Sonntage

Sonntage sind ungewöhnlich (für mich) seit ich in der kleinen Straße wohne. Sie sind anders als alle anderen Sonntage der letzten 21 Jahre.

Ich erwachte von Platzregen.

Die Straße liegt noch im Dunkel.

6.00 Uhr. Das Handy vermeldet die Annexion erneut. Arte schlägt mir eine Serie vor-ich schaue kurz rein Ich bleibe hängen. Mindestens eine Stunde.

Linn ruft an. Kommst du mit ans Meer? Ein andermal gern, bin gerade abgetaucht, lebe ausschließlich medial und in Büchern. Morgen kommt Besuch, muss noch vorbereiten.

Ich war gestern zum letzten Mal im polnischen Theater, sagt sie. Es schließt.

https://www.polnisches-theater-kiel.de/

Gimpel der Narr. Er wird sehr vermisst werden.

9.00 nächster Espresso, ich kommentiere etwas im Literaturclub zum Ulysses.

Wochenrückblick:

gehört und gesehen: Danke Sahar!

Gegessen: nichts Erwähnenswertes

Getrunken: mega leckeren Kaffee im Bakeliet

https://bakelietkaffee.com/

Getan: Pflichtspaziergänge Ratsdienergarten, Schlossgarten, Förde, Aquarium, alter botanischer Garten. Eine schöne Strecke und dabei Ulysses gehört. Sprachlich umwerfend komisch und grandios.

Unglaublich viel telefoniert. Danke Saskia:)

Gelesen: Ein Buch dessen Titel ich nicht nennen will, weiterhin Amy Liptrot The instant, James Joyce Ulysses

Besuch gehabt den ich Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Gebloggt – viel gebloggt. In acht Tagen ist die vierwöchige Pause vorbei und ich starte wieder ins Arbeitsleben.

Samstag : das halbe Leben steht unter der heimlichen Frage: erfüllt es sich oder erfüllt es sich nicht

Saskia ich hab einen sozialen Overload, sage ich am Telefon. Es ist fast Mitternacht. Wir telefonieren seit zwei Stunden.

Das Wochenende werde ich mich mit Büchern einigeln. Bis zum dritten Oktober – ich habe zum gesamtdeutschen Frühstück eingeladen.

Zumindest einkaufen gehen sollte ich noch.

“ Ich hab übrigens gesehen, dass du die Klippen von Rackwick als Profilbild hast. Danke für den Liptrot Tipp. Was für ein Buch. Wir müssen das mit Orkney echt machen. Hast du the Instant auch gelesen?“

Bin dabei. Im Moment habe ich dieses Buch am Wickel was mich eiskalt erwischte. Ich wollte Andere erkennen und bekomme unerwartet mein Spiegelbild zurückgeworfen.Faszinierend, wenn man sich zu kennen glaubte.

Offensichtlich gibt es partiell blinde Flecken.

Ich hätte Lust auf einen Literaturkreis oder Philo aber in dieser Stadt ist gähnende Leere. Kann an einem Kunstprojekt in Berlin zum Thema DDR Vergangenheit teilnehmen.

Soll ich dir the instant schicken ? Dann lese ich es heute und morgen parallel zu Ende.

Übrigens muss es einen guten Roman über Beauvoir und Sartre geben. Die Schamanin erzählte davon.

„Weißt du sagt Saskia war es nicht Frisch der schrieb, das ganze Leben steht unter der Frage: erfüllt es sich oder erfüllt es sich nicht.“

Aber was bedeutet es, dass es sich erfüllt, du hast Kinder, dein Leben hat in sich einen Sinn.

Vielleicht enthebt es einen zwanzig Jahre lang von der Sinnfrage, aber kaum ist die Nestflucht da, steht Frau wieder auf Feld 1 und du hast nun in der Konfrontation mit dir selbst zwanzig Jahre mehr Übung als ich. Und damit die Nase vorn.

Warte hier ist das Zitat:

“ Das halbe Leben steht unter der heimlichen Frage: Erfüllt es sich oder erfüllt es sich nicht. Mindestens die Frage ist uns auf die Stirne gebrannt, und man wird ein Orakel nicht los, bis man es zur Erfüllung bringt“

Max Frisch) Du sollst dir kein Bildnis machen.

„Ja aber wie? fragt Saskia. Frisch hat etwas hinterlassen. Literatur, aber ich arbeite am Computer. Ich werde nichts hinterlassen.

Vielleicht muss es gar keinen Sinn ergeben. Vielleicht muss sich nichts erfüllen. Man ist da und arbeitet mit der Materie die man zur Verfügung – die innere Materie. Vielleicht muss man nichts hinterlassen.

Freitag mit Aus den Fugen

Annexion der Ukraine. Ich wache auf mit aufploppenden Eilnachrichten und M.s Stimme im Kopf: Die Atombomben kommen erst in zwei Monaten, aber man hat jetzt schon Angst. Ein sarkastischer Scherz über die Vermarktung der Angst. Die Welt-aus den Fugen.

Lese in einem Buch, bis tief in die Nacht, es nimmt mich gefangen, der Impuls dich zu verstehen, unerwartet finde ich auch mich: Aber das bin ja ich. Manchmal.

Der tiefe Wunsch zu bewahren.

Es regnet noch immer. Überlegung ausschließlich Freitags zu bloggen.

Es braucht Zeit um Dialog im Blog möglich zu machen.

Nachricht von Ina: nein das war nicht Hamburg mit Sascha Merlin, das war Lübeck und wir haben mit denen noch zusammen gesessen. Ich erinnere mich nicht.

In der CAU findet heute der Science day statt.

https://www.uni-kiel.de/de/detailansicht/news/festival-der-wissenschaft-science-day

Dienstag mit Metallica, Kurzhaarschnitt und Plakette

Der Nachbar auf der gegenüberliegenden Seite, der der immer aus dem Fenster sieht, hat seine Langhaarmähne einem gepflegten Kurzhaarschnitt geopfert.

Es regnet dauerhaft. Ich schließe das Fenster. In der Küche lasse ich Kokosöl in einer Pfanne schmelzen. Birdy singt People.

Zwiebeln, Karotten, Cashewnüsse. Metallica singt Nothing else matters. Zuchini, Tomaten, Kräuter während Leonard Cohen sein Halleluja betet.

Karla hat sich angemeldet, Eilisa kommt zum Frühstück. Und eine Frauenrunde aus dem Vorort wird ebenfalls erwartet. Die Woche ist unerwartet sozial.

Italiens Wahlergebnis ist ein Desaster.

Ich laufe zur Zulassungsbehörde um dem Auto die lang ersehnte Parkplakette zu verschaffen.

Jetzt bin ich müde.

Montag mit Sina, Bakeliet und einer Kindheit in der DDR

Hast du Zeit? Ich bin heute in Kiel. Vor einem Jahr hatten Sina und ich uns im Stasimuseum in Berlin-Lichtenberg getroffen. Tag der offenen Tür. Ich besuchte einen Workshop, der einem erklärte wie die Akten zu lesen seien.

Sina und ich hatten ausgemacht, dass wir uns genau ein Jahr später wieder treffen wollten.

Mir kamen die Instandhalter*innen dazwischen.

Frühstück im Bakeliet. Es gibt hier den besten Kaffee Kiels.

Im intensiven Gespräch das thematisch um die Zeit vor 89 kreist, denke ich plötzlich daran: wie eine Amerikanerin zu einer Chemnitzerin sagte: „Da hast du ja endlich jemanden aus deinem Volk gefunden.“

Sina und ich sind aus einem Volk. „Ich habe Akteneinsicht beantragt, erinnerst du dich? Sie sind fündig geworden. Es gibt Akten über ihn.. Es kann noch bis zu zwei Jahren dauern, bis ich Einsicht bekomme. Ich war froh zu erfahren, dass er nicht Recht hatte mit seinem: vergiss es, alle längst geschreddert.

„Hattet ihr Angst vo der Staatssicherheit?“, hatte Karla mich im Interview gefragt. “ Nein, ich hatte keine Angst, aber ich hätte sie haben sollen. Es war normal für mich, zu wissen dass jeder auch hätte Zuträger sein können. Ich habe einfach für möglich gehalten, dass der oder die Andere mit falschen Karten spielt. Bei ihm habe ich es nicht für möglich gehalten.

Langer Spaziergang am Wasser entlang.

Es wird leicht und schwer, leicht und schwer. Schwer in der Thematik der Wochenkrippe und des Wochenheimes.

Man hat den Müttern erzählt, es sei ohnehin besser, wenn die Gesellschaft das Kind erzieht unter professionellen Bedingungen. Sozialistischer Staatsbürger ab der 1.Stunde. Studien die in der CSSR zur Schließung der Wochenheime führten, wurden in der DDR unterschlagen.

Sina gab mir diesen Tipp: https://kpm.med.uni-rostock.de/fileadmin/Kliniken/znkpm/Flyer_Wochenkrippe.pdf

Leicht wurde es bei der Frage wie das Leben zu leben sei.

„Ich will das künftige Leben leben, da soll es Kekse, Marmelade, Schokolade geben, und das man immer auf dem Feld an Bäumen vorbei spazieren kann. Ich will gewöhnlich leben mit Glück“ lässt Platonow in “ Die glückliche Moskwa“ seine Protagonistin sagen.

Komm nach Berlin sagt Sina, im Winter, wenn das Wetter einen runter zieht. Wir tanzen uns durch die Clubs. Ich geh nicht in Clubs sage ich, nie, ich fühle mich zu alt dafür.

Nicht in Berlin, sagt sie, in Berlin ist das egal.

In der Nacht Ulysses gelesen. Was für ein Buch.