Dritter Samstag im Februar mit agnostischen und dualistischen Fragestellungen und Regen

„Gatte?“, was bedeutet agnostisch? Ich sitze im Lesesessel mit Blick auf die Kohlmeisen, die auch bei Regen schwer beschäftigt sind.

Die Tochter hätte ihn das am Vorabend auch schon gefragt. Bevor er mehr dazu sagen kann springt Anna ein. “ Bedeutet Ablehnung von Gott oder Behauptung von dessen Nichtexistenz. „

Die Amsel holt sich die Mehlwürmer. „Kann nicht sein“, sage ich, „dann wäre atheistisch und agnostisch dasselbe.“ Anna löst die Frage mit Hilfe von Wikipedia, nur um kurze Zeit später zum dualistischen Weltbild überzugehen. „Irgendwas mit Himmel und Hölle“, ich versuche möglichst intelligent auszusehen, was mir vor der neunten Stunde an einem Samstag noch schwerer gelingt als sonst.

„Was wünschst du dir denn zum Achtzehnten, Anna?“ Konsum lenkt ab. Ich will mein mangelndes Wissen nicht weiter zur Schau stellen.

„Ein Motorrad „, sagt sie, während sie die Geschirrspülmachine ausräumt.

Bei dieser Art der Freiwilligkeit, lässt sich vermuten, dass sie Taschengeld braucht.

„Ein Motorrad. Machst du Witze? Vielleicht die Rückspiegel und den Tank oder so.“

„Wie war es bei Greta?“

„Sie hat nur die Abschlussrede gehalten, da mussten wir schon wieder los um agnostischen und dualistischen Fragestellungen nachzugehen, wie du weißt.

Der Wind faucht ums Haus.

Ich hätte gern etwas zu Hanau geschrieben. Aber dieser Irrsinn macht mich fassungslos.

13 Gedanken zu “Dritter Samstag im Februar mit agnostischen und dualistischen Fragestellungen und Regen

  1. Da ich in unmittelbarer Nähe zum Tatort wohne und auf diesem Platz mein türkischer Metzger und Obsthändler sein Geschäft hat, der aber zum Glück nicht dort wohnt, hat mich heute Morgen sein sympathischer Sohn, ca.19 Jahre alt, der an der Kasse mit aushilft, erschüttert. Die Gesichtszüge versteinert, so ernst, wie ich ihn noch nie erlebt habe, wir machen sonst immer Spässe miteinander, und auf meine vorsichtige Frage, ob er Freunde unter den Toten hatte, erzählte er mir,er hätte sie alle gut gekannt. Ich habe ihm wortlos über den Arm,die Hand gestreichelt. Wer hilft ihm, mit dem Geschehen umzugehen.
    Die Radikalisierung in unserer Gesellschaft ist erschreckend, aber wir alle müssen dem mit Vernunft begegnen. Ich kann diese Betroffenheitsparolen so mancher Politiker nicht mehr hören.
    Der Irrsinn ist leider nicht nur in Hanau zu Hause.

    • Was für ein Wahnsinn. Es ist mutig das anzusprechen. Ich weiß nicht ob ich dazu in der Lage gewesen wäre. Die Betroffenheitsparolen finde ich auch zum in die Tonne treten, weil sie nichts aber auch gar nichts ändern. Aber was würde etwas ändern?

      • Gegenseitiger Respekt vor dem Anders sein und dieses zu hinterfragen, um es zu verstehen.
        Miteinander sprechen und auch darauf hinzuweisen, was eine andere Kultur leisten kann und was eben nicht. In der Weststadt wohnte in den 65er Jahren als sie entstand ,schon immer ein buntes Völkchen: Italiener, Spanier, viele Polen, später Weissrussen, Türken und Schwarzafrikaner und viele Deutsche und immer noch werden die Neuankömmlinge oft ausgegrenzt, von den alten Migranten, die ja alle inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Aber seit vielen Jahren, ich wohne jetzt 20 Jahre hier, ist die Kriminalitätsrate hier im Viertel stark zurückgegangen, wir fühlten uns sicher und deswegen war es für alle ein doppelter Schock.

  2. Agnostisch – du weißt es ja wohl inzwischen, und Anna auch -, bedeutet: ich weiß es nicht, und es kümmert mich nicht, ob es Gott und den Teufel gibt.
    Nur der erste Teil der Definition passt für mein Verhältnis zu dem, was in Hanau passiert ist. ich weiß es nicht. Und ich finde es grundfalsch, es trotz Unwissen als „rassistisch“ zu bezeichnen. Denn damit würde ich unterstellen, dass es einen rassischen Unterschied zwischen Türken, Kurden, Deutschen, Rumänen, Amerikanern… gibt. Selbst wenn es in der Wahrnehmung des Täters so einen Unterschied gegen sollte – es gibt ihn nicht. Darf ich dem jungen Türken im Metzgergeschäft seine Trauer um seine Freunde und Bekannten verfälschen, indem ich sie in einen politischen Kontext stelle, der für ihn womöglich, hoffentlich, gar nicht existiert? Es wäre, als würde man zu ihm sagen: du brauchst nur um die eine Hälfte zu trauern, die anderen waren Kurden, da wirst du nicht weinen. Oder,sofern er selbst Kurde ist: die Türken – macht nichts, ist ihnen zu Recht passiert. Was für ein Abgrund von Blödsinn und Unmenschllichkeit!
    Die Frage ist doch, wie einer überhaupt dazu kommt, sich zu bewaffnen und ihm unbekannte Menschen umzubringen. Wären da nun auch Deutsche drunter gewesen, hätten die Schlauberger gesagt: „die meisten mit Migrationshintergrund“. Schon dies Wort ist zum Kotzen, denn es teilt willkürlich eine Besuchergruppe in einer Bar auf in sone und solche. Was soll das? Es ist dieselbe Denke, die dann auch umgekehrt wirkt: „ein deutscher Täter“, ha, Gottseidank, diesmal war es kein „Asylbewerber“ (auch so ein Unwort)!
    Dem Dualismus (wir und die anderen, Gott und die Hölle, „Deutsche“ und „Menschen mit Migrationshintergrund“) ziehe ich allemal den Agnostizismus vor: ich weiß es nicht. Ich kann die Persönlichkeit des Täters gar nicht beurteilen. Hatte er Motive oder reine Wahnideen? Wollte er seine Mutter umbringen und traute sich nicht? Und brachte, um sich Mut zu machen, erst mal ein paar andere Menschen um? Woher soll ich das wissen?
    Dass er sich Menschen aussuchte (wenn er sie aussuchte), die in der öffentlichen Debatte von rechts bis links als „die anderen“ hingestellt werden, war dann wohl leichter. Denn auch er war ein „anderer“.

    • Ich seh das anders Gerda, möchte mich aber nicht in Diskussionen verstricken, dafür habe ich die sprachlichen und intellektuellen Vorraussetzungen auch nicht um mit dir mithalten zu können oder dem etwas entgegen zu setzen.

  3. Eine meiner letzten Geschäftsreisen führte mich vor 10 Jahren nach Winnenden. Der Tag ist mir noch im Gedächtnis. Da gab es keine Fragen nach politischen Motiven. Krank ist einfach krank. Unvorstellbar, aber wahr. Als Amokläufer wurden beide nicht geboren..

      • Und genau darauf kommt es ja an. Wir neigen allzu oft zu einer 360 Grad Wende. Weniger wäre manchmal mehr und würde auch eher akzeptiert. Mit gegebenen Möglichkeiten das Höchstmögliche zu erreichen ist völlig legal und akzeptabel. „Mit dem Kopf durch die Wand“ – das konnte ich noch nicht einmal als Kind. Auch wenn ich es natürlich versucht habe. Ich ärgere mich am meisten über die Leute, die den Jugendlichen einreden, alles wäre kompromisslos möglich. Aber beim Gasgeben mit dem Bike denkt man dann auch nicht bei jedem km an CO2 ☺️☺️Auch eigene Er“fahrung“..☺️

  4. Damit du nächstes Mal glänzen kannst, hier eine linguistische Erklärung zu den Begriffen. Beide Wörter kommen aus dem Griechischen. γνῶσις bedeutet Wissen und wie man es aus anderen Wörtern greichsichen Ursprungs kennt, macht das Präfic „a“ eine Negation daraus, sodass ἀγνῶσις schlichtweg „nicht wissen“ bedeutet. Es gibt sehr viele Varianten des Agnostizismus, wobei alle gemeinsam haben, dass sie sagen, dass man nicht wissen kann, ob das jeweils postulierte auch wirklich stimmt. Agnostische Theisten glauben, dass es einen Gott gibt, aber sie gestehen sich ein, dass sie nicht wissen, ob sie damit Recht haben und da man es nicht wissen kann, haben sie nicht den anspruch, jemanden zu ihren annahmen zu bekehren. Linguistisch betrachtet ist das Wort Atheismus genauso aufgebaut, θεός bedeutet Gott und das Präfix ‚a‘ verneint dies, also ist ἄθεος „nicht-gott“ oder schlcihtweg „gottlos“. Diese Menschen nehmen an Gründe gefunden zu haben, warum Gott nicht existiert und sehen es mit unter als schlüssig bewiesen an, sodass eineige Atheisten auch hier eine de facto Missionierung zu einer Welt ohne Glaube an Gott arbeiten.