alten Jahr

Lese Jack London, begann nachdem ich diese Dokumentation über ihn gesehen hatte. Ein elektrisierendes Leseerlebnis.

Lese auch Daniel Schreiber: „Doch könnte es nicht sein, dass ich nach diesem Leben allein gesucht hatte? Oder wenigstens ein Teil von mir, ein Teil den ich nicht gerne anschaue?

Jener Teil , der Angst vor den Verletzungen hatte, die mit Beziehungen unweigerlich einhergehen….Jener Teil also, der nicht viele Menschen nah an sich heranließ. Vielleicht lebe ich allein, weil ich allein leben wollte.“ Daniel Schreiber „Allein“

Ich schiebe das Buch beiseite.

Die Krähen haben den Baum vor meinem Schlafzimmerfenster als Schlafbaum erkoren. Ich gehe zu Bett, wenn sie sich dort sammeln und wache auf , wenn sie aufbrechen. Manchmal, ich rauche nur noch sehr selten, versetze ich sie in Panik. Dann wenn ich auf das Fensterbrett klettere und den Rauch in die Winternacht entlasse. Sie haben noch immer nicht gelernt, dass keine Gefahr von mir ausgeht.

Was für ein Jahr: Das empty nest syndrom erwischte mich mit voller Härte. Wenn ich etwas wirklich vermisse, so sind es die Kinder.

Im Juli bezog ich die kleine Wohnung. Sie ist schlicht, voller Pflanzen und schön. Im Oktober wechselte ich den Arbeitsplatz.

Nach fünfundzwanzig Jahren Arbeit im Kindergarten.

Das Jahr im größeren Zusammenhang gesehen war brutal: Der Krieg gegen die Ukraine, die brutale Niederschlagung der Revolution im Iran, die Verbannung der Frauen von der Universität in Afghanistan.

Die Erde hat Fieber. Wer kaufen kann kauft trotzdem. Nach mir die Sintflut.

Was Mut macht: die Generation, die versucht gegenzuhalten zu verändern.

Ich lese noch immer in der Ästhetik und manchmal auch in Ulysses. Aber das 15. Kapitel ist nicht zum Aushalten.

Donnerstag mit Man trägt Kater

Heute traf ich den Nachbarn.

Geht ihr Gassi?, fragte ich.

Schnell zum Tabakladen, antwortet der Nachbar.

An der Schule darf er immer ein bisschen balancieren- der Kater, der Mister Whiskey heißt.

Aber meistens will er getragen werden.

Cooles Outfit, sage ich.

Ja ein chinesisches Neujahrskostüm.

Und dann erzählt der Nachbar von Fahrradtouren über Land mit Kater im Fahrradkorb oder Spaziergängen am Strand, Sand mag der Kater sagt er. Da läuft er.

Später lese ich die Ästhetik von Peter Weiss. Es ist als habe ich mich auf die Spuren meines Vaters begeben.

Danke Alexander Carmele. Dieses Buch erschließt mir ein Stück Vergangenheit.

So vieles beginne ich in einem anderen Licht zu sehen.

Auf dem Herd köchelt Suppe. Ich gab Sternanis, Zimt, Nelken hinzu, Chili und Lemon, Fischsauce und Rinderbrühe, frischen Koriander und Basilikum. Ein atemberaubender Duft von Ferne durchzieht die kleine Wohnung in der kleinen Straße.

Sonntag mit Jupitersinfonie

Aufgewacht nach durchfieberter Nacht. Der Mieter über mir hat manische nachtaktive Phasen.

Ich weiss nicht warum mir an diesem Morgen die Tage in dem kleinen Schweizer Ort einfielen.

Die Stille, die Intensität, der Wille zur Form. Jupitersinfonie.

Werden.

Vier Kerzen brennen.

Wunsch nach Verdichtung, etwas in Form bringen.

Kirchenglocken rufen zur Einkehr. Schnee schmilzt, Mozart

Euch allen einen besinnlichen 4. Advent

Ungebetene Gäste

Wir hatten damals in diesem langen Neubaublock gewohnt.

Es war der Tag des Polterabends.

Zwei Kolleginnen, die ich nicht so gern dabei haben wollte, hatten sich als Gäste angemeldet.

Ich hab dann zu ihm gesagt: wenn sie Kumpels sind, bleiben sie im Fahrstuhl stecken.

Und weißt du was dann passierte?

“ Nein“

Sie sind wirklich im Fahrstuhl stecken geblieben.

“ Wann war das?“

1969

„Er hat in der Gebäudewirtschaft gearbeitet oder ?“

Ich lache Tränen.

Keine Unterstellungen. Bitte.

Der Nachmittag verfliegt im Telefonat über die Vergangenheit.

Das war schon ein Typ dein Vater.