Mittwoch: ausgesetzte Bücher

Nur noch eine Handvoll Bücher sind übrig. Die anderen fahren ICE, Paternoster, lassen sich im städtischen Krankenhaus restaurieren. Dostojewski ist im coolsten Cafe der Stadt ausgesetzt worden.

Das Zimmer wirkt merklich leerer.

Woran erinnert dich das?

An Großhennersdorf 89. Damals wusste nur niemand etwas.

Ich hatte alles verschenkt, nach und nach. Vorsichtig dosiert, damit niemand was bemerkte. Die Spinne war überall.

Das Bedürfnis einen leeren Raum zu hinterlassen.

Und dann?

Zug nach Berlin. Die Dokumente zu Jan gebracht. Wir saßen am Tresen einer Bar. Ich gab ihn den Umschlag.

Mit der Bitte: schick es mir bitte nach sobald ich ein neues Zuhause habe.

Ich war 19.

Niemand wusste von dem Vorhaben? Nein es hätte alles gefährdet.

Wie ging es weiter?

Zug nach Budapest.

Botschaft in Budapest. Überfüllt. „Sie kommen aus Deutschland? Ja.

Aus Ostdeutschland?

Ja.

Wollen sie dorthin zurück ?

Nein.

Taxi zum Zugligetlager.

Die ARD bat mich den Weg zum Eingangstor noch Mal zu gehen. Wegen der Kameraeinstellung.

Wanderrucksack auf dem Rücken. Mein Vater würde mich abends in der Tagesschau sehen.

Beweisbar?

Ja.

Sechs Wochen Streifzüge durch Budapest, zum ersten Mal mit D- Mark. Ich kaufte mir Sachen die vorher nicht erschwinglich waren. Kaffee, Langos, Eis

Der Unterschied zu heute?

Ich wäre in diesem Fall gern bis 2025 geblieben. Was zu mir gehört : die Kinder. Erst wenn sie das Nest verlassen haben, wollte ich gehen.

Abgesehen davon: Besitz beschwert mich, selbst Bücher. Das ist irritierend.

Welche Bücher bleiben?

Proust, Joyce.

Sünje Lewejohann, Frida Isberg, Wolfgang Schiffer, Marco Organo, Maxi Wander, Brigitte Reimann, Werner Bräunig.

Ich habe mich gegen Max Frisch entschieden. Ihn kann ich mir aus der Bibliothek holen.