Dienstag mit Beginn des letzten Bandes der Recherche und “ Herumtreiberinnen“

Am Frühstückstisch Proust gelesen. Nach sechs Jahren ( mit Pause) neigt sich das Lesen “ Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ dem Ende entgegen.

Erster Arbeitstag nach 10 Tagen Urlaub.

Sechs Jahre in denen aus Kindern junge Erwachsene wurden, ich den Arbeitsplatz wechselte, die Ehe auseinanderging, ich das Reisen wieder aufnahm. Zusammen mit Karla Dresden, Berlin, Leipzig und Prag besuchte. Auf Spurensuche in Halle – Neustadt ging. Jetzt am Beginn des letzten Bandes, schreibt Anna ihr Abitur, und auch Julius bereitet sich auf das flügge werden vor .

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Nachdem im Rummelplatz von Werner Bräunig das Wort “ Tripperburg“ auftauchte, beschloss ich doch zunächst Es mit den “ Herumtreiberinnen “ aufzunehmen. Ich begann skeptisch, weil ich nicht weiß wie es gehen soll, über eine Zeit zu schreiben, die man nicht erlebt hat.

Aber: ich mag den Sprachklang des Romanes sehr. Die Protagonistinnen kommen einem nahe durch eine feine Beobachtung der Emotionen, unter dem Menschsein unter fürchterlichen Bedingungen. Bettina Wilpert schafft vielschichtige Charaktere weit ab von plakativer schwarz- weiss Malerei.

Samstag mit Nike- Proust lesen Tag 162

“ Weil der Wind des Meeres nicht mehr ihre Kleider schwellte, weil vor allem ihr selbst die Flügel durch mich beschnitten waren, hatte sie aufgehört, eine Nike zu sein; sie war zu einer beschwerlichen Sklavin geworden, von der ich mich am liebsten frei gemacht hätte.“

“ Sie war nicht mehr die gleiche Albertine, weil sie nicht mehr wie in Balbec auf ihrem Rad zur Flucht gerüstet schien, unauffindbar wegen der großen Zahl kleiner Badeorte…“

Die Gefangene/ Marcel Proust

Immer noch Donnerstag mit Albertine und Szenen einer Ehe-Proust lesen Tag 161

Als würde man sich in dieser genialen Neuverfilmung von Ingmar Bergmanns „Szenen einer Ehe bewegen.“ Vorausgesetzt man liest „Die Gefangene“

Zwei Menschen unter einem Dach, unfähig zueinander zu finden oder auseinanderzugehen, machen sich das Leben zur Hölle. Albertine wird überwacht, verweigert aber, sich vollständig aufzugeben. In den zwanzig Seiten heute , ist die Trennung vorweg genommen. Ein Täuschungsmanöver Marcels um Albertine klein zu halten, leiden zu sehen. Sie leidet. Und mit dem Leid ebnet sich der Weg zum nächsten Band „Die Flüchtige.“

Man ahnt: das geht nicht mehr lange gut. Marcel kann Albertine nur lieben, wenn er sie schlafend vorfindet. Vielleicht, weil in der Betrachtung jede Verstellung verschwindet und auch die Schlafende jetzt einfach- ist.

Jeder Schlaf und jedes Aufwachen leiten ein neues Kapitel ein oder weisen darauf hin. Marcel vergleicht in diesem heutigen Absatz Albertines Bett mit einem offenen Grab. Nicht nur die Trennung bahnt sich an, auch ihr Tod.

Und sonst?: Hätte gern eine Francoise. Nach der Arbeit eingekauft, vorgekocht, Wäsche gewaschen. Seit Covid benötige ich einen Mittagschlaf. Mein Geruchssinn hat eklatant gelitten. Bisher war dieser essentiell bei meinem Tun. Nun muss es ohne gehen.

Dauerregen, lichtlos, trotzdem am Morgen frühlingshaft. Rabenvögel verließen Schlafbäume, um dem Tagesgeschäft in der Mülldeponie nachzugehen. Technische Krähenrufe dringen aus Lautsprechern. Sie sind zu schlau für solch Täuschungsmanöver.

Ich stehe früh auf, gehe früh zu Bett. Der Nachtmensch in mir trauert. Ich kann diesen frühen Morgenden dennoch etwas abgewinnen.

Freitag mit Fremdbetreuung DDR Doku, Klüssendorf und Proust lesen/Tag152/- Die Gefangene- Heilung

“ Wenn ein Dichter an einer infektiösen Lungenentzündung dahinsiecht, kann man sich dann vorstellen, daß seine Freunde den Pneumokokken erklären, dies sein hochbegabter Mann und sie müssten ihn Heilung finden lassen?“

Marcel leidet an der Liebe zu Albertine.

“ Das kommt daher, daß die Eifersucht gewöhnlich partiell an wechselnden Stellen lokalisiert ist, sei es, weil sie die schmerzhafte Ausweitung einer Angst ist, die bald von der einen bald von der anderen Person geweckt wird, die unsere Freundin lieben kônnte, oder weil unser Denken infolge seiner Begrenztheit als Tatsache nur erkennt, was es sich vorgestellt hat, das übrige aber in einem bestimmten Dunkel läßt, an dem man vergleichsweise nicht leiden kann.“ ( Die Gefangene/ Auf der Suche nach der verlorenen Zeit/ Proust)

Und sonst? : Verbringe täglich nachmittags bis zu zwei Stunden im Stau. Die verlorene Zeit schmerzt und ich nehme mir vor, Grundlagenarbeit per Spotify in Angriff zu nehmen, Platon, Aristoteles, Epikur oder die griechische Mythologie. Im Grunde wird es egal sein wo ich anfange.

Mit Anna und Karla ans Meer gefahren. Meine Fahrangst ist nahezu verschwunden, selbst auf der Autobahn.

Ein Treffen mit der Familie.

Karla liest tatsächlich Macbeth, diesmal allerdings auf Deutsch, weil wir es in Englisch nicht da haben.

Anna, Julius und Karla haben die Impfung gut weggesteckt und ich?

Frieden irgendwie. Bereite mich auf eine weitere Kurzreise vor, dieses mal nicht mit Karla

Lese Klüssendorf “ Jahre später“, vermutlich zum zehnten Mal.

Dazu passt diese Dokumentation irgendwie:

https://www.mdr.de/video/mdr-videos/c/video-537106.html

Aufarbeitung der Kinderbetreuung in Wochenheimen in der DDR.

Montag mit: unterwegs in Dresden und Proust lesen/Tag 147/- Die Gefangene

Lieber N.

die Tage haben ihre physische und psychische Eigenständigkeit, schreibt Proust. So steht dieser Tag für mich unter dem Stern der Dankbarkeit. Ohne dein Wohnungsangebot wäre dieser Urlaub in Dresden nicht möglich gewesen.

Vielen Dank für das liebevolle und herzliche Willkommen, für deinen klugen und humorvoll geschriebenen Reiseführer voller Insidertipps, danke für das Nutzungsrecht deiner Hausbibliothek, danke an deine Kinder für die Kuscheltiere.

Ich habe mir den kleinen Hund herausgesucht, weil er mich an ein Kuscheltier aus meiner Kindheit erinnert.

Der Wasserlilie geht es gut, nur der Basilikum macht mir Sorgen. Dürfen wir die Tomaten auf deinem Balkon ernten, während ihr auf den Spuren Perseus wandelt ?

Ich habe mir heute morgen die griechische Mythologie aus einem deiner Bücherregale genommen. Proust bezieht sich auf Ixios und die Danaiden. Egal was ich im Moment lese, immer bin ich aufgefordert nachzuarbeiten .Mal ist es die Aufklärung, mal Wagner, mal die griechische Mythologie. Ein Fass ohne Boden ist meine Unwissenheit.

Gestern sind Karla und ich am Elbufer entlang geschlendert, bis plötzlich die Altstadt Dresdens am Horizont auftauchte. Du kannst dir nicht vorstellen, welch überwältigenden Eindruck dieses Bild bei uns hinterließ.

Auf uns , die geprägt sind von der überragenden Architektur Kiels.

Wir haben die Frauenkirche gesehen, sind am Albertinum vorbei im schweigenden Staunen.

Was für eine unglaublich schöne Stadt. Es ist das erste Mal, dass wir überhaupt die Mittel haben einen Urlaub dieser Art zu verbringen und ohne deine Hilfe wäre er nicht möglich gewesen.

Danke.

Karla will heute ein Schloss sehen, ich überlege welche Wahl zu treffen ist- Pillnitz oder Meißen?

Proust: schreibt über Marcels Wahn über jede Bewegung Albertines informiert zu sein. Darf man Marcel als Stalker bezeichnen?

Montag mit Kiel und Proust lesen–die Gefangene

Die Frage was im Herbst zu wählen ist bleibt unbeantwortet. Ich fühle mich von keiner Partei vertreten.

Neoliberalmismus, Klimawandel, Fragen über Fragen und kaum Antworten die Antworten wären.

Lese erstmalig wieder Zeitung. Mein Gott was für ein verheerendes Hochwasser.

Gelernt: Karla betreibt Austeritätspolitik.

Proust : Marcel macht sich über eine vergangene Verliebtheit Gedanken und reflektiert: hätte er nur schneller der Verliebtheit die Stromzufuhr entzogen, im Sinne von daran Denken, wäre es viel schneller vorbei gewesen.

Bei Albertine scheint ihm das nicht zu gelingen. Vielleicht weil es keine Verliebtheit ist, sondern reines besitzen wollen. Hat Marcel eigentlich einen Freundeskreis? Einen guten Freund? Ich verstehe diese Albertinegeschichte nicht. Sie machen sich das Leben gegenseitig zur Hölle.

Sonntag mit “ Auf der der Suche nach der verlorenen Zeit/ Tag 141/Die Gefangenene“/Marcel Proust-Seite 1-5

Nach jahrelanger Abstinenz nun wieder hier bei Albertine und Marcel.

Im Zug, der erst in Prag sein Ziel erreicht haben wird, lesen Karla und ich; uns gegenüber sitzend.

Der Atem unter der Maske lässt meine Brille beschlagen, was das lesen erschwert. Gleissendes Morgenlicht fällt durch die Fenster des EC.

Marcel hält Albertine vor den Augen der Welt verborgen. Ihre Seereise hat sie abgesag, lebt mit Marcel in der Pariser Wohnung- gefangen.

Man weiss nicht wie es Albertine geht, bis vielleicht auf die stille ergebene Sanftmut des allabendlichen Kusses.

Marcels Eifersucht ist befrieden. Albertine ist von ihrem Umfeld abgeschnitten. Jetzt wo er sich ihrer sicher ist, liebt er sie kaum, empfindet sie als langweilig.

Marcel geht es so:

“ Mit einemmal ließ die Sonne dann dieses Glasgekräusel in gelbem Licht erstrahlen, vergoldete es und legte in mir behutsam einen jungen Mann aus früheren Tagen wieder frei, den die Gewohnheit lange verborgen hatte, wobei sie mich in einen Erinnerungsrausch versetzte…“

Proust lesen- Tag 140-Die Gefangene-wir leben nur mit dem was wir nicht lieben

Nieselregen, Nebelschwaden, Lieblingswetter. Jetzt kehrt Stille ein im Haus. Ich kehre zu Albertine zurück und bleibe gleich beim ersten Satz hängen.

„Wir leben nur mit dem, was wir nicht lieben, was wir einzig in unsere Nähe gezogen haben, um die unerträgliche Liebe zu töten, ob es sich nun um eine Frau, ein Land oder auch um eine Frau handelt, die ein Land miteinschließt. Wir hätten sogar große Angst, die Liebe könne noch einmal beginnen, wenn es von neuem zu einer Abwesenheit käme.“

Ich stimme nicht überein. Das Verliebtsein hört auf, das Fahrwasser der Liebe ist ruhiger. Zum Glück, wer will schon ständig dieses sich verlieren, das Auf und Ab.

Nein ich stimme nicht überein.

 

Proust lesen Tag 129-Sodom und Gomorrha _Ankunft in La Raspeliere

Proust: Madame Verdurin erhält Nachricht darüber, dass ihr Pianist Dechambre, der die Mittwochabende seit 25 Jahren begleitet hat, gestorben ist. Für Madame Verdurin zählen nur die Lebenden und so entschuldigt ihr Gatte diese Fühllosigkeit mit übergroßer Trauer.

Der kleine Clan wird von Kutschen am Bahnhof abgeholt.  „Begrünte Hügelkuppen senkten sich hinab bis ans Meer, in breiten Weidegründen, denen die Sättigung durch Feuchtigkeit und Salz eine samtige Dichte und lebhaft kontrastierende Töne verlieh. „“Inselchen“ und zerrissene buchten, Sommerhäuser die fast fast alle von Malern gemietet waren, frei umherlaufende Kühe-Idylle pur.

In Raspeliere stehen Verdurins im Smoking zum Empfang bereit, nur Marcel trägt ein Jackett, es ist ihm unangenehm,

Eine weitere Nachricht erreicht die Verdurins: Morel wird kommen, „muss „aber seinen alten Onkel Charlus mitbringen, was zu allerhand Irritation führt. Man scheint Charlus hier wenig zu schätzen. 

Kiel: Laue Oktoberluft, eher ein Rest von Altweibersommer. Der Himmel brennt morgens und abends in  Hellblau und Pink.

Proust lesen Tag 128-Sodom und Gomorrha-auf dem Weg zu den Verdurins

Proust: Wie lange braucht die Fahrt von Balbec nach La Raspeliere? Wo übernachtet man? Weder bekommt man eine Beschreibung der Inneneinrichtuung des Zuges, selten werden andere Fahrgäste (die nicht dem kleinen Clan angehören) beschrieben, abgesehen von der jungen, rauchenden Dame, von der Marcel so fasziniert war.

Er fürchtet diese nie wieder zu sehen. Albertine versucht ihn zu beruhigen, man träfe sich immer zwei Mal im Leben.  „In diesem besonderen Falle täuschte sie sich; ich habe das schöne junge Mädchen mit der Zigarette niemals wieder getroffen oder erfahren, wer sie eigentlich war.“

„Oft noch, wenn ich an sie denke, fühle ich mich von irrem Verlangen erfaßt. Aber die Wiederkehr solcher Wünsche legt freilich die Überlegung nahe, daß man, um solche Mädchen mit dem gleichen Vergnügen wiederzusehen, auch zu dem Jahr zurückkehren müßte, auf das seither zehn andere gefolgt sind, und daß während dieser Zeit das junge Mädchen seine Frische sicherlich eingebüßt hat. Man kann zuweilen ein Wesen wiederfinden, doch nicht die Zeit auslöschen.“

„Doch man spürt, daß das Unterfangen zu groß ist für die geringen Kräfte, die man noch besitzt. Die ewige Ruhe hat schon Intervalle eingelegt, in denen man weder auszugehen noch zu sprechen vermag.“

Was noch geschah: Cottard erzählt, dass Madame Verdurin eine Nachricht erhielt. Ihr Lieblingsgeiger (Morel) hatte sie versetzt.  Sie vermutet, er habe den Zug verpasst. Wir wissen warum.

Cambremers tauchen als zu erwartende Gäste auf, Fürstin Scherbatow wird im Zug gesucht und gefunden und ist nicht die Puffmutter, für die man sie hielt.

Kiel: 5.00 Uhr aufgestanden und Proust gelesen. Als ich später die Tageszeitung aus dem Briefkasten holte, es war noch dunkel, traute sich die Katze erstmals ins Freie. Recht selbstbewusst und so gar nicht vorsichtig.

Wetter: Ein fulminanter rosa, hellblauer Morgenhimmel, der trotzdem etwas geradezu merkwürdiges hatte. Krähen als schwarze krächzende Lichtpunkte. Sonniger, kühler Tag.