Immer noch Donnerstag mit Albertine und Szenen einer Ehe-Proust lesen Tag 161

Als würde man sich in dieser genialen Neuverfilmung von Ingmar Bergmanns „Szenen einer Ehe bewegen.“ Vorausgesetzt man liest „Die Gefangene“

Zwei Menschen unter einem Dach, unfähig zueinander zu finden oder auseinanderzugehen, machen sich das Leben zur Hölle. Albertine wird überwacht, verweigert aber, sich vollständig aufzugeben. In den zwanzig Seiten heute , ist die Trennung vorweg genommen. Ein Täuschungsmanöver Marcels um Albertine klein zu halten, leiden zu sehen. Sie leidet. Und mit dem Leid ebnet sich der Weg zum nächsten Band „Die Flüchtige.“

Man ahnt: das geht nicht mehr lange gut. Marcel kann Albertine nur lieben, wenn er sie schlafend vorfindet. Vielleicht, weil in der Betrachtung jede Verstellung verschwindet und auch die Schlafende jetzt einfach- ist.

Jeder Schlaf und jedes Aufwachen leiten ein neues Kapitel ein oder weisen darauf hin. Marcel vergleicht in diesem heutigen Absatz Albertines Bett mit einem offenen Grab. Nicht nur die Trennung bahnt sich an, auch ihr Tod.

Und sonst?: Hätte gern eine Francoise. Nach der Arbeit eingekauft, vorgekocht, Wäsche gewaschen. Seit Covid benötige ich einen Mittagschlaf. Mein Geruchssinn hat eklatant gelitten. Bisher war dieser essentiell bei meinem Tun. Nun muss es ohne gehen.

Dauerregen, lichtlos, trotzdem am Morgen frühlingshaft. Rabenvögel verließen Schlafbäume, um dem Tagesgeschäft in der Mülldeponie nachzugehen. Technische Krähenrufe dringen aus Lautsprechern. Sie sind zu schlau für solch Täuschungsmanöver.

Ich stehe früh auf, gehe früh zu Bett. Der Nachtmensch in mir trauert. Ich kann diesen frühen Morgenden dennoch etwas abgewinnen.

19 Gedanken zu “Immer noch Donnerstag mit Albertine und Szenen einer Ehe-Proust lesen Tag 161

  1. Ich las Proust vor zwanzig Jahren, auf einer Irlandreise (etwas unpassend). Mir sind so viele Stellen im Gedächtnis, auch der, wie Marcel Albertine im Schlaf beobachtet. Diese Stellen sind von so unfassbarer Detailliertheit und Trauer, es einfach nicht zu vermögen, über den eigenen Schatten zu springen, wie Swan, wie diese kleine Melodie, die kleinen Eskapaden, die doch nur dafür stehen, die Zeit stillzustellen, die Zeit nicht vergehen zu lassen, weil das Leben einfach so schön ist. Eine Essenz der Literatur, vielleicht eine von vielen, aber eine ganz sicher! Viele Grüße.

    • Bei Swann brauche ich noch Mal eine Auffrischung:) ich habe mit der Recherche begonnen als die Kinder noch relativ klein waren. Ein waghalsigen Unterfangen im turbulenten Alltag. Damals hielt ich es mit Bitterfelder Weg. Frei nach “ Greif zur Feder Kumpel. Ich las was im Text stAnd. Und ich erinnere deutlich meine Ungeduld mit diesem Swann der sich wahnhaft auf Odette fixiert hatte.
      Eine Zeitlang machte ich Pause. Ich glaube nachdem ich ein Proust Seminar besucht hatte und feststellte was mir alles so entging wenn ich auf der Oberfläche blieb. Ich erinnere das Jochen Schmidt (Schmidt liest Proust) diese Szenen der schlafenden Albertine akribisch auseinandernahm. Ja Traue es, Melancholie, Unvermögen, weil die Freiheit fehlt. Als würde der nicht gegebene Gutenachtkuss der Mutter traumatisch durch Swann und Marcels Leben irren.

    • Noch ein Nachtrag: Proust ist eine Leseerfahrung die ihresgleichen sucht. Da kann Ayn Rand nicht mithalten, lässt sich vermutlich auch schlecht vergleichen Da wo Proust so fein ziseliert, haut Rand mit dem Holzhammer drauf. Ich glaube aber, dass auch Marcel nicht liebt, ebenso wie Swann. Auch da geht es um Machtverhältnisse, Besitz, Obsession. Hab gerade bei Kertesz gelesen: wer nicht liebt hat es einfacher. Das wùrde dann für Dagny zutreffen. Und Swann ? Ist das liebe oder ist es sich verlieren- wollen?

  2. Der Atlas? Ich bin gerade bei der Stelle, als John Dagny zurück nach New York bringt … ich bin immer noch dankbar, es endlich bald gelesen zu haben. Die unlauteren Szenerien häufen sich. Mir wird langsam klar, dass es in Ayn Rands Welt keine Freundschaft und Liebe gegeben haben kann. Das, was sie beschreibt, hat nur mit Besitzanspruch, Unterwerfung und Besitzergreifung zu tun. Diese feine Melodie, die Verheißung, die Marcel Proust kennt, ist Ayn Rand fremd. Ich denke, sie hat ihre Mitmenschen zum Frühstück verspeist und am Mittag verflucht, dass sie so wenig gehaltvoll waren 😀

    • Ach den Anfang mit ihr und Rearden, den fand ich noch ganz gelungen. Nicht unbedingt dieses sich an seine starke Schulter lehnen, immer wieder kehrende Plattitüde, aber die Freiheit mit der sie ihm gegenübertrat fand ich beeindruckend. Unverbindlich und merkwürdig wurde es, als Rearden plötzlich von John Galt abgelöst wurde, weil er dann Mr. Right war. Das war plump, wenig differenziert, emotionslos, befremdend und wirklich schlecht gemacht. Beziehungslosigkeit die sie Freiheit nennt.

      • Ich bin ja noch nicht fertig, aber ich erwarte mir da nicht mehr viel. Diese John Galt – Dagny – Story hat nichts für mich. Ich fand die Geschichte zwischen Rearden und Dagny mitreißend, spannend. Ich werde vielleicht zwei Posts über „Atlas Shrugged“ schreiben, um verschiedene Seiten zu beleuchten. Ich sehe aber jetzt schon, dass das anstrengend wird, die Literatur vom politischen Abhub zu entklambüstern. Vielleicht wird es nicht gelingen. Die Rhetorik ist zum Teil teuflisch gut, oft jedoch grausam banal. Fountainhead werde ich nicht versuchen zu lesen, sondern dieses Tugendbuch noch durchforsten. Hoffe sehr, dass du bald wieder völlig genesen sein wirst. Bei manchen hat es zwei Monaten gedauert, bis der Geruchssinn wiederkam.

      • Ja teuflisch gut und grausam banal passt. John hatte sie einfach weglassen sollen, Franzisco auch, diese eine Rearden Geschichte etwas differenzierter am Ende das wäre das was ich mir gewünscht hätte.
        Hast du es beibehalten Hanna Arendt parallel zu lesen? Fountainhead war I in Prinzip.dasselbe in Grün

      • Nee, Hannah Arendt lese ich mit „Tugend des Egoismus“ zusammen. Arendt ist ja keine Romancière wie Rand 🙂 … mal sehen, die Bestseller-Listen sind ja etwas dröge momentan. Aber es ist ja nicht so, als gäbe es nicht unendlich viel Gutes zu lesen (Mora wartet noch).