Samstag mit Fabrikarbeiterin und Espedal

Espedal.

Wenn Espedal von seiner Zeit als Fabrikarbeiter erzählt, habe ich sofort den Geruch des geschmolzenen Plastiks in der Nase, die Helligkeit der Neonlampen, die zornige Rotation des Textilklumpens. Schnell sein, bevor die Maschine abgestellt werden muss, beherzt mit dem Spatel in die laufende Maschine greifen. Auch Espedal ist sechzehn. Ich liebe die Arbeit in dieser Fabrik. Die neue Stadt für neue Menschen- Vergangenheit. Dieser Ort nahe der polnischen Grenze ist das erste eigene.

Materialausfälle, Leerlaufzeiten in denen ich im Putzwollcontainer sitze und Ostrowski lese oder spanisch lerne.

Die Idylle ist vorbei als ich am Ende der Kandidatenschulung schriftlich verfassen soll warum ich nicht Mitglied werde. Ein Nein zur SED , nicht zornig eher desillusioniert. Das Gefühl von Verrat am Ideal. Der Weg ist hier zu Ende. Das ist deutlich zu spüren. Ich bin etwas über 17 und Budapest als Ausweg erscheint am Horizont. Ich kann es noch nicht sehen, aber spürbar ist es.

Ich verlasse den Freund. Ich verlasse die Stadt. Ich suche mir einen Ort um Klarheit zu finden. Es wird Bautzen. Eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Viel besitze ich nicht. Das wenige was dann doch da ist gebe ich weg. Das Zimmer ist leer bis auf ein Tagebuch, als ich mit lächerlich wenig Geld aufbreche. Die Dokumente im Briefumschlag bringe ich zu J. nach Berlin.

Wir trinken Wein am Prenzlauer Berg und sprechen über irgendetwas um nicht über das reden zu müssen was nicht gesagt werden kann. Ich weiß bis heute nicht ob J. etwas wusste. Es war nicht wichtig, wichtig war, dass er mir die Dokumente nachschickte. Nach Budapest war die neue Adresse Heidelberg Innenstadt. Ein winziges Zimmer ohne Toilette mit Waschbecken.

Die Geschichte wiederholt sich. Das Nein der Jugend zu einer Institution, die Desillusionierung, das Leben auf knappen Raum.

Espedal behauptet er sei immer noch derselbe auch nach all den Jahren mit verschiedensten Rollen, der des Familienvaters zum Beispiel. Ja, denke ich und Nein. Die Grundsubstanz bleibt gleich und gegen Ende wird sie sichtbar. Ist wie von Schlacke befreit.

Regen auf dem Wohnwagendacht, eine Amsel singt, so wie jeden Morgen.