Erinnerungssplitter-Partisanengeschichte

Manchmal ist mir mein Vater, der vor zwei Jahren verstarb, so nah, dass diese Sequenzen wieder hervorgeholt werden müssen. Voila Papa.

Bei den langjährigen Lesern des Blog bitte ich um Entschuldigung, dass ich mich wiederhole.

Eines nachts- ich war noch wach, kamst du heim. Geruch von Wein und Rauch.” Die Nacht ist schon auf dem Weg in den Morgen, warum schläfst du nicht, Töchterchen?” Ich erzählte dir von der Angst.

Angst müsse man überwinden. Eine Kerze brannte.

Ich lauschte dem was du erzähltest. Und erzählen konntest du. Mit deiner tiefen Stimme verjagtest du die Geister, warst für mich der der stärkste, klügste, mutigste Papa. In diesen  frühen Morgenstunden erzähltest du die Geschichte der  jungen russischen Widerstandskämpferin, Soja Kosmodemjanskaja, die obwohl so jung, mutig genug war sich ins Hinterland schicken zu lassen. “Es war Krieg Töchterchen. Sie wollte nicht tatenlos zusehen wie Hitlerdeutschland alles zerstörte was ihr lieb und teuer war. Man hat sie gefasst. Man hat sie verhört. Stundenlang nachts barfuß im Schnee stehen lassen. Sie wollten die Namen der  anderen Partisanen. Bevor sie gehenkt wurde,  hielt  sie eine Rede. Eine Rede über die Notwendigkeit des Kampfes.

Die Dichte dieser Erzählung lässt sich schwer in Worte fassen. Atemlos rief ich am Ende aus : “Das könnte ich nie!”

“Doch das könntest du, wenn es notwendig wäre.”

Sequenz 2 Thälmanngedicht

Die Gebäudewirtschaft liegt am Rand der Plattenbaustadt.

Ich steige hinab, zu dem fensterlosen Raum. Die Guppys drücken ihre Fischmäuler an der Aquarienscheibe platt. In meiner Erinnerung schreibt er immer. Tief gebeugt über das Brigadetagebuch, im blassblauen Kittel und schwarzer Hornbrille. Spöttische, satirische Verse auf Arbeitsmoral und Opportunismus.

Villon ist sein Vorbid.

Ich trage mein blaues Halstuch. „Kind“, sagt er. Schön, dass du mich besuchst.“

„Wir sollen ein Gedicht schreiben.“

Ich setze den Lederranzen ab, die Katzenaugen klappern.

„Und bist du dem General für heute entkommen?“ Er meint die Hortnerin, die mit militant autoritären Tonfall für Zucht und Ordnung sorgt.

Ich mag die Schule nicht und den Hort erst recht nicht.

Er beugt sich über die krakelige Schrift. „Hell blühen die Blumen im Frühling. Es blüht auch der Friede in unserem Land. Da war es einmal vor Jahren, dass Thälmann den Weg zum Frieden fand.

„Nun, schön, aber lass es uns gleich noch mal durchgehen. Er erhebt sich. Kontrolliert etwas an den Gasrohren.

„Das Versmaß stimmt nicht. Und schau, dieses: Und Thälmann getroffen am Boden lag und keiner vergisst mehr diesen Tag, das grenzt an Kitsch. Lass es einfach weg. Zeile für Zeile gehen wir durch. Er trinkt schwarzen Tee mit Zitrone, raucht Cabinett. Es dämmert bereits als ich aus den Katakomben aufsteige. „Lass dich mal öfter sehen Töchterchen.“

Die geschwungene Brücke laufe ich hinüber zum Viertel und dem Zuhause mit der dreistelligen Nummer. Ich will werden wie Thälmann oder Janoschik, Held der Berge oder wie mein Vater.

E