Mittwoch mit „We shall overcome“

Manchmal steigen Lieder auf. Solche wie „Little Boxes“ von Pete Seeger , „We shall overcome“ oder“ Grandola vila morena“. (Nelkenrevolution)

Sie rufen mir zu, aus der Kindheit. Tragen rote Nelken im Knopfloch, sind in Feststimmung. Fahnen in den Fenstern, Männer nach den Maifeierlichkeiten an den Tischen der Außengastronomie.

„Wann kommt Mutti wieder?“

Berlin, sagt er, ich wisse doch dass das weit sei. Das Studium….wichtig.

Ich darf Faßbrause haben. Die Sonne scheint, von irgendwo her klingt „Guantanamera“.

Melancholie. Ich bin fünf -etwa. Ich hab das Lied nicht hinbekommen. „We shall overcome“. Vor dem riesigen schwarzen Raumteiler mit all den Büchern steht er und sagt frustriert: Nein so geht es nicht. Es heißt come nicht Kamm!“

Er hasst sprachliche Unsauberkeiten egal wo.

Jetzt sind wir mitten in den Maifeierlichkeiten. Ich sitze auf der Schulter meines Vaters. Ein russischer Soldat drückt mir einen übergroßen Teddybären in den Arm. Es ist der letzte 1. Mai mit meinem Vater, es ist der letzte Frühling zu Hause.

Von irgendwoher schallt „Grandola vila morena.“

5 thoughts on “Mittwoch mit „We shall overcome“

      1. Ich beziehe mich auf den Text, den ich in so einer Stimmung gerne mitsinge. Der ist recht poetisch und beschreibt eine brüderliche Welt „terra da fraternidade“, wie es sie im Realkommunismus und auch sonst nirgends jemals gegeben hat. Im Schatten eines alten Olivenbaums kommen alle zusammen. Das reale Portugal hat davon praktisch nichts. Nachdem ich eine emotionale Beziehung zu Portugal habe …

      2. Ach danke für die Erläuterung. Mein Vater hat es früher immer gehört. War sehr mit Sehnsucht behaftet. Und manchmal, an Tagen wie diesen, da taucht es plötzlich wieder auf.

      3. Das verstehe ich gut. Grandola war das Lied, das im Radio gespielt, der Code für den Beginn der Nelkenrevolution war. Eine Revolution, die von Teilen des Militärs ausging und das autoritäre portugiesische Regime und die blutigen Kolonialkriege beenden sollte, die bis in die 1970er Jahre hinein dauerten. Da steckt extrem viel Emotion drin …