Donnerstag mit Bibliotheken und Oscar Wilde

Gut, ich habe übertrieben. Es war nur eine Angestellte die den Namen Oscar Wilde nicht kannte. Die jungen Damen am Tresen waren wissend gewesen, fanden aber auch nahezu nichts.

Ich suchte nach de profundis. Fehlanzeige.

Ich fragte mich was mit den Bibliotheken eigentlich los ist. Schon in Spandau verzweifelte ich. Keine Klassiker.

Sobald das 49 euro Tickett da ist werden die Bücherhallen in Hamburg wieder mein Hauptdomizil.

Aus Verzweiflung gönnte ich mir einen Cappucino im Cafe, einen Luxus den ich mir seit einer finanziell aufwendigen Zerlegung eigentlich nicht mehr leiste.

Am Tresen ein Schild: „Wirr ist das Volk.“

Ich lese Powys: Kultur als Lebenskunst und Kafka: Das Schloss

Dienstag mit gefallener Entscheidung und Krähen

Manchmal ziehe ich die Krähen zu Rate, die ihren Schlafbaum vor meinem Fenster haben.

Und ich rauche nach Feierabend meine einzigen zwei Zigaretten des Tages und sinniere.

Mich beeindruckt ihr Verbund ihr Schwarm, die Späher die auf dem Baum sitzen bleiben, während der Rest des Schwarms hektisch davonflattert, wenn ich das Fenster öffne. Der Schwarm der zurückkehrt, sobald die Lage als sicher erscheint.

Irgendwie hatte sich die Entscheidung über Nacht entschieden.

Am kleinen oder großen Kiel

Samstag mit 1. Januarwoche 23-Berlin

Mittlerweile finde ich meinen Weg durch U-Bahn und S-Bahnnetze ohne mich zu verfransen. In letzter Zeit werde ich von Touristen oft nach dem Weg gefragt. Tut mir leid, sage ich dann, bin auch nicht von hier.

Ich durchquere Berlin von Zehlendorf nach Spandau. Lesend -in der Bahn. Noch immer arbeite ich mich durch die Ästhetik des Widerstands. Nicht einfach zu lesen, aber mit enormen Lernerfahrungen.

Sina und ich sehen: https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2Zlcm5zZWhmaWxtZSBpbSBlcnN0ZW4vM2VkY2VjZDktMTI2NS00OGZkLThlNWEtNzIxMjU5ZjZjMWIz

ES regnet ohne Unterlass. Ein milder Wind versetzt die Stadt in Unruhe. Märzwetter

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Zuhause erschrecken die Krähen bei meiner Rückkehr. Sie verlassen aufgescheucht ihren Schlafbaum vor meinem Fenster.

Ich rauche eine Feierabendzigarette. Sie gewöhnen sich nicht daran.

Q. erzählt über die sprachliche Schönheit in: Das Bildnis des Dorian Gray. Und W. spricht von Zukunftsplänen, Struktur und Form.


Im Iran löscht man das Potential der Jugend aus.

In Russland verheizt man Selbiges an der Front.

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Der wärmste Winter seit immer. Die Imker schlagen Alarm. Chaos im Bienenstock.

Wolfsmond.


Was gut war: Berlin

Das heutige Teetrinken mit W.

Kaffeetrinken mit Q.

Der gestrige Besuch in der Oper

So war die Woche.

Samstag mit Rückblick auf 22

Gestartet von hier:

Umbruch

Gelandet Juni 22

Für mich war das das Musikvideo des Jahres. Gefunden über https://www.instagram.com/howtowaitforalongtime/

Januar 22 Corona. Ich las: Atlas shrugged Ayn Rand, Der fremde Deutsche Thomas Podhostnik, H.G. WElls Krieg der Welten, Dante

März: Besuch in Halle-Neustadt

Lese Peer Pasternack: Halle-Neustadt, kein Streitfall mehr.

Im Juni schickte mir Alexander Carmele dieses mutmachende Video

Juli22:

Urlaub in Wusterwitz Brandenburg: Lese: Malina v. Ingeborg Bachmann

September: Kündigung nach fünfundzwanzig Jahren Berufstätigkeit im Kindergarten

Beginne Ulysses von James Joyce zu lesen.

Oktober: Der Nebenjob wird zum Hauptberuf.

Besuch in Berlin bei Sina.

Mein Dank gilt insesondere Alexander Carmele für den Austausch im vergangenen Jahr, das Teilhabenlassen an den Lektüren, die Inspiration. Eine sehr besondere Stimme in der Buchbloggerwelt, so empfinde ich es.

Und mein Dank gilt B. für die Hilfe beim Finden der neuen Weide.

Freitag mit letzter Kurve im alten Jahr

Lese Jack London, begann nachdem ich diese Dokumentation über ihn gesehen hatte. Ein elektrisierendes Leseerlebnis.

Lese auch Daniel Schreiber: „Doch könnte es nicht sein, dass ich nach diesem Leben allein gesucht hatte? Oder wenigstens ein Teil von mir, ein Teil den ich nicht gerne anschaue?

Jener Teil , der Angst vor den Verletzungen hatte, die mit Beziehungen unweigerlich einhergehen….Jener Teil also, der nicht viele Menschen nah an sich heranließ. Vielleicht lebe ich allein, weil ich allein leben wollte.“ Daniel Schreiber „Allein“

Ich schiebe das Buch beiseite.

Die Krähen haben den Baum vor meinem Schlafzimmerfenster als Schlafbaum erkoren. Ich gehe zu Bett, wenn sie sich dort sammeln und wache auf , wenn sie aufbrechen. Manchmal, ich rauche nur noch sehr selten, versetze ich sie in Panik. Dann wenn ich auf das Fensterbrett klettere und den Rauch in die Winternacht entlasse. Sie haben noch immer nicht gelernt, dass keine Gefahr von mir ausgeht.

Was für ein Jahr: Das empty nest syndrom erwischte mich mit voller Härte. Wenn ich etwas wirklich vermisse, so sind es die Kinder.

Im Juli bezog ich die kleine Wohnung. Sie ist schlicht, voller Pflanzen und schön. Im Oktober wechselte ich den Arbeitsplatz.

Nach fünfundzwanzig Jahren Arbeit im Kindergarten.

Das Jahr im größeren Zusammenhang gesehen war brutal: Der Krieg gegen die Ukraine, die brutale Niederschlagung der Revolution im Iran, die Verbannung der Frauen von der Universität in Afghanistan.

Die Erde hat Fieber. Wer kaufen kann kauft trotzdem. Nach mir die Sintflut.

Was Mut macht: die Generation, die versucht gegenzuhalten zu verändern.

Ich lese noch immer in der Ästhetik und manchmal auch in Ulysses. Aber das 15. Kapitel ist nicht zum Aushalten.

Donnerstag mit Man trägt Kater

Heute traf ich den Nachbarn.

Geht ihr Gassi?, fragte ich.

Schnell zum Tabakladen, antwortet der Nachbar.

An der Schule darf er immer ein bisschen balancieren- der Kater, der Mister Whiskey heißt.

Aber meistens will er getragen werden.

Cooles Outfit, sage ich.

Ja ein chinesisches Neujahrskostüm.

Und dann erzählt der Nachbar von Fahrradtouren über Land mit Kater im Fahrradkorb oder Spaziergängen am Strand, Sand mag der Kater sagt er. Da läuft er.

Später lese ich die Ästhetik von Peter Weiss. Es ist als habe ich mich auf die Spuren meines Vaters begeben.

Danke Alexander Carmele. Dieses Buch erschließt mir ein Stück Vergangenheit.

So vieles beginne ich in einem anderen Licht zu sehen.

Auf dem Herd köchelt Suppe. Ich gab Sternanis, Zimt, Nelken hinzu, Chili und Lemon, Fischsauce und Rinderbrühe, frischen Koriander und Basilikum. Ein atemberaubender Duft von Ferne durchzieht die kleine Wohnung in der kleinen Straße.