Dienstag mit Bräunig- Erinnerung

Nie habe ich dich weinen sehen, bis jetzt.

Ich stehe in deinem Elfenbeinturm, einer Sozialwohnung am Rande von Mannheim. Du sitzt im Sessel, das Bein mit den Granatsplittern hochgelagert.

Der Unterschenkel ist am Schienenbein schwarz verfärbt. Mit einem Blindgänger hast du gespielt, dein Freund starb, so erzähltest du es

“ Sie haben Bräunig verlegt“ , sage ich. “ Rummelplatz“ hat doch noch das Licht der Welt erblickt. Nach so vielen Jahren. Du weinst.

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/wismut-braeunig-roman-rummelplatz-ddr100.html

Bräunig ist auch ein Schatten.

Block 456/5 2. Stock: neue Stadt für neue Menschen.

Ich erinnere mich im Drehsessel gesessen zu haben. Dieselben Kissen wie in „Nahschuss“, derselbe Sessel. Ich bin fünf , es ist das mutterlose Jahr. In meiner Erinnerung bin ich immer fünf. Als gäbe es nur dieses eine Jahr.

Bräunig ein Schatten in grau lehnt am Türrahmen.

“ Ich mochte den nie“ hatte A gesagt, der war mir zu melancholisch. Bräunig war sein Schreiben über die Wismut zum Verhängnis geworden.

Es erfolgte öffentliche Demontage, nicht linientreu genug. Bräunig starb früh. Alkohol.

“ Soll ich es dir bestellen?“

Du nickst. Kein Wort mehr. „Ich bin müde sagst du. „

Ich verlasse die Wohnung .