Proust lesen Tag 64-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec-Albertine

Proust:

„Da es sich nicht um Damen handelt, sondern um „Dirnen aus dem Volk“, kündigt sich hier die Herrschaft eines neuen Menschentypus an, für den die aristokratische oder intellektuelle Welt zwar Verachtung zeigen kann, von dem sie aber hinweggefegt oder ignoriert wird, was dasselbe ist. Die Unterschichtsgrazien sind nicht mehr nur Anhängsel der Reichen oder solcher Leute wie Bloch, sondern souveräne Herrscherinnen.“ (Jochen Schmidt, Schmidt liest Proust).

Ein Schönheitsfleck auf dem Gesicht Albertines, der mal hier und da auftaucht. Für Marcel ist Albertine eine „radfahrende Bachantin“, „orgiastische Muse des Golfspiels“, die immer wieder auf neue Weise wirkt. Heute ein geröteter Fleck auf ihrer Schläfe, den Marcel als nicht besonders schön empfindet, eine unvermutete Schüchternheit, „eher befangen als erbarmungslos.“

Die Albertine vom Strand gibt es nicht, sie ist frei erfunden, ihr versprach er ihre Liebe. Nun fühlt sich der junge Mann verpflichtet, das Versprechen aufrecht zu erhalten, nun aber eben mit dem stellvertretenden Teil der wirklichen Albertine. Naja, und immerhin gibt es einen Ausweg. Wenn schon nicht Albertine seinen Vorstellungen entspricht, dann könnte er doch den Rest der kleinen Schar etwas näher kennenlernen.

Und die kleine Schar, in anderen Übersetzungen die kleine Bande, muss es in sich haben. Wohlerzogene Mädchen dürfen sich im Kasino nicht aufhalten, weil sie womöglich sich dort von „braungebrannten Jungfrauen“ unangemessene Verhaltensweisen abschauen könnten.

Kiel:

Hitze.

dav

Den Tag mehrheitlich mit Proust verbracht. Die Begleitlektüre von J.S. Tomas eröffnet neue Räume.

Abends mit Sina beim Bootshafensommer gewesen.

2 Gedanken zu “Proust lesen Tag 64-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec-Albertine

  1. „Ist es wirklich so, dass wenn man an dem Platz an dem man ist nicht glücklich ist, man nirgendwo glücklich wird. “ – Hm, ich vermute, dass es im Großen Ganzen stimmt, denn „Glücklichsein“ ist ein inneres Vermögen, ein geradezu angeborenes Temperament. Ein „Melancholiker“ ist nicht glücklich, nirgendwo, ein „Sanguiniker“ findet sich überall zurecht. Aber natürlich kann ein Ort mehr oder weniger passend sein für dieses „Temperament“, das sich arg bedrückt fühlen oder voll entfalten kann, je nach Umständen. Der ständige Ortswechsel beim Reisen gebiert bei vielen Menschen Glücksmomente schon deshalb, weil man mit äußeren Eindrücken geflutet wird und sie nicht in sich selbst erzeugen muss. Für andere ist es hingegen eine Qual, weil sie nichts vertiefen können und erst in der Vertiefung so etwas wie Glück empfinden. Außer einer Frage des Grund-Temperaments ist es wohl auch eine Altersfrage.