Donnerstag mit Möbel Höffner-Kiel

Der Nachthimmel ist verblasst. Die frostklare Luft trägt das Heulen des Karakatschans über den zugefrorenen See. Fast metallisch klar auch das Krächzen der Krähen, das Scharren der Pfoten über das Eis. Und noch etwas anderes ist da. Das Heulen des domestizierten Wolfes wird von dumpf tönenden überdimensionalen Hammerschlägen pariert.

Unter diesem Schlägen wurde schon eine Kleingartensiedlung zermalmt.

Der Mensch will wohnen. Offensichtlich muss das schwedische Möbelhaus den Ansprüchen nicht gerecht geworden sein. Vielleicht darum seit Wochen dieser wuchtige Baustellenlärm, der davon zeugt, dass Möbel Höffner Nachbar von Ikea wird.

Ich schaue mich im Zimmer um. Den massiven Schreibtisch bekam ich von Herrmann geschenkt bevor er nach Afrika in die Entwicklungshilfe ging. Das Bett und die Regale baute der Gatte. Den massiven, blauen Bauernschrank vermachte mir Svenja bevor sie umzog. Das Hundesofa bekam ich ebenfalls umzugsbedingt geschenkt. Gekauft ist einzig der türkise Samtsessel und ein Bücherregal.

Der Gatte nimmt knurrend den Avocadowunsch entgegen und murmelt etwas von Regenwald. Der Tag beginnt.

Fünfter Montag im März mit „Faust“

Gestern statteten wir auf Grund von Annas Bitte, dem Thalia Theater einen digitalen Besuch ab. Früher in der Hamburger Zeit, strich ich manchmal sehnsüchtig um das Theater herum. Es passte nie in den Zeitplan, „Vor dem Fest“ hin oder her.

Heute wird Faust 1 gestreamt. Anna meint man könne die Zeit nutzen, in der Oberstufe käme es so sicher dran wie das Amen in der Kirche.

Wir erläutern kurz worum es geht, der Vorhang öffnet sich. Julius hat Burger für die ganze Familie gemacht.

Es geht los: Schnell gesprochen, man kommt nur schlecht hinterher, Die Inszenierung ist zu weit vom Original entfernt. Sie eignet sich nicht zur Einführung. Was wir brauchen ist Faust for Beginners. Das Theaterstück wird 24 Stunden online sein, das reicht um Gründgens vorzuziehen und anschließend Teile dieser Thalia Aufführung zu sehen (Faust als ausgebrannter Lehrer ist schon eine witzige Idee).

Wir wechseln zu Gründgens.

Sehen sie einmal eine grandiose Aufführung aus den sechzigern, unterbrochen mit Werbung aus den 2020zigern in Zeiten von Corona. Ein surrealer Mix. Später als die Teenies schon im Bett sind suche ich im Netz nach „Faust für die Jugend“ und finde diese virtuelle Ausstellung. Ich war noch lange unterwegs..

Angela Merkel bittet um Geduld, ich finde das logisch, stecke aber nur zu einem Teil in der Haut derer die ihr Leben als Selbstständige bestreiten. P. aus Bayern sagt, bei ihr ginge es ganz klar um die Existenz. Sie hat eine kleine Werkstatt für Glas und Keramik.

Ich werde jetzt zur Arbeit fahren. Hinaus in das nordische Mistwetter. Und wenn ich nach Hause komme, werde ich mit Ubu und Keks durch das nordische Wetter laufen und genießen, dass die Flaniermeile wieder begehbar ist. Ich werde die aufnahmen aus dem Vogelhäuschen auswerten. Gestern waren neben Kohl und Blaumeisen, Sperlingen und Rotkehlchen auch Amsel und Drossel zu Gast.

Noch später werde ich Maja Lunde lesen, ein wenig, dann modern family schauen, Faust und den Teenies die Ausstellung zu zeigen. So wird der Tag oder vielleicht wird er auch ganz anders. Wer weiß das schon?

Der vierte Montag im März

Karla ist gut gelaunt. Ihr Gesangsunterricht geht online.

C. schickt ein Livevideo für Karla über Meeresbiologie. Danke C!

Gestern war die Gospelkirche zum ersten Mal virtuell und es war wirklich berührend. Das Leben verlagert sich ins Netz. Wie macht X. das denn mit dem Ballettunterricht?“, fragte ich nach Hamburg. „Online, Tennis auch, Sportunterricht auch, Klavier auch. Sie hat zu tun.“

Ich schreibe am Bericht. S. will skypen, aber ich habe weder Webcam noch Mikro. Beim bösen Onlineriesenversand ist die Webcam nicht lieferbar, dafür aber bei M. Markt. In zwei Wochen, aber das ist okay.

Ich schreibe am Bericht. In der Küche bricht ein lautstarker Streit aus. Es geht um eine Suppe die nur Karla kochen kann, aber nicht kochen will. Anna ist stinksauer. Am Ende stehen sie vereint am Kochtopf und singen zu „Das bischen Haushalt macht sich von allein.“ Die Suppe schmeckt köstlich.

Kartoffeln, Lauchzwiebeln, Möhren, Mais, Brühe, Pfeffer, Muskat und Sahne, sagt Karla. Sie kann keine Mengenangaben, sie macht das nach Gefühl.

Bis 15.00 Uhr habe ich weiter am Bericht geschrieben. Der Gatte gibt derweil virtuell seine erste Klavierstunde.

15.00 Zeit um eine große Gassirunde zu gehen

Der Waldweg ist die reinste Flaniermeile. Ungefähr so wie sonst auf der Holstenstraße. Schön, dort auf Distanz plaudern zu können. Himmelblauer Himmel und Sonne. Die Meisen fressen das Futter nicht, auch nicht mit Kokosöl. Die Meisen haben noch nicht verstanden, dass besondere Zeiten Disziplin und einschränkung erfordern.Ich will nicht wegen Meisenknödel in den Supermarkt. Unser Einkauf ist erst für Freitag geplant, aber J. fährt Mittwoch und bietet an etwas mitzubringen.

Die Kanzlerin ist in Quarantäne. Ich finde es beeindruckend wie sie das Land durch die Krise lenkt. Und die Rede fand auch ich phänomenal. Respekt für all die die jetzt an vorderster Front stehen

So war der Montag.

Dritter Mittwoch im März mit brütenden Graureihern und Einengung der Grenzen

Update: Ab morgen haben wir noch striktere Regeln. Kein Besuch, auch nicht zum Joggen.

Der Tag ist wie vernebelt. Beständiger Sprühregen, diesiges Einheitsgrau, kühl.

Büroarbeit.

Später lese ich“Faserland“. Uff. Da sehnt sich einer aus seiner übersättigten Welt in Quarantäne bzw. Isolation. Also Ausgangssperre durch Wetter auf einer nordischen Insel. Mit Isabella Rosselini und Kindern.

Der Wunsch nach Isolation. Beschämt gestehe ich mir den Wunsch ein, dass ein machtvolles Wort von Ganz Oben die Dinge richten würde. Diskutieren sie mal mit Teenagern über Besuch, Joggen gehen etc.. Und Unsere geben sich echt Mühe. Aber natürlich fragen sie sich auch wozu sie drin bleiben sollen, wenn Opa es bewusst nicht tut. Hier im Vorort erscheint es seh

Andererseits gibt es Familien mit erheblichen Herausforderungen. Für diese wäre eine Ausgangssperre heftig. Wir werden nicht drum herum kommen den Freiraum noch drastischer einzuschränken.

Die Teenies joggen, spielen Klavier, hängen ab. Alle sind den Umständen entsprechend gut gelaunt. Die Klassenfahrt ist noch am Beginn. Ein Telekommitarbeiter verlegt Kabelanschluss, versiert, ruhig, umsichtig.

Dem Gatten die Reiherinsel gezeigt. Sie brüten sagt er, und jetzt wo er das sagt, sehe ich die Horste auch.

Ein wenig Haushalt, ein wenig Faserland. Der kleine T. hat eine Lungenentzündung. Getestet wurde er nicht. Die Eltern sind zu recht besorgt.

Dritter Dienstag im März mit Insel der Graureiher und neuem Rhythmus

War ich gestern noch besorgt, so musste ich heute sehen: Kein Grund zur Sorge.

Die Teenager stehen später auf, setzen sich dann aber nach dem Frühstück ans Lernmaterial. Von selbst.

Ich bin zur Arbeit gefahren und habe mir Bürosachen mitgenommen.

Mit Ubu und Keks ging ich eine lange Runde zur Insel der Graureiher. Magisch.

Anna ging nachmittags laufen und schraubte an einem Motorrad herum, Karla ging mit Freundin zum Pflegepferd. Später brachen sie zu einer Fahrradtour auf, Julius baute. Heißt soviel wie: Aktivitäten im Freien erlauben wir solange sie nicht mehr als zwei treffen.

Viele Geschäfte schließen morgen. Die Teenager nehmen es gelassen. Schleswig-Holstein ist für Touristen nun Sperrgebiet, aber das betrifft unseren Alltag hier nicht. Was uns betrifft: Kollegen meines Mannes, selbstständige Künstler, berichten von massiven Existenzsorgen.

Fazit des Tages: Ich bin erstaunt wie schnell die Schulen sich an die neuen Bedingungen anpassen, aber auch die Teenies haben das heute gut hinbekommen.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass dieser Mediziner Wodarg mit seinen Ansichten über Corona immensen Schaden anrichten könnte. Er wurde mir heute schon dreimal zugeschickt…..

Zweiter Samstag im März

„Der ABK arbeitet weiter“, ich solle mir keine Sorgen machen, sagt S. und der muss es wissen. Er bezieht sich auf die Abfalltonnen. Der Gatte hat schnell noch den Bulli vollgeladen, er will sanieren.

Anna will sich auf den letzten Drücker noch mit Bastelutensilien eindecken, sie erwartet dass auch bald die Geschäfte geschlossen werden. Ihr Trainingsplan steht bereits, das Fitnessstudio hat dankenswerter Weise geschlossen.

Ich hab mich mit Büchern eingedeckt, werde aber auch arbeiten- Büro, Putzen, Aufräumen, dass was eben ansteht wenn keine Kinder da sind.

Ich whats appe viel mit Hamburg. Harry Potter ist nun bis Ende September in den Ruhezustand versetzt. Man mag sich gar nicht ausmalen wie sich das für alle dort anfühlen mag. Und auch hier ist zu erleben wie hart es ist, wenn Stücke , Konzerte, Workshops auf die man so lange hingearbeitet und hingefiebert hat plötzlich nicht stattfinden können. Wenn Harry Potter im Oktober wieder aufmacht, sind wahrscheinlich die ersten Kinderdarsteller zu groß geworden.

Karla ist immer noch sehr traurig weil das Leben in den Akademien am Theater pausiert. Ich hatte manchmal, wenn ich sie abholte den Gesang gehört und mich wirklich auf dieses Musical gefreut. Es klang so peppig und perfekt.

Bisher sind wir familiär noch nicht von finanziellen Einbußen betroffen, aber ich bin mir sicher dass das folgen wird. Es trifft uns lange nicht so hat wie Andere.

Nicht destso trotz, die Maßnahmen sind notwendig. Mit Ubu und Keks habe ich eine Runde durch den Wald gedreht. Die Natur zeigt sich unbeeindruckt. Die Sonne scheint, der Kleiber lärmt und der Specht baut sich eine neue Behausung.

Erster Samstag im März mit Fitnessstudio 50+ in Kiel

Unser Koch hat mir das Buch „Achtsam Morden“ ausgeliehen. Ich will nur schnell anlesen, finde es aber spätestens dann unwiderstehlich, als Emily die Tochter des Strafverteidigers alle Chefsessel der Kanzlei mit Textmarker verschönert. Ihr Vater, erfolgreicher Strafverteidiger, schmiedet derweil mit seinem Drogenbossklienten Fluchtpläne. Witzig und spannend ist das. Das Buch hat entschieden: Wir verbringen das Wochenende zusammen. Eine Achtsamkeitszeitinsel.

Die Klassenfahrt von Anna und Julius nach Italien wurde auf Oktober verschoben. Einkaufsengpässe gibt es gerade nicht.

Karla kam mit einem Händewaschtraining nach Hause, welches dieser Parodie von Daniel Kheirikhah sehr ähnelt.

Entdeckt habe ich es bei Vorspeisenplatte.

Ansonsten gibt es keine Auswirkungen von Corona auf unseren Alltag . Alles läuft wie gehabt.

Anna heute morgen: „Mama, ich finde du solltest Sport machen. „

Ich weiß, das sie Recht hat. Es gibt da nur die Frage: Wie? Ich bin immer noch übergewichtig, keine 90 kg, trotzdem Übergewicht. Keine Lust mich mit lauter durchtrainierten Menschen zu umgeben. Und ich bin jetzt 50, was bedeutet, dass ich ebenso wenig Ambitionen habe, mit den Mitschüler/innen meiner Kinder zu trainieren. Kurse möchte ich auch nicht machen,vielleicht später. Zu befürchten ist, dass ich mich auf die Suche machen muss.

Schneeglöckchen, Narzissen, Krokusse, blühende Bäumchen, lärmende Vögel. Der Frühling ist da, auch hier im Norden. Habt ein schönes Wochenende!