„Keineswegs mehr aus dem Bereich des Denkbaren fällt“- Notizen zu Dr. Faustus- Thomas Mann

„und er weiß, dass man die Menge nur als “ Volk“ anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig- Bösen verleiten will…

Und daß Nachbarn vom Kleinen Gelbgießer- Gang die am Wahltage einen sozialdemokratischen Stimmzettel abgaben, gleichzeitig imstande waren, in der Armut eines Mütterchen s, das sich keine oberirdische Wohnung leisten konnte, etwas Dämonischen zu sehen…

Müßte ein solches Weib wieder brennen, wie es bei leichten Veränderungen in der Begründung heute keineswegs mehr aus dem Bereich des Denkbaren fällt, sie würden hinter den vom Magistrat errichteten Schranken stehen und gaffen, wahrscheinlich aber nicht revoltieren.

Ich spreche vom Volke, aber die altertümlich- volkstümliche Schicht gibt es in uns allen..

Ich halte die Religion nicht für das adäquate Mittel, sie unter sicherem Verschluß zu halten. Dazu hilft nach meiner Meinung allein die Literatur, die humanistische Wissenschaft, das Ideal des freien schönen Menschen.“

Zitat aus: Dr. Faustus / Thomas Mann/Band1/S. 60

7 Gedanken zu “„Keineswegs mehr aus dem Bereich des Denkbaren fällt“- Notizen zu Dr. Faustus- Thomas Mann

  1. Erschreckend ist ja, dass scheinbar vieles nur ein wenig hilft, und all dies nicht wirklich überwunden werden kann. Vielleicht hilft neben der Literatur nur die direkte Begegnung, zuhören und viel Geduld. Ich weiß es nicht. Ich fürchte nur wir sind noch immer sehr weit entfernt vom Ideal des freien schönen Menschen.

    • Da pflichte ich dir bei, und die Frage ist ob es überhaupt zu erreichen ist. Es scheint ein unveränderbarer Bodensatz an Vorurteilen, Schuldzuweisungen und der Möglichkeit zum Barbarischen im Menschen immer latent anwesend zu sein.
      Warum? Ist eine Frage die ich mir oft stelle

      • Ich habe vor etwa einem halben Jahr ein Seminar über Antisemitismus vor 1933 besucht. Da ist mir zum ersten Mal wirklich klar geworden wie lange es Antisemitismus schon gibt, wie weit er zurückreicht. Aber auch an anderen Fronten kann man sehen, wie dicht das Barbarische, was sich ja letztlich oft an irgendeinem Feindbild festmacht, im Menschen beheimatet ist. Wenn es einen Gott gäbe, dann hätte er an dieser Stelle einen monströsen Fehler eingebaut. Die Möglichkeit zum Schönen und Freien müsste doch auch gegeben sein können ohne diesen nicht zu verstehenden dunklen Bodensatz.

      • Ja, diese Frage stelle ich mir auch immer wieder. Und ich glaube, die Antwort ist Angst. Immer dann wenn die Angst stärker wird als die Fähigkeit zu lieben, gedeiht dieser Bodensatz.

    • Zur Aktualität: Ofarim soll seine Kette mit dem Davidstern ablegen um in ein Leipziger Hotel einchecken zu können. Niemand erhebt Einspruch…
      Literatur verliert zunehmend an Bedeutung, so ist meine Wahrnehmung. Ich denke oft an meine Kindheit und Jugend zurück in der die Menschen meist über ein Buch gebeugt im Bus oder Zug oder irgendwo. Anders saßen. Die DDR war ein Leseland. Die Zeit ist so wahnsinnig schnell geworden, Zerstreuung, leicht konsumierbare Ablenkung. Ich nehme mich da gar nicht aus. Ich sehe kein Netflix hänge aber viel zu oft am Handy und das Lesen ist verlernbar. Ich weiss nicht ob Thomas Mann hier Recht hat. Literatur ist wichtig , ja, aber es gibt ja jede Menge anderer Faktoren. Reisen zum Beispiel. Mir zum Beispiel hat der Urlaub in Leipzig ( Plagwitz) in diesem Sommer eine Kehrtwende im Denken beschert. Einen offenen Blick , ein Gefühl dafür, wie wohltuend es sein kann aus seiner Filterblase herauszutreten und zu sehen wie gut dieses Nebeneinander funktioniert, egal wer man ist woher man kommt
      Musik, Malerei, Gespräche, Austausch, all das zählt.
      Und die Aktualität des Dr. Faustus ist atemberaubend.